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05.04.2015

12:43 Uhr

Gastbeitrag

Wie Saudi-Arabien den Jemen destabilisiert

VonMareike Transfeld

Die Angriffe der von Saudi-Arabien geführten Allianz auf den Jemen werden die Huthis nicht an den Verhandlungstisch bewegen. Im Gegenteil wird ein viel gefährlicherer Gegner gestärkt, glaubt Expertin Mareike Transfeld.

Houthi-Milizen: Saudi-Arabien greift den Jemen aus der Luft an. dpa

Gewehre gen Himmel

Houthi-Milizen: Saudi-Arabien greift den Jemen aus der Luft an.

BerlinIn der Nacht zum 26. März hat eine von Saudi-Arabien angeführte Koalition von zehn arabischen Staaten mit logistischer Unterstützung der USA und Großbritanniens Luftangriffe auf militärische Ziele im Jemen begonnen. Darüber hinaus sollen 150.000 Soldaten für eine mögliche Bodenoffensive bereitstehen.

Das Ziel der Operation sei es, die Regierung unter Präsident Abdu Rabu Mansour Hadi vor dem vollständigen Zusammenbruch beziehungsweise der Übernahme des Staates durch die Huthi-Bewegung zu schützen, um das Land zu stabilisieren.

Die Luftangriffe werden aber die Huthis weder von ihrer Machtposition am Boden verdrängen, noch an den Verhandlungstisch bewegen. Stattdessen wird sich die humanitäre Lage im Jemen weiter verschärfen. Bereits im Februar 2015 brauchte mehr als die Hälfte der jemenitischen Bevölkerung humanitäre Unterstützung.

Die Wissenschaftlerin forscht an der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) unter anderem zu Elitenwandel und Protestbewegungen im Jemen. Stiftung Wissenschaft und Politik

Jemen-Expertin Mareike Transfeld

Die Wissenschaftlerin forscht an der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) unter anderem zu Elitenwandel und Protestbewegungen im Jemen.

Die Luftangriffe zerstören zudem die Infrastruktur des Sicherheitsapparates, der bislang auch für die Bekämpfung von al-Qaida eingesetzt worden ist. Dies ist besonders problematisch in einer Situation, die zu einer weiteren Radikalisierung von Kämpfern beiträgt.

Al-Qaida dürfte sich unter diesen Bedingungen weiter ausbreiten. Eine Stabilisierung des Landes hat nur dann eine Chance, wenn alle Konfliktparteien die Waffen ruhen lassen und an den Verhandlungstisch zurückkehren, an erster Stelle die Huthis, Saudi-Arabien und der Übergangspräsident Hadi.

Die wichtigsten Akteure im Jemen

Die Huthis

Die Huthis sind ein schiitischer Volksstamm aus dem Nordjemen. Im vergangenen September eroberten rund 30.000 Anhänger die Hauptstadt Sanaa, Anfang des Jahres setzten sie dort Präsident Abed Rabbo Mansur Hadi und die Regierung in deren Häusern fest. Binnen weniger Wochen brachten sie die Westküste und den Süden des Landes unter Kontrolle. (Quelle: dpa)

Abed Rabbo Mansur Hadi

Dem Präsidenten gelang im Februar die Flucht aus Sanaa in die südjemenitische Stadt Aden, von wo aus er weiterzuregieren versuchte. Als die Huthis vorrückten, musste der von den USA und Saudi-Arabien unterstützte Staatschef auch seine dortige Residenz verlassen. Sein neuer Aufenthaltsort war zunächst unklar.

Saudi-Arabien

Saudi-Arabien hat als reichster Golfstaat ein großes Interesse daran, den bettelarmen Jemen unter sunnitischer Kontrolle zu halten. Seit Donnerstag fliegt die Monarchie Luftangriffe gegen Huthi-Stellungen.

Iran

Der Iran versucht hingegen als Rivale Saudi-Arabiens, via Sanaa einen Fuß auf die Arabische Halbinsel zu bekommen. Das schiitische Land gilt als Verbündeter der Huthi-Rebellen und forderte einen Stopp der militärischen Angriffe Saudi-Arabiens.

Ali Abdullah Salih

Der Ex-Präsident schlug einst Aufstände der Huthis nieder, heute gilt er als heimlicher Verbündeter der Rebellen. Die UN werfen ihm vor, das Chaos im Jemen geschürt zu haben und einen Weg zurück an die Macht zu suchen. Der Langzeitherrscher war nach Protesten gegen ihn Anfang 2012 zum Rücktritt gezwungen worden.

al-Qaida

Al-Qaida auf der arabischen Halbinsel (AQAP) ist der mächtigste Ableger des weltweit agierenden Terrornetzwerkes. Die sunnitischen Extremisten gelten als heimliche Gewinner im Machtpoker um den Jemen. Mit ihren Anschlägen gegen die schiitischen Huthis punkten sie vor allem bei ärmeren sunnitischen Stämmen.

Die Huthis sind eine bewaffnete politische Bewegung aus dem Nordjemen, die wegen ihrer politischen, wirtschaftlichen und religiösen Marginalisierung bereits zwischen 2004 und 2010 in Konflikt mit der jemenitischen Zentralregierung standen. 2011 versuchten sie, die landesweiten Proteste gegen den damaligen Präsidenten Ali Abdallah Saleh sowie 2013 den VN-unterstützen „Nationalen Dialog“ zu nutzen, um ihre Anliegen durchzusetzen.

Ohne Erfolg: Im Januar 2014 wurde die Dialogkonferenz ohne Konsens abgeschlossen. Daraufhin machten sich die Huthis das in der Bevölkerung weitverbreitete Misstrauen gegenüber der im Dezember 2011 eingesetzten Übergangsregierung sowie die Unzufriedenheit über anhaltende Korruption und ökonomische Missstände zunutze, um Unterstützer gegen Übergangspräsident Hadi zu mobilisieren. Im September 2014 gelang es ihnen schließlich, Kontrolle über weite Teile des Nordjemens und damit die Hauptstadt Sanaa sowie Teile des Zentral- und Südjemens zu gewinnen.

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