Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

27.08.2011

12:17 Uhr

Gastkommentar

Euro-Bonds - Die Frage ist wie, nicht ob

VonRudolf Hickel

Heilsbringer oder Teufelszeug? Beim Thema Euro-Bonds könnten die Meinungen nicht unterschiedlicher sein. Dabei ist die Frage längst nicht mehr, ob wir gemeinsam für Staatsschulden haften, sondern wie wir es tun sollten.

Prof. Dr. Rudolf Hickel ist Forschungsleiter am Institut Arbeit und Wirtschaft in Bremen. Pressefoto IAW

Prof. Dr. Rudolf Hickel ist Forschungsleiter am Institut Arbeit und Wirtschaft in Bremen.

Die Einführung von Euro-Bonds ist in der Politik sowie der Wirtschaftswissenschaft heftig umstritten. Die Bandbreite der Bewertung reicht vom Befreiungsschlag bis zum Teufelszeug, ja zum "Zinssozialismus". Dagegen sehen die Pragmatiker in den Euro-Bonds im Vergleich mit den zuletzt immer wieder erweiterten Rettungsschirmen einen Beitrag unter vielen zur Stärkung des Euro-Landes durch einen Einstieg in die Fiskalunion. Wegen der Kontroverse besteht Aufklärungsbedarf.

Euro-Bonds sind Anleihen, die Mitgliedsländer in der Europäischen Währungsunion zur Finanzierung ihres staatlichen Haushalts einsetzen. Die Garantie für diese Bonds übernimmt die Gesamtheit der Euro-Länder. Durch die Gesamthaftung werden die Zinszahlungen an die Gläubiger sowie nach Ablauf der Laufzeit die Tilgung finanziell sichergestellt. Damit wird das derzeitige Prinzip, die Hilfen zur Staatsschuldenfinanzierung durch den Rettungsfonds (EFSF) an zahlungsunfähige Staaten wie Griechenland nationalstaatlich abzuwickeln, aufgehoben.

Was spricht für Euro-Bonds, was dagegen?

Was verbirgt sich hinter dem Begriff Eurobonds?

Gemeinsame Staatsanleihen aller Euro-Länder, die von einer noch zu gründenden europäischen Schuldenagentur zur Versteigerung angeboten würden. Bisher begibt jedes Land ausschließlich eigene Anleihen - mit der Konsequenz, dass hoch verschuldete Staaten teils extrem hohe Zinsen zahlen müssen. Geraten sie in den Fokus der nervösen Märkte, steigen die Zinsen sogar noch höher. Staaten mit glänzender Bonität wie Deutschland oder Österreich kommen dagegen günstig an frisches Geld.

Was wären die Vorteile von Eurobonds?

Pleitekandidaten stünden nicht mehr wie bisher weitgehend allein gegen die Macht von Finanzmärkte und Spekulanten: Mit Hilfe der Eurobonds könnten sie sich wieder zu moderaten Konditionen Kredite besorgen - schließen sind die solideren Staaten ja bei jeder einzelnen Anleihe mit im Boot. Allerdings würde ein anderer Teil der Schulden nach wie vor zu nationalen Zinssätzen verzinst werden - mindestens 40 Prozent müssten dies sein, fordert etwa Grünen-Chef Cem Özdemir.

Was spricht gegen Eurobonds?

Dass eine gemeinsame Haftung für Schulden ein tatkräftiges Sanieren und Sparen für Athen, Lissabon & Co noch unattraktiver machen könnte - nach dem Motto: Die Reichen werden schon zahlen. Dies befürchtet etwa Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU). Außerdem würden dann - so formulieren es die Eurobond-Gegner - deutsche Steuerzahler für Schulden derer mithaften, die zuvor über ihre Verhältnisse gelebt haben. Befürworter wie Eurogruppen-Chef Jean-Claude Juncker versichern deshalb, parallel solle ein Anreizsystem für verschuldete Euroländer geschaffen werden, das strikte Haushaltsdisziplin belohne.

Wo verlaufen die Fronten in dem Streit?

In Deutschland zwischen Schwarz-Gelb und Rot-Grün. In Europa - stark vereinfacht - zwischen Staaten mit AAA-Bonität und dem Rest. In Brüssel hat sich neben Juncker auch EU-Währungskommissar Olli Rehn für Eurobonds ausgesprochen. Die führenden Wirtschaftswissenschaftler in Deutschland sind uneins. Der Wirtschaftsweise Peter Bofinger beispielsweise ist für diese Lösung, ifo-Chefvolkswirt Kai Carstensen spricht von einer „hanebüchenen Idee“.

Was würden Eurobonds für Deutschland kosten?

Das ist höchst umstritten. Kai Carstensen etwa kalkuliert, dass Deutschland einen deutlichen Zinsaufschlag von 2,3 Prozentpunkten zahlen müsste. Unter dem Strich entspräche dies jährlichen Mehrkosten von gut 47 Milliarden Euro, errechnete er für die „Welt am Sonntag“. Eurobonds-Befürworten meinen dagegen: Staatspleiten und ein Auseinanderbrechen der Eurozone kämen für Deutschland teurer als die gemeinsamen Bonds.

Der wichtigste Vorteil wird in der Übernahme der Verantwortung des gesamten Euro-Lands für die Staatsverschuldung vor allem in den zahlungsunfähigen Krisenländern gesehen. Das Zinsgefälle zwischen bestens und schlecht bewerteten Mitgliedsländern wird abgebaut. Damit lassen sich aus den Zinsdifferenzen keine Spekulationsgewinne zulasten hochverschuldeter Staaten mehr erzielen. Ein wichtiger Vorteil: Die Nachfrage nach Euro-Bonds auch als Anlagewährung gegenüber den US-Staatsanleihen auf den internationalen Kapitalmärkten wird groß sein. Beispielsweise wären die Euro-Bonds für die chinesische Notenbank als Anlageprodukte wichtig. Schließlich lassen sich durch eine einheitliche Ausrichtung der Nutzung von Staatsanleihen die heutigen Hilfen durch Rettungsschirme abbauen.

Im Katalog der diskutierten Nachteile stehen zwei Kritikpunkte ganz oben. Kritisiert wird die Höhe der Zinssätze für die Euro-Bonds. Diese repräsentieren einen Durchschnitt aus Ländern mit niedrigen Zinsen (Bestnote bei den Ratingagenturen) gegenüber den Krisenländern (Ramschstatus beim Rating) mit hohen Kosten der Kreditfinanzierung. Deutschland würde zu den Verlierern gehören. In einer Modellrechnung auf der Datenbasis von Anfang August werden für Deutschland der Zinsaufschlag mit 2,3 Prozent und die dadurch entstehenden Mehrausgaben auf 43 Milliarden Euro geschätzt. Dies ist jedoch das Ergebnis einer statischen Rechnung. Die Möglichkeit, dass weltweit akzeptierte Bonds gegenüber der mechanistischen Durchschnittsbildung wegen deren Attraktivität mit niedrigeren Zinssätzen zu verkaufen sind, wird übersehen.

Kommentare (53)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

Rainer_J

26.08.2011, 20:25 Uhr

Noch so ein hirnloser Euro-Fanatiker! Aus welchem Loch die bloß gekrochen kommen?

Ich habe mal im Matheunterricht gelernt, dass der Mittelwert unterschiedlich großer Zahlen zwischen der kleinsten und der größten Zahl liegt. Für Euromantiker ist der Mittelwert kleiner als die kleinste Zahl...zumindest hoffen sie es. Und nur gerüstet mit einer unrealitischen Hoffnung wollen sie Euro-Bombs.

Springen die Euromantiker/fanatiker von 10 Meter Höhe in einen Fluß ohne die Tiefe zu kennen? In der Hoffung der Fluß ist an dieser Stelle tief genug. Offenbar schon.

Ich will etwas über Sicherheiten, Garantien und umgesetzte Reformen der PIGS lesen und nicht so ein Geschwafel. Was wurde gejubelt nach Abschluß des 1. Griechenland-Hilfspakets und gebracht hat es gar nichts.

Griechenland in der Konkurs und die EUdSSR auf der Müllhalde der Geschichte, denn dort gehören die Verbrecher hin.

upstream

26.08.2011, 22:58 Uhr

Hickel denkt bei Eurobonds nur an den Bundesetat. - Lächerlich!

Überlegen wir mal, wie die erwähnten 2,3 Prozentpunkte Zinserhöhung beim Normalbürger aufschlagen. Ich beschränke mich hier auf Immobilien. Bei derzeit 3,5 Prozent für 10-Jahres-Kredite mit 1,0 Prozent anfänglicher Tilgung ergibt sich eine Erhöhung der Finanzierungskosten um 2,3/(3,5+1,0) = 51 Prozent!

Da Hausbesitzer im Gegensatz zu Regierungen kein Geld drucken können, landet die Mehrbelastung beim Mieter. - 50 Prozent Mieterhöhung, toll!

Es gibt dennoch Hoffnung: Erfahrungsgemäß platzen solche Schnapsideen, sobald der Mieterbund aufwacht und folglich "seine" SPD in die Senkel stellt - wie weiland anl. der Besteuerung von Lebensversicherungen.

pikokelvin

27.08.2011, 16:53 Uhr

und genau das ist nicht das ziel von europa. vll. sollte der herr professor auch mal zuhören, wenn poliker etwas sagen. erst wenn es ein einheitliches europa gibt, kann es auch einen eurobond geben -am ende und nicht am anfang- so der franz.präsident sarkozi allerdings, und das wollen die meisten eu-völker..nicht im unionsstaat, wie usa, sondern in einer staaten-union leben. das ewige "sozialistische" rumgequatsche von sozialdemokratischen professoren, ändert auch nicht daran, was diese leute wollen, ein einheitsbrei sozialistisch/kommunistisches europa. nur die völker wollen das nicht. auch so macher professor hat nicht immer "sachverstand" oder will nicht verstehen, denn dass kommt von verständnis.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×