Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

03.06.2015

14:49 Uhr

Gastkommentar

Einen Grexit kann niemand in Europa wollen

VonMichael Heise

Vor den dramatischen Folgen eines Grexits warnt Michael Heise, Chefvolkswirt der Allianz. Das geht auch an die Adresse von Tsipras, der heute Abend EU-Kommissionpräsident Juncker trifft. Mission: Griechland-Rettung.

Der griechische Premier und der Kommissionspräsident der EU verhandeln über eine Lösung in der Griechenland-Krise. dpa

Alexis Tsipras und Jean-Claude Juncker

Der griechische Premier und der Kommissionspräsident der EU verhandeln über eine Lösung in der Griechenland-Krise.

Immer mehr Stimmen werden laut, die sagen, dass ein reformunwilliges Griechenland keine Zukunft in der Eurozone habe. Die Befürworter eines Grexit argumentieren, dass der Austritt aus dem Euro nicht nur den Griechen die Eigenverantwortung für ihre Wirtschafts- und Währungspolitik zurückgeben würde, sondern auch die Eurozone mittelfristig stabiler machen könnte. Andere Länder wären zu größerer Disziplin genötigt worden, um das griechische Schicksal zu vermeiden.

Solche Argumente übersehen oft die Kosten, die durch einen Grexit entstehen würden, in erster Linie für die Griechen, aber auch für die gesamte Eurozone. Angesichts dieser Risiken sind die politischen Kosten eines Kompromisses verkraftbar, die sowohl die Athener Regierung als auch die Gläubiger zu tragen hätten.

Seit vier Monaten ringt Griechenland nun schon mit den internationalen Kreditgebern um eine Einigung im Schuldenstreit. Bislang zeigt die griechische Regierung kaum Bereitschaft, auf Forderungen der Kreditgeber nach weiteren Reformen in den Bereichen Mehrwertsteuer, Rente und Arbeitsmarkt einzugehen. Zudem werden wieder mehr Ausgaben von der Regierung angekündigt, die zu neuen Defiziten im Staatshaushalt führen würden. Unter diesen Voraussetzungen wird es wohl kaum zur Freigabe der weiteren Hilfsgelder in Höhe von 7,2 Milliarden Euro aus dem aktuellen Hilfspaket kommen.

Treffen in Brüssel: Jetzt ist Tsipras an der Reihe

Treffen in Brüssel

Jetzt ist Tsipras an der Reihe

Athen braucht noch diese Woche frische Milliarden. Die Gläubiger feilen an einem allerletzten Angebot für Griechenland. In Brüssel will Regierungschef Tsipras heute seine eigenen Pläne vorstellen. Ob er damit durchkommt?

Athen ist aber dringend auf diese Finanzspritze angewiesen, denn allein im Juni muss Griechenland Kredite im Wert von 1,6 Milliarden Euro an den IWF zurückzahlen. Ohne ein baldiges Einlenken droht ein Staatsbankrott des Landes. Eine einvernehmliche Vereinbarung über einen Schuldenschnitt ist angesichts der Reformunwilligkeit der griechischen Politik nicht zu erwarten. Ohne massive Unterstützung durch die europäischen Partner und die EZB würde ein Staatbankrott aber fast zwangsläufig zu einem Ausstieg aus der Eurozone führen.
Eine Insolvenz und ein Ausscheiden Griechenlands aus der Währungsunion wäre für die verbleibenden Länder zwar mit erheblichen Belastungen und Risiken verbunden, doch ein Auseinanderbrechen der Eurozone ist nicht zu erwarten. Ansteckungsgefährdete Länder haben in den letzten Jahren Reformen umgesetzt und gefährliche Ungleichgewichte wie Leistungsbilanzdefizite stark abgebaut: So haben Irland und Portugal ihre EU-Hilfsprogramme erfolgreich beendet, der spanische Bankensektor hat sich erholt, und alle Peripherieländer sind 2014 auf den Wachstumspfad zurückgekehrt.

Zudem sind die europäischen Krisenmechanismen gestärkt und institutionelle Reformen vorgenommen worden, etwa durch die Einführung des Europäischen Stabilitätsmechanismus (ESM), den Beschluss der europäischen Bankenunion und den Ausbau der Regeln für die Kooperation der Wirtschaftspolitik. Die Bereitschaft der Europäischen Zentralbank (EZB), über das Staatsanleihekaufprogramm (PSPP und/oder OMT) Anleihen aufzukaufen, tut ein Übriges, um die Ansteckungsgefahr für andere Peripherieländer zu begrenzen.

Kommentare (20)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

Herr Paul Kersey

03.06.2015, 16:03 Uhr

Klingt irgendwie so, als müssten wir Griechenland vor sich selber retten, notfalls gegen seinen eigenen Willen. Das hat nicht gerade viel mit staatlicher Souveränität Griechenlands zu tun. Griechenlands Regierung vertritt eine souveräne Haltung und das mit gutem, weil demokratisch legitimiertem Recht. Das heißt aber noch lange nicht, dass die europäischen Steuerzahler diese Haltung dauerhaft und nachhaltig subventionieren müssen.
Fehlentscheidungen welcher Art auch immer müssen umkehrbar sein, wenn man sie als solche erkannt hat. Unakzeptabel sind jedenfalls diese diffus nebulösen Warnungen, man wisse nicht was ein Grexit für Konsequenzen hat. Was ist das für eine Haltung? Nach diesem Motto würden die Steinzeitmenschen immer noch in ihrer Höhle sitzen, weil sie Angst haben sich rauszutrauen.

Herr Rainer Feiden

03.06.2015, 16:13 Uhr

Sehe ich genauso.
Die die heute Angst vor den "Dominoeffekten" haben, sollten sich mal Folgendes vor Augen führen:

Wenn die EU ein sichtbar reformUNWILLIGES (unfähig sind die Griechen obendrein) Land noch mit weiteren verlorenen Milliardenzuschüssen belohnt, die vom Steuerzahler genauso abzuschreiben sindm wie die bisherigen "Kredite", riskiert, daß diese Abspruchshaltung demnächst auf andere, deutlich grössere Länder überschwappt. Schliesslich werden sich am Ende nicht nur die deutschen, sondern auch die spanischen und italienischen Steuerzahler fragen, warum sie denn dem unreformierbaren Griechenland Zahlungen leisten sollen, wo sie doch selbst Reformopfer zu leisten haben und ob es nicht bequemer und gerchter wäre, auch den "griechischen Weg" der Staatsfinanzierung zu betreiben.

Vor diesem "Dominoeffekt" sollten die Eurokraten mindestens genauso viel Respekt haben, wie vor dem Grexit.

Herr Jürgen Bertram

03.06.2015, 16:30 Uhr

jedes weitere Hinauszögern des Unvermeidlichen erhöht nur die Lasten des Steuerzahlers.

Das die Griechen die Schulden nie zurückzahlen KÖNNEN muss jedem, der nicht auf dem Kopf gefallen ist, von Anfang an klar gewesen sein.

Von daher: jetzt endlich die Realitäten anerkennen und Schluss mit dem Affentheater!!!!

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×