Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

30.10.2011

15:14 Uhr

Gastkommentar

„Die finanzielle Kernschmelze droht“

Die Schuldenkrise der Euro-Staaten und die der US-Immobilienbesitzer vor drei Jahren haben eine Gemeinsamkeit: Die Gläubiger sind oft weit entfernt. Laut dem Geschichtsforscher Harold James setzt das falsche Anreize.

Harold James ist Professor für Geschichte an der Princeton University. Pressefoto Princeton

Harold James ist Professor für Geschichte an der Princeton University.

Der Welt droht momentan eine Wiederholung der finanziellen Kernschmelze von 2008. Diesmal liegt das Epizentrum nicht in den USA, sondern in Europa. Und diesmal geht es nicht um hochkomplexe strukturierte Finanzprodukte, sondern um eins der ältesten finanziellen Instrumente der Welt: Staatsanleihen.

Während sich Regierungen und Notenbanken auf der Suche nach einer Lösung überschlagen, ist eine psychologische Dynamik am Werk, die einem geordneten Umgang mit den Schulden im Wege steht: unsere Abneigung, Verpflichtungen gegenüber ausländischen Gläubigern anzuerkennen.

Der Impuls, den gordischen Knoten der Schulden einfach durch eine Insolvenz zu durchschlagen, ist viel stärker, wenn die Gläubiger weit entfernt und unbekannt sind. Vor drei Jahren waren es Hauseigentümer, die mit ihren Zahlungen nicht nachkamen, und heute sind es Regierungen. Aber in beiden Fällen waren die Gläubiger weit weg und anonym. Amerikanische Hypotheken waren nicht mehr im Besitz der örtlichen Banken, sondern wurden in esoterische Finanzinstrumente verpackt und weltweit verkauft. Ebenso sind die griechischen Staatsschulden heute größtenteils in ausländischer Hand.

Diese Einflussgröße macht einen enormen Unterschied dabei, ob Schulden planmäßig und rechtzeitig bedient werden. Die spektakulären Staatsbankrotte der französischen und spanischen Monarchien der frühen Moderne betrafen größtenteils Schulden gegenüber Ausländern. Die Niederlande und Großbritannien gingen dagegen einen anderen Weg. Sie verschuldeten sich weniger im Ausland, sondern bevorzugt im Inland. Das niederländische Modell wurde 1688 nach Großbritannien exportiert, gemeinsam mit der politischen Revolution, die zum Sturz des Katholiken James II. führte und dem niederländischen Protestanten William von Orange auf den Thron half.

Diese Revolution hatte eine finanzielle Revolution zur Folge. Insbesondere durch die Anerkennung der Rechte des Parlaments wurde sichergestellt, dass die Vertreter der kreditgebenden Klassen ständige Kontrolle über die Haushaltsplanung hatten. So konnten diese – auch stellvertretend für andere Gläubiger – garantieren, dass die Staatsfinanzen gesund waren und die Schulden zurückgezahlt würden. Auch in der Zeit nach 1945 wurde die Finanzierung der reichen Industrieländer noch größtenteils im Inland abgewickelt, und die Grundsätze von 1688 wurden beibehalten. Dies änderte sich bald. Mit der Liberalisierung der globalen Finanzmärkte, die in den 1970ern begann, wurden ausländische Kreditquellen verfügbar.

Kommentare (8)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

AlexanderBerg

30.10.2011, 15:38 Uhr

Aufrechterhaltung überfrachteter und/oder unwirksamer Strukturen fordert ihren Tribut u.a. in Form zunehmender Verschuldung und immer weniger wirksamer Marktteilnehmer im globalen Umfeld. An dieser Stelle befinden sich alle Systemteilnehmer in einem Teufelkreis, dem sie mit konventionell gelerntem Denken und Handeln nicht entkommen können.

Wirksame, für die Gesellschaft notwendige ökonomische Strukturen lassen sich nicht mit Geldmitteln allein aufrechterhalten. Es bedarf einer strukturellen Anpassung.

Dies ist die Lösung: http://www.schubaeusmodell.de/fileadmin/files/Dokumente/Regelwerk.pdf

Opa

30.10.2011, 19:12 Uhr

Wunderbar! Banken kommen in dem Artikel erst gar nicht vor.
ReGIERungen haben das Korrektiv der Marktwirtschaft, die Pleite, außer Kraft gesetzt.

Nun ist alles außer Rand und Band.
Die Lösung ist einfach und schmerzhaft:

"Schickt die Scheixxbanken in die Pleite!"

MelvinUdall

30.10.2011, 19:56 Uhr

Das Korrektív fehlt nicht nur bei den Banken. Staaten müssen, wie seit Jahrhunderten eben auch möglich, pleite gehen können. Aber das Fallieren scheint keine Frage der Solvenz mehr zu sein, sondern lediglich des finanziellen Volumens, egal ob Konstruktion-und Endmontageabteilung mit (Bad-)Leasingbank (Autokonzern) oder Bank, Staat etc. Es wird wohl erst richtige Probleme mit unserer Gemeinschaftswährung geben, wenn die Mitarbeiter der neuen Bürge-/und Rettungsbank die Nullen nicht mehr schnell genug in den PC eingeben kann....

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×