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03.03.2017

12:26 Uhr

Gaggenau und der Fall Yücel

Das Ende der deutsch-türkischen Beziehungen

VonOzan Demircan

Der Streit um den Wahlkampf-Auftritt in Gaggenau zeigt: Bilaterale Beziehungen zwischen Deutschland und der Türkei existieren nicht mehr. Die Schuld für den Knall trägt Erdogan – er verliert die Kontrolle. Eine Analyse.

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Ich weiß nicht, wie oft schon geschrieben wurde, dass die deutsch-türkischen Beziehungen „am Tiefpunkt angelangt“ oder „einen neuen Tiefpunkt erreicht“ haben. In diesen Tagen gibt es wieder so eine Gelegenheit. In Istanbul wird der deutsch-türkische Journalist Deniz Yücel in Untersuchungshaft gesteckt – im schlimmsten Fall für bis zu fünf Jahre. Der Bürgermeister einer baden-württembergischen Kleinstadt lädt den türkischen Justizminister aus, der sagt daraufhin ein Treffen mit seinem deutschen Amtskollegen ab. Ankaras Außenminister setzt nach: Wenn Deutschland die deutsch-türkischen Beziehungen aufrechterhalten wolle, müsse es „lernen, sich zu benehmen“. Tiefer geht’s nicht mehr.

Die Wahrheit ist: Es gibt überhaupt keine deutsch-türkischen Beziehungen mehr. Wer sich gegenseitig einsperrt oder auslädt, der hat die Lust am kritisch-konstruktiven Dialog verloren. Wer in Berlin demonstrativ einen verurteilten Journalisten ins Präsidialamt einlädt und wer in Oberhausen, Gaggenau oder sonst wo das Recht der Meinungsfreiheit missbraucht, um für ihre Abschaffung im eigenen Land zu werben, der will provozieren.

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Die Beziehungen zwischen Ankara und Berlin sind auf dem Tiefpunkt: Deutsche Kommunen verbieten türkische Wahlkampfauftritte. Türkische Politiker sind empört. Es gab sogar eine Bombendrohung gegen das Rathaus in Gaggenau.

Und wer einen (Flüchtlings-) Pakt schließt, der keinen gemeinsamen Nutzen hat, sondern nur einen politischen für die eine Seite und einen monetären für die andere, der braucht nicht von Partnerschaft zu sprechen.

Der Bürgermeister von Gaggenau, Michael Pfeiffer, hat mit seiner Absage an den türkischen Justizminister Bekir Bozdag nur den Vorhang für den vorläufig letzten Akt der deutsch-türkischen Eskalationspolitik geöffnet. Auch Deniz Yücel ist nur das Ventil für die angestaute Wut auf beiden Seiten, die jetzt freigelassen wird.

Zwischen der Türkei auf der einen Seite und Deutschland und dem gesamten Westen auf der anderen Seite lief es noch nie wie geschmiert. Schon bei der Gründung ihrer Republik glaubten viele Türken, der Westen habe sie durch den Friedensvertrag nach dem Ersten Weltkrieg zahlreicher Landmassen des Osmanischen Reiches beraubt.

Als dann die ersten Gastarbeiter nach Europa auswanderten, wurde sofort der Vorwurf laut, die Deutschen würden sie wie Dreck behandeln. Nicht zuletzt verfing sich die Bundesrepublik in den letzten Jahren im Schleier um die Aufklärung der NSU-Morde, bei denen acht Türken starben.

Den Dolchstoß für die deutsch-türkischen Beziehungen hat allerdings der türkische Staatschef Recep Tayyip Erdogan gesetzt. Das liegt vor allem an Erdogans Kontrollverlust im eigenen Land. Das klingt zunächst paradox: Der 63-Jährige gilt als mächtigster Mann der Türkei seit Mustafa Kemal Atatürk, dem Gründer der Republik. Seit 2002 hat Erdogan keine Wahl verloren, wird vom einfachen Bürger bis hin in hohe Wirtschaftskreise als Vordenker und Heilsbringer verehrt. Auch im Westen genoss Erdogan als Reformer hohes Ansehen.

Kommentare (37)

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Account gelöscht!

03.03.2017, 12:41 Uhr

Türksicher Aussenminister warnt Deutschland vor Konsequenzen.

Wenn er das so macht wie seine Landsleute hier in Deutschland dürfte sich das in etwa so anhören:

"Hey du, was willst du".

Account gelöscht!

03.03.2017, 12:42 Uhr

Das annehmen man dann noch steigern: "Willst du eins auf die Fresse, he".

Rainer von Horn

03.03.2017, 12:42 Uhr

Wann kommen unsere Soldaten aus Incirlik denn wieder frei?

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