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15.07.2015

16:11 Uhr

Gastbeitrag zur Griechenland-Krise

„Das ist polemisch und aggressiv, Herr Krugman“

VonTasso Enzweiler

Deutschlands „Moral-Getue ist Wahnsinn“: Paul Krugman kann sehr wütend werden. In der Debatte um die Zukunft Griechenlands kämpft der US-Wissenschaftler nicht mit dem Florett, sondern mit der Axt, meint Tasso Enzweiler.

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Tsipras über das Referendum: „Unsere Partner zeigten ein rachsüchtiges Verhalten!“

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KölnIn einem Kommentar für die „New York Times“ hat Paul Krugman das deutsche „Moral-Getue“ scharf kritisiert. Die Forderungen der Eurogruppe seien „Wahnsinn“, die Einschätzung, dass dahinter nur Staatsstreich-Gedanken stecken könnten, sei „absolut richtig“. Die Forderungen der Euro-Gruppe seien ein Angebot, das Griechenland keinesfalls annehmen könne. Aber selbst wenn Griechenland die Offerte annehme, sei dies „grotesker Betrug, für den das europäische Projekt niemals habe stehen sollen", so Krugman.

Redet da einer endlich mal Klartext und schüttelt die diplomatischen Spielregeln seiner Zunft ab? Klärt uns ein renommierter Wissenschaftler – Krugman ist Nobelpreisträger für Ökonomie – über die Winkelzüge und hinterhältigen Tricks der internationalen Politik auf?

Tasso Enzweiler ist Prinzipal Partner der Strategieberatung Enzweiler & Partner. Screenshot

Der Autor

Tasso Enzweiler ist Prinzipal Partner der Strategieberatung Enzweiler & Partner.

Leider weit gefehlt. Der Zeitungskolumnist Krugman hat zwar viel für die ökonomische Theorie geleistet, aber seine Beiträge zur wirtschaftspolitischen Praxis sind fast immer polemisch und mitunter höchst aggressiv. Seine Schimpftiraden gegen die Gruppe der Euro-Staaten, insbesondere gegen Deutschland, überschreiten regelmäßig die Grenze persönlichen Anstands und reihen sich nahtlos ein in die Fundamentalkritik anderer linksstehender Ökonomen wie Thomas Piketty und Joseph E. Stiglitz. Auch Oskar Lafontaine stützt sich in seinen Reden häufig auf Gedanken von Krugman & Co.

Die Genannten haben gemeinsam, dass sie wirtschaftspolitisch sogenannten Neo-Keynesianer sind. Sie berufen sich auf den einflussreichen Ökonomen John Maynard Keynes. Keynes in seinem Standardwerk „General Theory“ freilich definitiv Wert darauf gelegt, dass eine Verbesserung der Angebotsbedingungen – die Durchführung wettbewerbsteigernder Reformen – Priorität haben müsse vor nachfragestimulierenden Maßnahmen. In diesem Punkt stand Keynes Klassikern der Ökonomie (wie Adam Smith und David Ricardo) oder auch den Neoklassikern (wie Paul A. Samuelson und Alfred Marshall) in nichts nach, wie er stets betonte.

Das griechische Schuldendrama von A bis M

A wie Austerität

Das Schlagwort der Krise. Umschreibt die Sparpolitik, um Haushaltsexzessen Einhalt zu gebieten. Weiteres Kürzen stürze die Menschen ins Elend und würge die Konjunktur ab, klagt Tsipras und steht damit nicht allein. Haushaltsdisziplin sei wichtig, um die Krise überwinden können, sagen Befürworter. Vor allem Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) werfen Kritiker vor, für einen übertriebenen Sparkurs in Europa einzutreten.

B wie Bargeld

Äußerst knapp in Griechenland. Seit Ende Juni dürfen die Griechen an Bankautomaten nur noch täglich bis zu 60 Euro abheben. Weil viele aus Angst vor der Staatspleite ihre Konten leerräumten, droht den Banken das Geld auszugehen.

D wie Draghi

Mario Draghi, mächtiger Chef der Europäischen Zentralbank (EZB), die über die Stabilität des Euro wacht. Draghi spielt eine Schlüsselrolle im Griechenland-Drama. Wenn die EZB den Geldhahn zudreht, weil es zu keiner Lösung kommt, stehen die Banken vor dem Aus; Griechenland dürfte dann endgültig zahlungsunfähig sein.

E wie Eurogruppe

Die Versammlung der Finanzminister aus den 19 Euroländern stieg in der Finanz- und Wirtschaftskrise zum weltweit beachteten Entscheidungsgremium auf. Sie hebt oder senkt den Daumen über Milliarden-Hilfsprogramme für die Euro-Krisenländer.

F wie Finanzmärkte

Verlieren Anleger das Vertrauen, dass Schulden überhaupt noch zurückgezahlt werden, dann können sich Staaten nur noch zu extrem hohen Zinsen finanzieren. Das wird sehr teuer. Diese Geldquelle bleibt Griechenland schon seit langem versagt.

G wie Grexit

Kunstwort bestehend aus „Greece“ (Griechenland) und dem englischen Wort „exit“ (Ausstieg). Der Ausstieg aus dem Euro - gewollt oder durch versehentliches Hinausschlittern - wurde zuletzt im Griechenland-Fall angesichts der drohenden Staatspleite von vielen nicht mehr ausgeschlossen.

I wie IWF

Der Internationale Währungsfonds mit Christine Lagarde als mächtiger Chefin ist einer der gewichtigen Kreditgeber Athens. Lagarde drängt die Eurogruppe, einer Umschuldung zuzustimmen.

J wie Jugendarbeitslosigkeit

Besonders dramatisch sind die Zukunftsaussichten der jungen Leute. Bei einer Jugendarbeitslosigkeit von über 50 Prozent in Griechenland haben die meisten kaum Hoffnungen, einen Job zu finden.

L wie Lissabon-Vertrag

Der Lissabon-Vertrag verbietet im Artikel 125, dass ein EU-Staat einen anderen Staat „herauskaufen“ kann („No-Bailout-Klausel“). Darauf berufen sich auch Merkel und Finanzminister Wolfgang Schäuble (CDU).

M wie Merkel

Bundeskanzlerin Merkel wird als oberste Krisenmanagerin in Europa angesehen. Sie beharrt darauf: Milliardenhilfen gebe es nur gegen Reformen und Sparprogramme. Ihr und Schäuble wird von Kritikern ein überzogener Sparkurs vorgeworfen.Bundeskanzlerin Merkel wird als oberste Krisenmanagerin in Europa angesehen. Sie beharrt darauf: Milliardenhilfen gebe es nur gegen Reformen und Sparprogramme. Ihr und Schäuble wird von Kritikern ein überzogener Sparkurs vorgeworfen.

Ausschließlich in extremen Krisensituationen – Liquiditäts- und Investitionsfallen –, die freilich in der Realität außerordentlich selten auftreten, war Keynes für nachfragestimulierende Maßnahmen, hierbei übrigens eher für den Einsatz der expansiven Geldpolitik als für den Gebrauch der expansiven Fiskalpolitik.

Die nachfragestimulierenden Maßnahmen konnten nach seiner Auffassung nur unter engen Bedingungen wirken, beispielweise bei festen Wechselkursen. Feste Wechselkurse hat aber der Euro-Währungsraum im Vergleich zu anderen großen Währungsräumen wie USD, Yen, GBP und CHF nicht. Zudem existiert im ganzen Euro-Raum weder eine Liquiditäts- noch eine Investitionsfalle.

Kommentare (137)

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Herr Gerd Hohn

15.07.2015, 16:20 Uhr

Paule, kümmere dich lieber um Puerto Rico statt dich mit dem Mist in Europa zu befassen.

Herr Marc Otto

15.07.2015, 16:22 Uhr

Liebe Kriegstreiber, USA ,

löst erst einmal Euro Probleme:

Puerto Rico tanzt auf einer schmalen Linie. Die Wirtschaft stagniert, die Staatsschulden wachsen, die Gläubiger verlieren langsam die Geduld. Die Karibikinsel gilt auch als 51. Bundesstaat Amerikas – losgelöst vom Wirtschaftsgang in den anderen 50 Staaten, spitzt sich in Puerto Rico jedoch eine dramatische Krise zu.

Läutet da eine Glocke? Genau. Puerto Rico kann getrost als Griechenland der USA gelten und wurde auch schon oft so apostrophiert. Hüben wie drüben sind die Treiber der Krise bereits seit Jahren bekannt, wurden aber lange vernachlässigt. Die Parallelen zwischen dem US-Hinterhof und dem Euroschlusslicht sind in der Tat augenfällig.

Herr Frank Ruger

15.07.2015, 16:25 Uhr

vielleicht sollte sich Herr Krugmann doch besser um die amerikanischen Probleme kümmern; wir haben hier in Europa schon genügend "Experten" , die alle wissen, was man eigentlich tun sollte.
Und in USA gibt es mindestens so viele "Baustellen" wie in Europa an denen sich die selbsternannten Gurus gerne abarbeiten könnten.

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