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25.10.2011

16:13 Uhr

Gastkommentar

Die Nuklearoption für Europa

VonLaurence Boone

Im Dissens zwischen Berlin und Paris über den europäischen Rettungsschirm geht es um mehr als nur technische Details. Frankreich will mit dem unbegrenzten Rettungsschirm vor allem Spekulanten abschrecken.

Bundeskanzlerin Angela Merkel und Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy. Reuters

Bundeskanzlerin Angela Merkel und Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy.

Deutschland und Frankreich arbeiten eng zusammen, und dennoch gibt es auch jetzt wieder große Meinungsverschiedenheiten. Wer das als Dissens über technische Details verniedlicht, wird die eigentlichen Ursachen nie verstehen. Meiner Ansicht nach gibt es drei essenzielle Gründe: Beide Länder haben eine unterschiedliche Erinnerung an die Wechselkurskrisen der 90er-Jahre; es gibt wirtschaftspolitische Differenzen; und Frankreich ist geschwächt durch einen schlechten "Track-Record" bei seinen Staatsfinanzen.

Gerade Letzteres bringt Frankreich in eine heikle Lage bei den Verhandlungen über die nächste Etappe bei der Bewältigung der Euro-Krise. Mein Land kann sich nicht darauf berufen, seine Finanzen gut geführt zu haben. Weil es zu den schlechten Schülern zählt, ist seine Verhandlungskraft geschwächt. Es erweckt den Eindruck, mit Blick auf die eigene Verletzlichkeit zu argumentieren und die Konsolidierung aufschieben zu wollen, wie in der Vergangenheit.

Die Malaise der französischen Banken

Großbanken unter Druck

Die französischen Großbanken haben ähnliche Probleme - allen voran ihr starkes Engagement in Griechenland. Aber sie in einen Top zu werfen wäre nicht korrekt - zu unterschiedlich sind die drei Institute. Hier ein Überblick.

BNP Paribas: mit 24 Milliarden engagiert

Die Skepsis ist groß angesichts der verfahrenen Lage in der Euro-Krise und BNPs starker Stellung im finanziell angeschlagenen Italien. Die Bank hat nach Angaben der Europäischen Bankenaufsicht Rom-Anleihen für rund 24 Milliarden Euro in ihren Büchern, hinzu kommen hohe Kredite an Unternehmen und Privatkunden.

BNP Paribas: Schrumpfkur soll Anleger überzeugen

Es gibt bereits Pläne für einen Umbau der größten Bank Frankreichs. Diese bestehen im Wesentlichen aus einer rigiden Schrumpfkur: Risikogewichtete Aktiva im Volumen von 70 Milliarden Euro sollen abgebaut werden. Die Konzernbilanz würde dadurch bis Ende 2012 um etwa zehn Prozent verkleinert. Ziel von BNP-Chef Baudouin Prot ist, auf diese Weise so viel Kapital freizusetzen, um Anfang 2013 auf eine harte Kernkapitalquote von neun Prozent zu kommen.

BNP Paribas: krisenfest werden

Damit würde die Bank die internationalen Mindestanforderungen für die Kapitalausstattung übererfüllen. Prot versucht auf diesem Weg, die Bank ohne die Ausgabe neuer Aktien krisenfest zu machen. Eine Kapitalerhöhung wird von vielen Beobachtern als notwendig erachtet, doch der Zeitpunkt ist wegen der starken Kursverluste äußerst ungünstig: Seit Jahresbeginn hat BNP Paribas rund 40 Prozent ihres Börsenwerts verloren.

BNP Paribas: Spekulationen verhindern

Prot bemühte sich zudem erneut, Spekulationen über Liquiditätsengpässe bei der Bank zu beenden. Zwar hätten amerikanische Geldmarktfonds zuletzt weniger kurzfristige Mittel bereitgestellt. BNP Paribas habe dies aber problemlos kompensieren können. Die Anleger blieben skeptisch: Der Aktienkurs gab gestern rund drei Prozent nach.

Société Générale: weitere Herabstufungen möglich

Seit Wochen sorgt die finanzielle Lage der Bank für Skepsis auf den internationalen Aktienmärkten. Daran änderten auch Sparpläne und angekündigte Verkäufe von Aktiva nichts. Die Moody’s-Herabstufung verstärkte die Zweifel nur. Die Bank wurde damit für ihr großes Engagement in Griechenland bestraft. Weitere Herabstufungen seien möglich, mahnte die Ratingagentur – der Ausblick sei negativ.

Société Générale: was Hoffnung macht

Es hätte für die SocGen schlimmer kommen können. Die Ratingagentur erklärte die Herabsetzung um „nur“ eine Stufe damit, dass das Institut über eine ausreichende Profitabilität und Kapitalisierung verfüge. Die Bank sei damit in der Lage, weiterhin potenzielle Verluste auszugleichen – auch die ihrer griechischen Filiale Geneki. Allerdings würden die Neufinanzierungssituation sowie die Liquidität der Bank beobachtet.

Société Générale: zu groß für die Pleite?

Moody’s erklärte auch, bei der SocGen seien mögliche öffentliche Finanzhilfen berücksichtigt worden. Damit kommt die Hoffnung zum Ausdruck, dass die Bank im Ernstfall vom französischen Staat aufgefangen werde, um ein systemisches Risiko zu verhindern. Die SocGen wies in einer Pressemitteilung darauf hin, dass das Griechenland-Risiko von Moody’s als zu bewältigen angesehen werde.

Société Générale: herber Gewinneinbruch

Die Bank hat das Volumen griechischer Staatsanleihen zwar schon stark reduziert, sie hält aber noch immer mehr als eine Milliarde Euro. Das private und öffentliche Engagement in Griechenland wird zusammen auf 6,6 Milliarden Euro geschätzt. SocGen hatte im zweiten Quartal durch hohe Abschreibungen auf griechische Staatsanleihen einen derben Gewinneinbruch erlebt. Den Wert der von ihr gehaltenen Athen-Anleihen hat die Bank um 395 Millionen Euro nach unten korrigiert. An der Börse wird SocGen nur noch mit rund 13 Milliarden Euro bewertet.

Société Générale: Gefahr der Übernahme?

Die Bank laufe jetzt Gefahr, Ziel einer Übernahme zu werden, sagte Jean-Pierre Balligand, Abgeordneter der sozialistischen Partei, in einem Interview gegenüber Bloomberg News. 

Crédit Agricole: großes Griechenland-Engagement

Die drittgrößte Bank Frankreichs besitze zwar ausreichend Reserven, um mögliche Verluste in Griechenland in Griff zu bekommen, schrieb die Agentur Moody’s. Das Institut sei aber über sein Tochterunternehmen Emporiki-Bank sehr stark in Griechenland engagiert.

Crédit Agricole: viele Zweifel

Die Möglichkeiten zur Neufinanzierung sowie die Liquidität der Bank würden deshalb weiter beobachtet. Bei der aktuell nervösen Lage der Aktien- und Finanzmärkte sei nicht auszuschließen, dass sich die Neufinanzierungssituation verschlechtere, schrieb Moody’s. Sowohl bei Société Générale als auch bei Crédit Agricole gibt es Zweifel an einer Refinanzierung über die US-Kapitalmärkte. CA hält die Zweifel für unbegründet.

Crédit Agricole: 26 Milliarden im Feuer

Die französische Nummer drei hat mit der griechischen Emporiki-Bank 26,4 Milliarden Euro im Feuer – vor allem im Privatkundengeschäft. Darüber hinaus ist das Finanzinstitut auch in Italien sehr präsent und hält italienische Staatspapiere im Volumen von zehn Milliarden Euro. CA beziffert die Belastungen aus den Abschreibungen auf die von ihr gehaltenen Griechenland-Anleihen sowie auf die Tochter Emporiki im zweiten Quartal auf 640 Millionen Euro netto. Der Gewinn sank im abgelaufenen Quartal um elf Prozent auf 339 Millionen Euro.

Crédit Agricole: Aktie unter Druck

Seit Anfang des Jahres ist der Aktienkurs des Konzerns um fast 50 Prozent gefallen. CA erklärte als Reaktion auf die Moody’s-Bewertung, man werde bis Jahresende einen Unterstützungsmechanismus für seinen Investment-Arm einführen. Das werde entweder eine Garantieerklärung oder eine vollständige Eingliederung des Investment-Bankings sein.    

Das allein aber erklärt nicht die französische Haltung. Man muss auch die Erfahrungen mit dem früheren Währungssystem EWS berücksichtigen. In Frankreich hat man noch die Verwerfungen der 90er-Jahre im Europäischen Wechselkursmechanismus in Erinnerung. Sie endeten damit, dass die Lira und das Pfund ausscheiden mussten. Dem Franc wäre fast dasselbe widerfahren. Der Schlüssel für einen erfolgreichen Kampf gegen "die Märkte" war die unbedingte Unterstützung durch die Bundesbank, die sich mit der Banque de France abstimmte, um den Wechselkurs des Franc gegenüber der D-Mark zu halten. Ohne diese Unterstützung hätte der Franc nicht standgehalten. Im Falle der Lira und des Pfunds war das gegenseitige Engagement schwächer, die Spekulanten siegten und katapultierten die beiden Währungen aus dem System.

Kommentare (8)

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25.10.2011, 15:42 Uhr

Nein, Frankreich will keine Spekulanten abschrecken! Frankreich steht das Wasser bis zum Hals! Es möchte sich als Zecke an die Wirtschaftskraft Deutschlands heften, damit es im eigenen Land schön weiter mit dem Leben über die Verhältnisse gehen kann. Das nennt Trichet dann europäische Schicksalsgemeinschaft - die Merkel plappert das nach - es führt zum gemeinsamen Bankrott der Währungsunion. Nicht mehr, und nicht weniger.
Das "politische Projekt" Euro führt zur größten politischen, wirtschaftlichen und sozialen Katastrophe in Deutschland und Europa seit 1945! Den Politikern sei Dank!

Account gelöscht!

25.10.2011, 15:46 Uhr

Guter sachlicher Kommentar, der zumindest die französische Position verständlich macht, der aber auch schön die Argumentationslücken eben dieser position offenbahrt, die da wären:

Erstens gibt es einen weiteren essentiellen Grund für den Dissens: Die völlig unterschieldich Interessenlage eines Nettoggläubiger-/sparer landes wie Deutschland, dass durch eine Infaltionspolitik und Schuldenunion viel stärker die Zeche für die Exzesse der Vergangenheit zahlen müsste, als mit anderen Optionen.

Zweitens: ist völlig sicher, dass die Schuldenunion/unbegrenzte Rettungsschirme auch unbegrenzt ausgenutzt würden und eben nicht nur der Abschreckung dienten. Einmal erklärt kann man sie nicht zurücknehmen und gegenüber Ländern die nie wirklich in mental/emotional dem Stabilitäts-/Hartwährungsgedanken verbunden waren, wissen das genau und werden das entsprechend ausnutzen.

Drittens ist die Prämisse "Die Finanzen sollen so saniert werden, dass jeder seine Interessen wiederfindet und die langfristige Stabilisierung nicht zulasten des kurzfristigen Wachstums erfolgt." eine Illusion und eine perfekte Umschreibung der Antriebskarft der chuldendynamik, die uns erst in die gegenwärtige Situation geführt hat. Dieser Mechanismus muss aber durchbrochen werden ansonsten sind alle Schuldenabbaubekenntnisse nur Lippenbeknntnisse. Zum Durchbrechen dieses Mechanismus wir eine moderate Relativierung der Eigentumsverhältnisse wahrscheinlich unumgänglich sein.

Steuerzahler

25.10.2011, 17:26 Uhr

Die Argumentation der Autorin kann zwar nicht überzeugen. Aber ihre Beschreibung des französischen Vorschlags als einer "Nuklearoption" gefällt mir sehr, denn sie macht deutlich, welche verheerenden Folgen diese Option für den deutschen Sparer, seine Altersvorsorge und die letzten verbliebenen Anreize zu wirtschaftlich solidem Verhalten hätte.

Und wenn Sie glauben, die Option werde nicht genutzt, dann haben Sie im Frühjar 2010 wahrscheinlich auch geglaubt, Griechenland habe lediglich ein kurzfristiges Liquiditätsproblem.

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