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24.10.2011

20:10 Uhr

Gastkommentar

Die bittere Pille des Herakles

VonClemens Fuest

Die französische Regierung hat Deutschland mit ihrem Vorschlag zur Rettungsschirmausdehnung unwirksame Medizin gereicht. Es ist an Deutschland, ihr zu widerstehen. Denn damit kann nur ein Symptom behandelt werden.

Clemens Fuest lehrt Wirtschafts- und Finanzwissenschaften in Oxford. Pressefoto

Clemens Fuest lehrt Wirtschafts- und Finanzwissenschaften in Oxford.

Die Bemühungen der Politik, die Krise in der Euro-Zone unter Kontrolle zu bringen, ähneln dem Kampf des Helden Herakles gegen die Hydra. Er strengte sich mächtig an, schlug dem Ungeheuer einen Kopf nach dem anderen ab, aber für jeden abgeschlagenen Kopf wuchsen zwei nach. Als er merkte, dass er nicht vorankam, war Herakles klug genug, seine Taktik zu ändern. Er rückte der Hydra mit Feuer und Schwert zu Leibe. Das wirkte erst mit Verzögerung, aber am Ende war das Ungeheuer besiegt.

Die europäische Politik scheint weniger klug zu sein. Sie konzentriert sich darauf, immer mehr Geld für Rettungsschirme aufzutreiben. Private Investoren geben nichts mehr, weil die Schuldenberge zu hoch sind.

Da die Politik interveniert, um den Kursverfall der Anleihen Italiens und Spaniens anzuhalten, treten zunehmend Spekulanten auf den Markt. Sie setzen darauf, dass diese Interventionen schnell verpuffen, da die Ursache des Kursverfalls - die Überschuldung - nicht beseitigt ist. Bis jetzt haben die Spekulanten recht behalten. Die Köpfe der Hydra wachsen stets nach. Ihr Nährboden ist nicht die Spekulation selbst, sondern die Überschuldung.

Nun hat die französische Regierung vorgeschlagen, das Volumen der Rettungsschirme durch Zugang zu EZB-Krediten so auszudehnen, dass quasi unbegrenzt Liquidität verfügbar ist. Das ist so, als hätte man Herakles eine Pille angeboten, die seine Ausdauer beim Köpfeabschlagen massiv steigert. Vermutlich wäre er so klug gewesen, die Pille abzulehnen. Denn irgendwann würde die Droge ihre Wirkung verlieren, die Hydra aber würde immer stärker.

Die Ausdehnung des Rettungsschirms für den unbegrenzten Aufkauf von Staatsanleihen wirkt wie die Pille des Herakles, weil sie letztlich nicht mehr leisten kann, als ein Symptom der Krise - den Verfall von Anleihekursen - vorübergehend einzudämmen. Das Eindämmen von Symptomen kann zur Flankierung einer Therapie sinnvoll sein. Aber eben nur zur Flankierung, und auch das nur, soweit das zugrunde liegende Problem nicht noch verschärft wird. Letzteres passiert aber, wenn die Rettungsschirme die Verschuldung Südeuropas weiter in die Höhe treiben und notwendige Anpassungen verzögern.

Im Jahr 2010 summierten die Leistungsbilanzdefizite Griechenlands, Italiens, Spaniens und Portugals sich auf rund 110 Milliarden Euro. Um diesen Betrag ist die Auslandsverschuldung dieser Länder angestiegen. 2011 wird der Fehlbetrag nur wenig geringer sein. Die Krise lässt sich nur überwinden, wenn diese Defizite abgebaut und Überschüsse erreicht werden. Das erfordert einen schmerzlichen Anpassungsprozess. Staatliche Leistungen müssen abgebaut werden und Löhne sinken, damit die heimische Wirtschaft - zum Beispiel die Tourismusbranche - wettbewerbsfähiger wird.

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