Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

16.07.2012

19:16 Uhr

Gastkommentar

„Teuere Energie führt zu Europas Deindustralisierung"

VonGünther Oettinger

Seit einem Jahrzehnt nimmt die Deindustrialisierung in Europa dramatisch zu. Für EU-Energierkommissar Günther Oettinger kann nur eine kluge Energiepolitik diese Entwicklung stoppen.

Strom wird in Zukunft als Energiequelle für die Wirtschaft eine bedeutende Rolle spielen. AFP

Strom wird in Zukunft als Energiequelle für die Wirtschaft eine bedeutende Rolle spielen.

Eine starke industrielle Basis ist unverzichtbares Fundament für Wohlstand und ökonomischen Erfolg in Europa. Die industrielle Wertschöpfung ist Ausgangspunkt für die Entwicklung der Dienstleistungssektoren. EU-Staaten mit stärkerem industriellen Sektor sind vergleichsweise besser durch die Wirtschafts- und Finanzkrise der vergangenen Jahre gekommen.

Allerdings ist die industrielle Wertschöpfung in der EU in den vergangenen zehn Jahren kontinuierlich gesunken. Europa befindet sich längst in einer Phase der Deindustrialisierung. In einigen Mitgliedstaaten war der Rückgang dramatisch, in anderen Mitgliedstaaten war die Entwicklung vergleichsweise stabil, etwa in den Niederlanden, Österreich und Deutschland.

EU-weit reduzierte sich der Anteil der industriellen Wertschöpfung am Bruttoinlandsprodukt von rund 22 Prozent in 2000 auf etwa 18 Prozent in 2010. Wenn Europa sein Wohlstandsniveau halten will, muss es seine industrielle Basis erhalten und ausbauen. Wie schaffen wir es, industrielle, technische und handwerkliche Wertschöpfung in Europa zu halten und in den Bereichen auszubauen, wo sie abnimmt?

Oettinger schlägt Alarm: „Die Deindustrialisierung hat längst begonnen“

Oettinger schlägt Alarm

„Die Deindustrialisierung hat längst begonnen“

EU-Energiekommissar Oettinger warnt vor den Folgen der Strompreisexplosion.

Dabei macht es keinen Sinn, zwischen "alten" Industrien auf der einen und "grünen" Industrien auf der anderen Seite zu unterscheiden. Energieintensiv gefertigte Produkte sind unverzichtbare Grundlage für Zukunftsbranchen: Ohne Stahl kein Windrad, ohne Aluminium oder Kupfer kein Stromkabel. Energieintensiv hergestellte Produkte tragen in ihrer Anwendung maßgeblich dazu bei, Energie zu sparen, z. B. Dämmstoffe oder effiziente Reinigungsmittel. Die Verwendung von Aluminium in Fahrzeugen reduziert deren Gewicht und senkt den Energieverbrauch. Europa muss daran arbeiten, industrielle Produktion entlang der gesamten Wertschöpfung zu behalten. Wir brauchen eine Strategie für die Reindustrialisierung Europas.

Ein zentrales Element einer solchen Strategie muss die Energiepolitik sein. Für Unternehmen sind die Faktoren Energiepreise und Versorgungssicherheit von zentraler Bedeutung für die Standortwahl. In zahlreichen Branchen sind die Preise für Energie und Rohstoffe längst wichtiger als Arbeitskosten. Gleichzeitig verschieben sich die globalen Gleichgewichte. So stehen etwa die USA dank niedriger Energiepreise vor einer Reindustrialisierung. So ist der Gaspreis infolge der boomenden Förderung von unkonventionellem Gas in den USA heute um zwei Drittel niedriger als in Deutschland.

Kommentare (30)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

Account gelöscht!

16.07.2012, 19:35 Uhr

Der "shutdown" Europas ist in vollem Gange. Ob es gewollt ist, weiss ich nicht. Jedenfalls ist mit der EU und der Auflösung der Identitäten der Staaten in Europa auch die Triebkraft für Veränderung verschwunden. Alles lässt sich fallen in die Hängematte oder stagniert im Nichtstun.

Die "EU" aus Brüssel kann keine Initiative der einzelnen Meschen schaffen, weil sie abstossend und abtrakt sowie aufgezwungen ist.

So kommt Europa nicht wieder in Tritt.

keeper

16.07.2012, 19:53 Uhr

es ist doch ganz einfach:

die Konjunktur steht kurz vorm Abgrund - es dauert nicht mehr lange, und es entwickeln sich massive Abwärtsspiralen.

Dies ist dann die Zeit für Konjunkturpakete.
Aber bitte keine dummen, einfältigen Konsumfinanzierungen a la "Abfackprämie",
sondern Investitionen.

Und Investitionen in die Energieversorgung,
staatlich finanzierte Projekte in regenerative Energien mit dem Ziel nachhaltiger Versorgung bei sinkenden Strompreisen.

Die industriellen Cluster in Europa sind schon relativ eng beieinander: mit sinkenden Strompreisen und entsprechender Mobilitätsinfrastruktur werden die arbeitsteiligen Prozesse noch wettbewerbsfähiger.

... Wenn mich der Container von Shanghai nach Hamburg natürlich weniger kostet, als irgendeine innereuropäische Strecke von einem Zentrum zum nächsten, dann ist die "Standortfrage" eben nicht zum europäischen Vorteil.

... und mit der Produktion geht immer auch ein Stück F&E - die anderen werden stärker, Europa schwächer.

Überlässt man es "dem markt" - d.h. in diesem Falle konkret: dem monopolistischen Oligopol der gewinnorientierten Energieversorger, bekommt man die Situation, welche wir heute haben:
Milliarden an die (teils staatl.) Eigner;
daraus abgeleitet Millionengehälter für die Manager;
ein von Lobbyisten eingelullter, korrupter Politikfilz.

Und am Ende zahlt der kleine Mann direkt und indirekt die Zeche.

Christian

16.07.2012, 19:53 Uhr

Europa muss wieder industrialisiert werden. Da hat er recht.
Unterhaltungselektronik, Handys, Smartphones, Software, EDV-Hardware usw. müssen in Europa hergestellt werden. Die vielen Arbeitslose finden sonst keine Arbeit in Europa.
China, Indien usw. müssen ihre Volkswirtschaften so organisieren, dass jeder die Chance hat auf Nahrung, Kleidung und Wohnung usw. Die Versorgung Europas mit Waren, die mit Hungerlöhnen produziert werden, bringt nichts. Es findet dort keine Entwicklung statt und wir in Europa bekommen immer größere Probleme.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×