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21.08.2011

13:58 Uhr

Gaddafi auf der Flucht?

Die Macht des libyschen Diktators ist gebrochen

Der Kampf um Tripolis tobt mit voller Wucht, Gerüchten zufolge ist Machthaber Gaddafi bereits geflohen. In der Nacht rief sein Sohn noch zum Widerstand auf. Dennoch scheint die Macht des Despoten gebrochen zu sein.

Exil-Libyer in Tunis feiern die Fortschritte der Rebellen im Kampf gegen Gaddafi. dpa

Exil-Libyer in Tunis feiern die Fortschritte der Rebellen im Kampf gegen Gaddafi.

Tripolis/AlgierMögliche Wende im Bürgerkrieg in Libyen: Nach nächtlichen Kämpfen zwischen Aufständischen und Regierungstruppen in Tripolis soll der bedrängte Machthaber Muammar al-Gaddafi die Hauptstadt in Richtung algerische Grenze verlassen haben. Aus gut informierten Kreisen in Tripolis verlautete am Sonntag, er halte sich mit seiner Familie in einer Region unweit der Grenze auf. Im Stadtzentrum, das noch von Gaddafis Anhängern kontrolliert
wird, herrschte am Sonntagvormittag wieder Ruhe.

Nach Informationen des "Spiegel" wurden zum Schutz deutscher Diplomaten Elitepolizisten des Bundes entsandt. Die GSG 9, Spezialeinheit der Bundespolizei, ist bereits in Libyen im Einsatz. Die Beamten haben die Sicherheitsberatung des deutschen Verbindungsbüros in der Rebellenhochburg Bengasi übernommen, das Bundesaußenminister Guido Westerwelle (FDP) im Mai einrichten ließ.

Rebellen erreichen Tripolis

Video: Rebellen erreichen Tripolis

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Eine Bestätigung für die Nachricht von der Flucht Gaddafis aus Tripolis gab es zunächst aber nicht - weder von den Rebellen noch von algerischer Seite. Ein Beamter des Außenministeriums in Algier sagte auf Anfrage, Gaddafi halte sich derzeit nicht in Algerien auf. Das libysche Fernsehen hatte in der Nacht eine vorab aufgezeichnete Rede von Gaddafis Sohn Seif al-Islam vor einer Gruppe von Anhängern ausgestrahlt. Darin sagte dieser, es sei ausgeschlossen, dass er und sein Vater das Land verlassen würden.

Vom Aufstand gegen Gaddafi zum Kampf um Tripolis

15. Februar

Die Protestwelle aus Tunesien und Ägypten schwappt auf Libyen über. In Bengasi kommt es zu Zusammenstößen zwischen Aufständischen, der Polizei und Anhängern von Machthaber Muammar al-Gaddafi. Blutige Kämpfe folgen.

25. Februar

Bengasi wird Rebellen-Hochburg, Regierungstruppen sind nicht mehr in der Stadt. Die USA verhängen Sanktionen, um Gaddafi zum Nachgeben zu zwingen.

26. Februar

Gaddafis Truppen kontrollieren nur noch wenige Großstädte im Westen, darunter ihre Machtbasis Tripolis. Die Vereinten Nationen beschließen Strafmaßnahmen.

27. Februar

Vermutlich Tausende Menschen sind tot oder verletzt. Die Aufständischen bilden eine Übergangsregierung, spalten sich aber. Ein Teil gründet den libyschen Nationalrat in Bengasi. Die Kämpfe gehen weiter.

28. Februar

Auch die Europäische Union beschließt einstimmig Sanktionen, die am 11. März in Kraft treten. Konten der libyschen Führung in deutschen Banken werden eingefroren.

2. März

Luftwaffeneinsatz der Gaddafi-Truppen; sie dringen in Rebellengebiete im Osten ein.

5. März neu

Der libysche Nationalrat fordert eine Flugverbotszone. Erbitterte Kämpfe um strategisch wichtige Städte.

11. März

Gaddafis Truppen übernehmen die Kontrolle über die Stadt Al-Sawija, später auch den Ölhafen Ras Lanuf und die Hafenstadt Brega. Die Opposition bittet um Verhängung einer Flugverbotszone.

12. März

Arabische Liga fordert eine Flugverbotszone.

17. März

Der UN-Sicherheitsrat billigt eine Flugverbotszone ohne Einsatz von Bodentruppen. Deutschland enthält sich.

18. März

Gaddafis Regime kündigt einen Waffenstillstand an. Die Aufständischen beklagen indes fortgesetzte Angriffe.

19. März

Spitzenpolitiker aus aller Welt stimmen in Paris das weitere Vorgehen ab. Kurz danach starten die USA, Frankreich und Großbritannien einen ersten Militärschlag gegen Libyen.

20. März

Nach massiven Luftangriffen gegen libysche Militäreinrichtungen droht Gaddafi mit Vergeltung.

23. März

Die Nato beginnt mit der Durchsetzung des Waffenembargos.

Ende März, erste Aprilwoche

Unklare Lage um die Städte Misrata, Sirte und Ras Lanuf, die Kontrolle wechselt immer wieder zwischen Regierungstruppen und Rebellen.

7. April

Zum zweiten Mal werden Rebellen durch einen Nato-Luftschlag getötet.

April

Den ganzen Monat lang wogen Kämpfe um Misrata.

28. Mai

Die Nato greift erneut Ziele in Tripolis an. Russland schließt sich den Rücktrittsforderungen an die Adresse Gaddafis an.

7. Juni

Die Nato intensiviert ihre Tagangriffe auf Tripolis.

13. Juni

Die Bundesregierung erkennt den Nationalen Übergangsrat als legitime Vertretung des libyschen Volkes an.

26. Juni

Rund 100 Tage nach Beginn der Kämpfe weigert sich Gaddafi nach wie vor, abzutreten.

11. Juli

Die libysche Regierung steht mit mehreren Regierungen in Verhandlungen, um den Krieg zu beenden.

Juli und August

Schwere Kämpfe um eine Reihe von Städten, Fortsetzung der Nato-Luftangriffe.

20. August

Heftige Gefechte in Tripolis. Die Rebellen kontrollieren nach eigenen Angaben Teile der Hauptstadt. Es gibt viele Tote. Der Kampf um die Hauptstadt hat begonnen.

Die Nato kann nach eigenen Angaben nicht mal die Berichte über einen Vorstoß der Rebellen bis auf Tripolis bestätigen. Nato-Sprecher Oberst Roland Lavoie sagte am Sonntag in Brüssel, die Lage verändere sich allerdings ständig und die Rebellen seien in der Offensive. Es sei schwer, den Frontverlauf genau zu bestimmen.

In der Nacht hatte es in Tripolis aber offenbar Kämpfe zwischen Gaddafis Truppen und Aufständischen gegeben. Nach Angaben von Augenzeugen werden die Viertel Tadschura und Suk al-Dschumaa inzwischen von den Rebellen beherrscht. Die Kämpfer hätten auch die Kontrolle über den Internationalen Flughafen von Tripolis übernommen, berichtete ein Rebellensender. Anwohner hörten bis zum Morgengrauen Schüsse und Luftangriffe der Nato. In einer während der Gefechte im staatlichen Fernsehen übertragenen Audiobotschaft nannte Gaddafi die Rebellen „Verräter“ und „Ratten“ und beschuldigte sie, Libyen zerstören zu wollen. Seine Anhänger rief er auf, in Massen die Rebellion zu beenden. Die europäischen Länder und namentlich Frankreich bezichtigte er, hinter dem libyschen Öl her zu sein.

Der arabische Fernsehsender Al Arabija berichtete, die Aufständischen hätten Dutzende Soldaten Gaddafis gefangen genommen. Doch auch die Aufständischen erlitten hohe Verluste. Allein bei den Gefechten im Stadtviertel Tadschura kamen nach Angaben eines Rebellenführers laut Al-Dschasira mindestens 123 Aufständische ums Leben.

Der Vorsitzende des Übergangsrates, Mustafa Abdul Dschalil, sagte Al-Dschasira, dass alle Aktionen vorbereitet und koordiniert seien. Die Nato hatte ihre Kampfeinsätze am Samstag stark auf Libyens Hauptstadt konzentriert. Die Kampfjets der internationalen Truppen hätten allein in Tripolis 22 Ziele angegriffen, berichtete die Nato am Sonntag in Brüssel.

Der Gaddafi-Clan

Muammar al-Gaddaf

Libyens Machthaber hat mehrere seiner Kinder in Schlüsselpositionen seines Landes untergebracht. Sein jüngster Sohn Saif al-Arab al-Gaddafi wurde in der Nacht zum Sonntag bei einem Luftschlag der Nato auf Tripolis getötet. Mitte März soll bereits sein Bruder Chamies Opfer eines Kamikaze-Piloten geworden und in einem Krankenhaus in Tripolis gestorben sein. Gaddafi ist seit 1970 in zweiter Ehe mit der Krankenschwester Safija Farkash verheiratet. Mit ihr hat er sieben Kinder.

Mohammed Al-Gaddafi

Der Informatiker wurde 1970 geboren und leitet das staatliche Post- und Fernmeldeunternehmen. Zudem besitzt er zwei libysche Mobilfunk-Anbieter. Er ist das einzige Kind von Gaddafi und der vermögenden Offizierstochter und Lehrerin Fatiha. Die Ehe wurde 1969 nach einem halben Jahr geschieden. Mohammed Al-Gaddafi führt zudem das Nationale Olympische Komitee.

Saif Al-Islam Al-Gaddafi

Sein Vorname wird mit „Schwert des Islams“ übersetzt. Nach einem Studium der Architektur und Wirtschaftswissenschaften in Tripolis, Wien und London gründete er 1999 die formal unabhängige Gaddafi-Stiftung für Entwicklung. Ihm gehören mehrere Wirtschaftsunternehmen. Nach Kritik am Führungsstil seines Vaters hatte er 2006 vorübergehend das Land verlassen. Seitdem gilt er im westlichen Ausland als möglicher reformorientierter Nachfolger des Diktators. Saif wurde 1972 geboren.

Al-Saadi Al-Gaddafi

Er besuchte die libysche Militärakademie und hat - wie sein Vater - den Rang eines Obersten. Nachdem er als Kommandant einer Eliteeinheit Islamisten in Libyen bekämpft hatte, ging er 2003 als Fußballprofi nach Italien. Er stand dort bei mehreren Erstligamannschaften unter Vertrag, kam aber kaum zum Einsatz, bevor er sich nach Doping-Vorwürfen verabschieden musste. Heute ist Al-Saadi (geboren 1973) Präsident des libyschen Fußballverbandes.

Mutassim Billah Al-Gaddafi

Mutassim (geboren 1975) absolvierte eine militärische Ausbildung in Libyen und Ägypten. Nach einem Zerwürfnis mit dem Vater floh er vorübergehend nach Ägypten. Später durfte er zurückkehren und befehligt nun die einflussreiche Präsidentengarde. In den vergangenen Jahren wurde Mutassim Billah wiederholt vom Vater mit wichtigen politischen und diplomatischen Aufgaben betraut.

Aischa Al Gaddafi

Die Juristin (geboren 1976) ist die einzige Tochter des Herrschers. Sie studierte in Tripolis und Paris. Aischa gehörte zu der Gruppe von Rechtsanwälten, die den gestürzten und später hingerichteten irakischen Diktator Saddam Hussein verteidigte. Sie ist seit 2006 mit einem Cousin ihres Vaters verheiratet und leitet heute eine libysche Wohltätigkeitsorganisation.

Hannibal Al-Gaddafi

Der Absolvent der Militärakademie in Libyen (geboren 1977) geriet durch seinen luxuriösen Lebensstil und Gewalttaten in die Schlagzeilen. 2005 soll er eine Freundin in einem Pariser Hotel niedergeschlagen haben. 2007 verhaftete ihn die Schweizer Justiz, weil er in Genf Hausangestellte misshandelt haben soll.

Saif-Al-Arab Al Gaddafi

Über diesen Sohn ist wenig bekannt. Nach Angaben eines libyschen Regierungssprecher war er bei seinem Tod in der Nacht zum 1. Mai 2011 etwa 29 Jahre alt. Er soll in München studiert haben, wo Saif-al-Arab mehrfach der Polizei auffiel, unter anderem wegen seines besonders lauten Ferraris und wegen Schlägereien in Nobel-Diskotheken.

Chamies Al-Gaddafi

Der nach Medienberichten nun getötete Sohn (geboren 1980) ist ebenfalls weitgehend unbekannt. Nach einer militärischen Ausbildung in Russland soll er zuletzt eine wichtige Funktion im libyschen Sicherheitsapparat bekleidet haben.

Milad Aubustaia Al-Gaddafi

Muammars Neffe wurde von dem Herrscher adoptiert. Während eines US-Bombenangriffs auf Tripolis 1986 soll er nach libyscher Legende das Leben des Machthabers gerettet haben. Die 15 Monate alte Adoptivtochter Hana wurde bei dem Bombardement getötet.

Attackiert wurden demnach Militäreinrichtungen, Lagerhallen, gepanzerte Fahrzeuge, Raketen und Raketenwerfer sowie Radarsysteme. Insgesamt habe die Nato am Samstag 36 Kampfeinsätze über Libyen geflogen. Neben Tripolis griff das Bündnis auch Ziele in Sirte, Al-Brega und Slitan an.

Aus der Industriezone der monatelang umkämpften und zuletzt von den Rebellen eingenommenen Öl- und Hafenstadt Al-Brega mussten sich die Aufständischen nach eigenen Angaben wegen starken Beschusses durch die Gaddafi-Truppen am Samstag wieder zurückziehen. Der Übergangsrat der Rebellen hatte in den vergangenen Monaten mehrfach erklärt, für die Eroberung von Tripolis setzte man auf den „Kollaps des Regimes“
und die Unterstützung durch „geheime Zellen“ von Sympathisanten in Tripolis. In den vergangenen Tagen hatten die Rebellen auf ihrem Vormarsch nach Tripolis große Geländegewinne erzielt.

Kommentare (8)

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Pendler

21.08.2011, 11:58 Uhr

Glückwunsch an die Obama Administration,


die über Wikileads eingeleiteten Revolten im arabischen Lager haben jetzt auch die 3. Islamisten-Brutstätte zu Fall gebracht.

Als nächstes dann Syrien.

Selberdenker

21.08.2011, 12:36 Uhr

Islamisten-Brutstätten sind gefallen? Vor dem lauten Hurra-Schreien würde ich erst mal abwarten ob aus den Diktaturen nicht die neue Gottesstaaten werden.

Pendler

21.08.2011, 13:25 Uhr

doch werden sie erst einmal

Aber mit Bürgerkrieg (der sicher folgt) hat man noch jeden Staat in die Knie bekommen. Alles ist nur eine Frage der Zeit.

Aber die Islamisten brauchen trotz aller Ideale GELD. Und genau der Geldhahn wird durch die kommenden Bürgerkriege versiegen.

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