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22.08.2011

15:08 Uhr

Gastbeitrag

Sinn wettert gegen „süße Droge Euro-Bonds“

ExklusivDer Präsident des Ifo-Instituts für Wirtschaftsforschung, Hans-Werner Sinn, ist gegen Euro-Bonds. In einem Gastbeitrag für das Handelsblatt fordert er stattdessen eine strikte Schuldendisziplin der Krisenstaaten.

Ist strikt gegen Euro-Bonds: Hans-Werner Sinn, der Präsident des Ifo-Instituts für Wirtschaftsforschung. ap

Ist strikt gegen Euro-Bonds: Hans-Werner Sinn, der Präsident des Ifo-Instituts für Wirtschaftsforschung.

DüsseldorfFrau Merkel hat dem Drängen der Südländer standgehalten. Es wird keine Euro-Bonds geben. Für die Märkte ist das enttäuschend, aber einen anderen Weg, als jetzt beharrlich auf eine Phase der Schuldendisziplin zu drängen und die Periode der lockeren Budgetbeschränkungen zu beenden, gibt es nicht. Die Anleger bekommen schon genug Geschenke. Die Beschlüsse vom 21. Juli, nach denen der Luxemburger Fonds Altschulden zurückkaufen darf, sind bis auf die Begrenzung des Fondsvolumens dasselbe wie Euro-Bonds. Und die EZB darf ihre Bail-out-Politik ja ebenfalls munter fortsetzen.

Die Südländer drängen dennoch mit Macht auf den vollen Umstieg in die Euro-Bonds, um die Zinsaufschläge im Vergleich zu Deutschland wegzubringen, die die Märkte ihnen abverlangen. Das ist verständlich, war doch die Hoffnung auf eine Zinskonvergenz seinerzeit ein zentraler Grund für den Euro-Beitritt. Für ein gutes Jahrzehnt, von 1997 bis 2007, ging die Hoffnung auch in Erfüllung.

Für den italienischen Staat bedeutete die Zinskonvergenz mittelfristig eine Entlastung um bis zu sechs Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Das wäre genug gewesen, um in etwa eineinhalb Jahrzehnten die gesamte italienische Staatsschuld zurückzuzahlen. Italien zog es aber vor, den Zinsvorteil zu verfrühstücken. Die Schuldenquote Italiens ist heute so hoch wie beim Eintritt in den Euro-Verbund Mitte der 1990er-Jahre: etwa 120 Prozent des BIP.

Was spricht für Euro-Bonds, was dagegen?

Was verbirgt sich hinter dem Begriff Eurobonds?

Gemeinsame Staatsanleihen aller Euro-Länder, die von einer noch zu gründenden europäischen Schuldenagentur zur Versteigerung angeboten würden. Bisher begibt jedes Land ausschließlich eigene Anleihen - mit der Konsequenz, dass hoch verschuldete Staaten teils extrem hohe Zinsen zahlen müssen. Geraten sie in den Fokus der nervösen Märkte, steigen die Zinsen sogar noch höher. Staaten mit glänzender Bonität wie Deutschland oder Österreich kommen dagegen günstig an frisches Geld.

Was wären die Vorteile von Eurobonds?

Pleitekandidaten stünden nicht mehr wie bisher weitgehend allein gegen die Macht von Finanzmärkte und Spekulanten: Mit Hilfe der Eurobonds könnten sie sich wieder zu moderaten Konditionen Kredite besorgen - schließen sind die solideren Staaten ja bei jeder einzelnen Anleihe mit im Boot. Allerdings würde ein anderer Teil der Schulden nach wie vor zu nationalen Zinssätzen verzinst werden - mindestens 40 Prozent müssten dies sein, fordert etwa Grünen-Chef Cem Özdemir.

Was spricht gegen Eurobonds?

Dass eine gemeinsame Haftung für Schulden ein tatkräftiges Sanieren und Sparen für Athen, Lissabon & Co noch unattraktiver machen könnte - nach dem Motto: Die Reichen werden schon zahlen. Dies befürchtet etwa Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU). Außerdem würden dann - so formulieren es die Eurobond-Gegner - deutsche Steuerzahler für Schulden derer mithaften, die zuvor über ihre Verhältnisse gelebt haben. Befürworter wie Eurogruppen-Chef Jean-Claude Juncker versichern deshalb, parallel solle ein Anreizsystem für verschuldete Euroländer geschaffen werden, das strikte Haushaltsdisziplin belohne.

Wo verlaufen die Fronten in dem Streit?

In Deutschland zwischen Schwarz-Gelb und Rot-Grün. In Europa - stark vereinfacht - zwischen Staaten mit AAA-Bonität und dem Rest. In Brüssel hat sich neben Juncker auch EU-Währungskommissar Olli Rehn für Eurobonds ausgesprochen. Die führenden Wirtschaftswissenschaftler in Deutschland sind uneins. Der Wirtschaftsweise Peter Bofinger beispielsweise ist für diese Lösung, ifo-Chefvolkswirt Kai Carstensen spricht von einer „hanebüchenen Idee“.

Was würden Eurobonds für Deutschland kosten?

Das ist höchst umstritten. Kai Carstensen etwa kalkuliert, dass Deutschland einen deutlichen Zinsaufschlag von 2,3 Prozentpunkten zahlen müsste. Unter dem Strich entspräche dies jährlichen Mehrkosten von gut 47 Milliarden Euro, errechnete er für die „Welt am Sonntag“. Eurobonds-Befürworten meinen dagegen: Staatspleiten und ein Auseinanderbrechen der Eurozone kämen für Deutschland teurer als die gemeinsamen Bonds.

Jetzt, da die Zinsen sich wieder ausspreizen, ist die Not groß, und man ruft nach Euro-Bonds. Wenn andere Länder die Rückzahlung garantieren, kommt man wieder an die niedrigen Zinsen heran, so hofft man.

Aber wer soll garantieren? Die Schuldenquoten Frankreichs und Deutschlands liegen deutlich über 80 Prozent. Das ist nicht sonderlich weit von Italien entfernt. Das Zusammenwerfen der Schulden macht die Lasten nicht kleiner. Jeder muss seine Schulden selbst bedienen. Daran führt kein Weg vorbei.

Kommentare (75)

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Ondoron

22.08.2011, 15:14 Uhr

Aus dem ef-magazin:

"Eine Wunderwaffe in diesem Kampf sollten „Euro-Bonds“ sein, bei dem alle Eurostaaten gemeinsam für die Rückzahlung haften. Wozu die Eurobonds? Der italienische Finanzminister Tremonto, einer der glühendsten Verfechter der Euro-Bonds, sagte am Wochenende nach der Verabschiedung eines harten Sparpakets sinngemäß: Dieses Vorgehen (das Sparpaket) wäre nicht nötig gewesen, wenn man seinen Vorschlag der Euro-Bonds bereits früher umgesetzt hätte.

Aha, mit Eurobonds müsste Italien nicht sparen, da die Staatsdefizite dann von anderen Eurostaaten bezahlt werden. Nur darum geht es auch Spanien und Sarkozy in Frankreich."

Es geht jetzt ums Ganze. Mit Eurobonds ist Deutschland in wenigen Jahren PLEITE! Wer das nicht kapiert, soll die Verantwortung tragen später. Und zwar vor einem Gericht!

beobachter

22.08.2011, 15:18 Uhr

...und Professor Doktor Sinn arbeitet sich geflissentlich weiter an den Titel Professor Unrat heran.

Ausgesprochen fein, der Mann.

Account gelöscht!

22.08.2011, 15:32 Uhr

mhhh...Jeder 2. Bericht dreht sich um die Eurobonds. Ob man damit die Gegner "Meckermüde" machen will?

@ Ondoron

Volle zustimmung.

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