Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

08.06.2011

17:57 Uhr

Gastbeitrag

Die Griechen-Retter und das Lehman-Gespenst

VonJean Pisani-Ferry

Exklusiv Wenn Finanzspritzen und Sparprogramme verpuffen, wie kann da eine Griechenland-Pleite verhindert werden ohne das Resteuropa an den Abgrund rückt. Der Wirtschaftsforscher Pisani-Ferry hat eine Antwort

Akropolis in Athen. Quelle: ap

Akropolis in Athen.

Seit Monaten reden die Europäer sich die Köpfe heiß wegen der Umschuldung für Griechenland: Die einen sagen, der griechische Staat müsse auch weiter seine Schulden bedienen, die anderen verlangen, sie teilweise zu erlassen. Das verunsichert die Märkte.

Versuchen wir, klarer zu sehen. Da wäre die erste Frage: Ist Griechenland noch zahlungsfähig? Bei einem Staat ist das komplexer als bei einem Unternehmen. Prinzipiell kann er die Ausgaben senken und die Steuern anheben, um sich zu entschulden. Doch dabei stößt er an Grenzen: Kassiert er deutlich mehr Einnahmen, als er Dienstleistungen bietet, entsteht ein sozial und politisch untragbares Missverhältnis.

Unter den entwickelten Ländern hat keines außer Norwegen (wegen seiner Öleinnahmen) dauerhaft einen hohen Überschuss der Einnahmen im Vergleich zu den Ausgaben (vor Zinsen) erreicht. Das Maximum waren sechs Prozent der Wirtschaftsleistung (BIP). Griechenlands Schuldenlast entspricht 150 Prozent des BIP; angesichts dieser Höhe findet es keine Kreditgeber mehr. Um wieder auf ein tragbares Schuldenniveau zu kommen, müsste der griechische Staat dauerhaft einen Budgetüberschuss von mehr als acht Prozent seines BIP schaffen. Das ist zu viel für eine Demokratie, zumal in Griechenland die Steuerlast sehr ungleich verteilt ist. Damit ist die Zahlungsunfähigkeit unbestreitbar.

Zweite Frage: Ist es schlimm, seine Schulden nicht zurückzuzahlen? Die einen sagen: Ja. Seit Jahrzehnten habe kein entwickeltes Land das gewagt. Wenn nur ein Euro-Land ausschere, gerieten alle in Verdacht. Deshalb müssten die Schulden um jeden Preis bedient werden. Das andere Lager fordert dagegen, die Gläubiger, die das Land in die Überschuldung getrieben hätten, für ihre Unvorsichtigkeit zu bestrafen. Nur dann würde in Zukunft das staatliche Risiko richtig bewertet, seien die allzu sorglosen Staaten gezwungen, angemessen hohe Zinsen zu bezahlen. Beide Argumente sind statthaft.

Doch muss man feststellen, dass Staaten, die umgeschuldet haben, sich aus dem Sumpf befreien konnten. Die Märkte haben sie keineswegs verbannt, sondern ihnen schnell wieder Vertrauen geschenkt. Die Investoren ziehen einen wieder solventen Sünder jedem Ausbund an Tugend vor, der mit Atemnot ringt. Vor 20 Jahren hat Polen seine Schulden reduziert und sich besser aus der Affäre gezogen als Ungarn, das seinen guten Ruf nicht verlieren wollte.

Kommentare (3)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

AndreAdrian

08.06.2011, 21:57 Uhr

Kassandra hier, Kassandra da

Der Artikel warnt vor dem unverantwortlichen Handeln der Zentralbanken. Die Zentralbanken warnen bestimmt vor den unverantwortlichen Vorschlägen des Artikel-Autors. Für mich ist dies die übliche "Männchen" machen Rhetorik von Tarif-Verhandlungen. Jede Seite übertreibt bei der Darstellung der Tatsachen. Für mich ist die Sache einfach:
Die Vorteile des Wirtschaftsraums hat man zuerst gesehen. Ein Vorteil war die Gemeinschaftshaftung bei der seriöse Staaten für weniger seriöse Staaten bürgen (das Anti Bail Out Gewäsch war immer nur für das Wahlvieh). Die Märkte haben diesen Vorteil kapitalisiert. Heute zeigen sich die Nachteile dieser Kurzfrist-Strategie: Kredite müssen bedient werden. Deshalb dürfen Kredite nur für lukrative Geschäfte vergeben werden, nicht für Abschreibungsgeschäfte. Die übermässigen Gewinne durch die neue Stellung von Griechenland nach dem EU-Beitritt müssen von den Profiteuren, privat wie staatlich, wieder abgegeben werden, d.h. der Schuldenschnitt wird kommen nachdem jeder sein "Männchen" gemacht hat.

Pinin

09.06.2011, 04:38 Uhr

Sehr treffende Analyse.

Eine Möglichkeit wird aber nicht erwähnt:
Dass es einen (französichen?) Master-Plan der EUROkraten gibt, mit dem Hebel Griechenland die Transferunion unumkehrbar und alternativlos zu installieren.
Das von Trichet bereits vorgschlagenen EURO-Finanzministerium würde die Tranferunion verwalten. Die Lagarde läuft sich für diesen Posten vielleicht schon warm.

Martina

09.06.2011, 05:54 Uhr

"...gleichzeitig zu versuchen, Zusagen von den privaten Gläubigern zu erhalten. Hier scheint es Fortschritte zu geben."

komisch, der deutsche Steuerzahler wurde nicht gefragt.
Am Ende bezahlt er alles, einschließlich der fließenden Boni an verursachende Banker ...

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×