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14.07.2015

06:33 Uhr

Gastbeitrag zu Griechenland

„Das Abkommen ist eine Revanche“

Das Abkommen zwischen Griechenland und den Gläubigern ist streng – zu streng, meint der peloponnesische Gouverneur Petros Tatoulis. Der konservative Politiker sieht bei Deutschland eine historische Verantwortung.

Ohne Luft zum Atmen komme die griechische Wirtschaft nie mehr auf die Beine, meint der peloponnesische Gouverneur Petros Tatoulis. dpa

Kompromiss-Korsett

Ohne Luft zum Atmen komme die griechische Wirtschaft nie mehr auf die Beine, meint der peloponnesische Gouverneur Petros Tatoulis.

TripoliDas „Abkommen“, welches beim Gipfeltreffen am vergangenen Montag zwischen meinem Heimatland Griechenland und den EU-Partnern vereinbart wurde, stellt einen historischen Kompromiss für Europa dar, schafft aber gleichzeitig die Voraussetzungen für schmerzhafte Konfrontationen.

Die extrem konservativen Kräfte Deutschlands haben gesiegt, indem sie sich entschieden haben, Griechenland in Geiselhaft zu nehmen, das sich von nun an bei jedem seiner Schritte einem möglichen Austritt aus dem Euro stellen muss.

Petros Tatoulis ist Gouverneur der Verwaltungsregion Peloponnes.

Petros Tatoulis

Petros Tatoulis ist Gouverneur der Verwaltungsregion Peloponnes.

Die anderen beiden Säulen des europäischen Schachbretts, Frankreich und Italien, akzeptierten die deutsche Strategie – nicht etwa, weil sie davon überzeugt wären, dieses Hilfsprogramm sei gut für die zehn Millionen Europäer-Griechen (und folglich auch für die Bürger der Gläubigerländer). Sondern hauptsächlich, weil sie unter der Last ernster eigener wirtschaftlicher Probleme stehen – und damit stets im Rahmen der angelsächsischen Logik des „extend and pretend“.

Einfach gesagt: Alle Beteiligten, mit Ausnahme Deutschlands, haben die griechische Regierung mit einbezogen, das Problem weiter abgewendet und entschieden, sich diesem erneut zu stellen, wenn die heiße Kartoffel ihnen droht, die Hände zu verbrennen. Der griechische Premierminister, verängstigt und nicht vorbereitet wie das Kind, das geduldig seine Strafe von seinen strengen Eltern erträgt, sagte „Ja“ zu einem Programm, über das kein Wirtschaftswissenschaftler mit Gewissheit sagen kann, dass es bedienbar oder langfristig hilfreich sein wird.

Das griechische Schuldendrama von A bis M

A wie Austerität

Das Schlagwort der Krise. Umschreibt die Sparpolitik, um Haushaltsexzessen Einhalt zu gebieten. Weiteres Kürzen stürze die Menschen ins Elend und würge die Konjunktur ab, klagt Tsipras und steht damit nicht allein. Haushaltsdisziplin sei wichtig, um die Krise überwinden können, sagen Befürworter. Vor allem Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) werfen Kritiker vor, für einen übertriebenen Sparkurs in Europa einzutreten.

B wie Bargeld

Äußerst knapp in Griechenland. Seit Ende Juni dürfen die Griechen an Bankautomaten nur noch täglich bis zu 60 Euro abheben. Weil viele aus Angst vor der Staatspleite ihre Konten leerräumten, droht den Banken das Geld auszugehen.

D wie Draghi

Mario Draghi, mächtiger Chef der Europäischen Zentralbank (EZB), die über die Stabilität des Euro wacht. Draghi spielt eine Schlüsselrolle im Griechenland-Drama. Wenn die EZB den Geldhahn zudreht, weil es zu keiner Lösung kommt, stehen die Banken vor dem Aus; Griechenland dürfte dann endgültig zahlungsunfähig sein.

E wie Eurogruppe

Die Versammlung der Finanzminister aus den 19 Euroländern stieg in der Finanz- und Wirtschaftskrise zum weltweit beachteten Entscheidungsgremium auf. Sie hebt oder senkt den Daumen über Milliarden-Hilfsprogramme für die Euro-Krisenländer.

F wie Finanzmärkte

Verlieren Anleger das Vertrauen, dass Schulden überhaupt noch zurückgezahlt werden, dann können sich Staaten nur noch zu extrem hohen Zinsen finanzieren. Das wird sehr teuer. Diese Geldquelle bleibt Griechenland schon seit langem versagt.

G wie Grexit

Kunstwort bestehend aus „Greece“ (Griechenland) und dem englischen Wort „exit“ (Ausstieg). Der Ausstieg aus dem Euro - gewollt oder durch versehentliches Hinausschlittern - wurde zuletzt im Griechenland-Fall angesichts der drohenden Staatspleite von vielen nicht mehr ausgeschlossen.

I wie IWF

Der Internationale Währungsfonds mit Christine Lagarde als mächtiger Chefin ist einer der gewichtigen Kreditgeber Athens. Lagarde drängt die Eurogruppe, einer Umschuldung zuzustimmen.

J wie Jugendarbeitslosigkeit

Besonders dramatisch sind die Zukunftsaussichten der jungen Leute. Bei einer Jugendarbeitslosigkeit von über 50 Prozent in Griechenland haben die meisten kaum Hoffnungen, einen Job zu finden.

L wie Lissabon-Vertrag

Der Lissabon-Vertrag verbietet im Artikel 125, dass ein EU-Staat einen anderen Staat „herauskaufen“ kann („No-Bailout-Klausel“). Darauf berufen sich auch Merkel und Finanzminister Wolfgang Schäuble (CDU).

M wie Merkel

Bundeskanzlerin Merkel wird als oberste Krisenmanagerin in Europa angesehen. Sie beharrt darauf: Milliardenhilfen gebe es nur gegen Reformen und Sparprogramme. Ihr und Schäuble wird von Kritikern ein überzogener Sparkurs vorgeworfen.Bundeskanzlerin Merkel wird als oberste Krisenmanagerin in Europa angesehen. Sie beharrt darauf: Milliardenhilfen gebe es nur gegen Reformen und Sparprogramme. Ihr und Schäuble wird von Kritikern ein überzogener Sparkurs vorgeworfen.

Diese apolitische und abenteuerliche Haltung steht in keinem Verhältnis zum europäischen Gebilde und seinen Werten. In schwierigen Zeiten sind politische Führungskräfte stets minderbemittelt. Am wichtigsten ist aber, dass dieses Verhalten nicht die Griechen und Griechinnen berücksichtigt, die in jenem Teil Europas leben, der Griechenland heißt. Selbst wenn die anderen Partnerländer sich der deutschen Vorherrschaft unterwerfen und sich rechtfertigen: Mit der Überzeugung, dass es „kein Euro ohne Deutschland“ geben könne, kann die Haltung Deutschlands nur als revanchistisch angesehen werden.

Kommentare (27)

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Herr Ercole Domenico

15.07.2015, 07:18 Uhr

Ich bin nicht überrascht weil ich schon immer gewusst habe dass man die Grundeigenschaften des deutschen Volkes nicht in 75 Jahren ändern lassen. Aber enttäuscht bin ich schon. Diese erpresste "Einigung" wird schlimme Folgen für ganz Europa haben. Schuld (das Lieblingswort der Deutschen) ist nicht nur die deutsche Arroganz und Ignoranz sondern auch die Feigheit der anderen Euroländer.

Herr Josef Weyh

15.07.2015, 07:52 Uhr

Es ist schon erschütternd, wie wenig hier Fakten eine Rolle spielen! Wenn hier so gemacht wird, als würde Griechenland nicht unterstützt, muss sich fragen, warum die EU jedes Jahr mehr als 4 Milliarden EUR nach Griechenland überwiesen hat. Offensichtlich war das kein Geldbetrag, sondern nur Kleingeld. Aber genau diese Einstellung hat Griechenland in das Dilemma gebracht.
Natürlich ist es falsch, dieses Programm aufzulegen, denn die griechische Bevölkerung hat ja mit Mehrheit dagegen gestimmt. Es ist also Aufgabe der Demokraten im Bundestag, gegen das Programm zu stimmen und sofortige Begleichung der fälligen Verbindlichkeiten zu fordern. Und dann: Griechenland raus aus dem EUR.

Herr christoph freitag

15.07.2015, 07:59 Uhr

Reden die alle so, die griechischen Politiker? Ist ja nicht zu ertragen, diese Suggestiv-Rhetorik, die leicht zu durchschauen ist. Die Deutschen kennen diesen Stil der Rede von grauer Vergangenheit, daher mögen wir das nicht mehr so sehr.

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