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28.10.2011

11:20 Uhr

Gastkommentar

Wir müssen mehr wie die Deutschen sein

VonAlexis Papachelas

Der Chefredakteur der griechischen Tageszeitung „Kathimerini“ versteht, dass die Menschen wütend sind auf die Politiker, Frau Merkel, die Troika, die Banken. Doch jetzt ist es höchste Zeit, dass sich Athen neu erfindet.

Alexis Papachelas ist Chefredakteur der griechischen Tageszeitung „Kathimerini“.

Alexis Papachelas ist Chefredakteur der griechischen Tageszeitung „Kathimerini“.

Die Griechen glaubten in den vergangenen 30 Jahren, sie könnten sich ihr Leben lang auf zwei Verträge verlassen: einen mit der Regierung, der jedem einen sicheren Arbeitsplatz im öffentlichen Sektor sicherte, den anderen mit der EU, der hohe Subventionen aus den Agrar- und Strukturfonds garantierte. Später kamen die billigen Euro-Anleihen dazu. Die letzten Jahrzehnte waren deshalb eine schöne Zeit – auch für die Deutschen und andere, die von der griechischen Party profitierten.

Ergebnisse des Euro-Krisengipfels

Neue Kredite

Griechenland soll vom europäischen Krisenfonds für wackelnde Eurostaaten (EFSF) Kredite zu niedrigen Zinssätzen von rund 3,5 Prozent bekommen. Die Laufzeiten der Kredite sollen von bisher siebeneinhalb Jahren auf 15 bis 30 Jahre gestreckt werden. Ein umfangreiches Wachstums- und Investitionsprogramm soll Griechenland in Zusammenarbeit mit der EU-Kommission wieder auf die Beine bringen. Der Internationale Währungsfonds (IWF) wird angehalten, sich am Hilfsprogramm zu beteiligen. Auch die Laufzeiten der Kredite aus dem bereits existierenden Rettungsprogramm von 2010 sollen deutlich verlängert werden.

Einbeziehung von Banken

Der Finanzsektor wird sich auf freiwilliger Basis mit einer Reihe von Optionen an der Rettung Griechenlands beteiligen. Der Nettobeitrag der Banken soll bei 37 Milliarden Euro liegen - für die Zeit von jetzt bis 2014. Zusätzlich wird ein Betrag von 12,6 Milliarden Euro genannt für ein Schuldenrückkaufprogramm. Legt man den Zeitraum von 2011 bis 2019 zugrunde, beträgt der Nettobeitrag des privaten Sektors laut Abschlusserklärung 106 Milliarden Euro.

Neue Aufgaben für Krisenfonds

Der EFSF-Fonds bekommt neue Aufgaben. Er kann künftig zum Ankauf von Staatsanleihen genutzt werden - aber unter strikten Bedingungen. Zudem soll der Rettungsfonds vorbeugende Programme für Wackelkandidaten im Eurogebiet auflegen dürfen. Der EFSF wird nicht aufgestockt.

Irland und Portugal

Auch für Portugal und Irland, die ebenfalls von milliardenschweren Hilfsprogramm der Partner profitieren, sollen die Ausleihbedingungen des EFSF gelten.

Budgetdefizite

EU-weit sollen Budgetdefizite bis 2013 möglichst auf unter drei Prozent gedrückt werden. Das Sparpaket Italiens, mit dem dies bis 2012 erreicht werden soll, fand lobende Worte. Ebenso wurden die Reformanstrengungen von Spanien begrüßt.

Banken-Stresstests

Für durchgefallene Banken sollen die Euro-Länder entsprechende Auffangmaßnahmen bereitstellen.

Wirtschaftliche Koordination

Bei der geplanten Wirtschaftsregierung machen die Staats- und Regierungschefs Druck: Die seit Anfang Juli amtierende polnische EU-Präsidentschaft hat den Auftrag, die festgefahrenen Verhandlungen mit dem Europäischen Parlament voranzubringen.

Rating-Agenturen

Die Regierungschefs sind sich einig, dass die Macht der Rating-Agenturen eingedämmt werden muss. Vorschläge der Kommission zum Umgang mit den Agenturen werden erwartet. Außerdem wollen die Europäer eine eigene international bedeutende Ratingagentur etablieren.

Krisenmanagement

In der Eurozone soll das Krisenmanagement verbessert werden. Bis Oktober sollen EU-Ratspräsident Herman Van Rompuy, Kommissionspräsident José Manuel Barroso und der Vorsitzenden der Eurogruppe, Jean-Claude Juncker, konkrete Vorschläge machen.

Dabei spreche ich nicht von den Gütern, die wir so selbstverständlich konsumierten. Ich meine beispielsweise die Pharmaunternehmen, die bis zum Anschlag Griechenlands korruptes und desorganisiertes Gesundheitswesen ausnutzten, um höhere Gewinne als in anderen Ländern zu realisieren. Und ich meine die Milliarden Euro, die in Waffenlieferungen und Schmiergelder flossen.

Dieses System ist kollabiert. Das Geld ist weg, das der EU und das von den Finanzmärkten. Natürlich sind die Menschen wütend über unsere Politiker, über das Establishment, über Frau Merkel, die Troika, die Banken. Wir sind eine stolze Nation mit einer langen Geschichte und ertragen nur schwer die internationale Kritik, die teilweise in Verleumdung der Griechen als faul und betrügerisch ausartet. Wir ärgern uns über die Titelseiten der Boulevardpresse in Deutschland, auf denen das Parthenon zum Verkauf steht.

Nun suchen wir nach einem Neuanfang, nachdem der Boden unter unseren Füßen weggebrochen ist. Wir fühlen uns sicher in der europäischen Familie, aber auch erstickt durch die energische Liebe der deutschen Führung, die manchmal in Hysterie umschlägt. Unser nationales Ziel ist es, die wirtschaftliche und politische Souveränität wiederzuerlangen. Aber es erfordert Zeit und Geduld, aus dem schwarzen Loch zu kommen, in das wir gefallen sind. Denn Staat und Verwaltung müssen von Grund auf neu gebaut werden. Dafür brauchen wir auch professionelle Hilfe und Führung.

Über den Privatsektor mach ich mir keine großen Sorgen. Die Griechen sind sehr anpassungsfähig und verstehen es, das Beste aus jeder Lage zu machen. Es ist ja kein Zufall, dass so viele Griechen im Ausland erfolgreich waren. Und eine neue Generation steht bereit, mit hohen Standards und kosmopolitisch.

Trotz Schuldenkrise: Investieren in Griechenland

Video: Trotz Schuldenkrise: Investieren in Griechenland

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Deutschland, Griechenland und die EU bewegen sich mit dieser Krise in unbekanntem Gelände. Die EU sucht nach ihrem Platz in der Welt, unter Sicherung des Sozialstaats und der Lebensqualität. Vielleicht finden die Deutschen das perfekte Modell für hohe Produktivität und wir für den Lebensgenuss. In den nächsten Jahren werden wir uns jedenfalls Ihrem Modell annähern, um zu überleben. Höheres Wachstum und Rückzahlung der Schulden werden uns hoffentlich durch mehr Professionalität und Qualität gelingen. Und Sie werden unserer Lebensweise näherkommen, wenn Sie uns im nächsten Sommer besuchen – darauf sind wir angewiesen.

Der Autor ist geschäftsführender Chefredakteur der Tageszeitung „Kathimerini“. Sie erreichen ihn unter: gastautor@handelsblatt.com

Griechische Schuldenkrise: wichtige Termine bis zum Jahresende

23./24. Oktober 2011

EU-Gipfel in Brüssel.

1. November 2011

Mario Draghi ersetzt Jean-Claude Trichet als Präsident der EZB.

3. November 2011

EZB Zinsentscheid in Frankfurt, G-20-Gipfel in Cannes.

4. November 2011

G-20-Gipfel in Cannes.

7./8. November 2011

Finanzminister der Eurozone tagen in Brüssel, anschließend Tagung der Finanzminister aller 27 EU-Mitgliedsstaaten.

11. November 2011

Zwei Milliarden Euro-Schatzwechsel werden fällig.

18. November 2011

1,6 Milliarden Euro-Schatzwechsel werden fällig.

29./30. November 2011

Finanzminister der Eurozone tagen in Brüssel, anschließend Tagung der Finanzminister aller 27 EU-Mitgliedsstaaten.

8. Dezember 2011

EZB-Zinsentscheid in Frankfurt.

9. Dezember 2011

EU-Gipfel in Brüssel.

16. Dezember 2011

Zwei Milliarden Euro-Schatzwechsel werden fällig.

19. Dezember 2011

1,17 Mrd. Euro-Staatsanleihen werden fällig.

22. Dezember 2011

0,98 Milliarden Euro-Staatsanleihen werden fällig.

23. Dezember 2011

Zwei Milliarden Euro-Schatzwechsel werden fällig.

29. Dezember 2011

5,23 Milliarden Euro-Staatsanleihen werden fällig.

30. Dezember 2011

0,71 Milliarden Euro-Staatsanleihen werden fällig.

Ende Dezember 2011

Siebte Tranche des Rettungspakets von 2010 steht zur Auszahlung an.


Kommentare (4)

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Reallohnverlust

28.10.2011, 12:36 Uhr

"Die letzten Jahrzehnte waren deshalb eine schöne Zeit – auch für die Deutschen und andere, die von der griechischen Party profitierten."

Lieber Redakteur, erklären Sie das doch bitte einmal. Inwiefern haben "die Deutschen" vom griechischen Betrug profitiert? Reallohnsteigerungen konnte m.W. kein normaler Arbeitnehmer verbuchen, so dass inzwischen wesentliche Teile der deutschen Arbeitnehmerschaft zum Prekariat gehören, obwohl sie deutlich produktiver sind als ihre europäischen Brüder und Schwestern in den Nachbarländern.
Also, wo war der Vorteil, den die Deutschen hatten?

Account gelöscht!

28.10.2011, 13:19 Uhr

Woher nehmen einige Redakteure und zuviele Politiker
die Redewendung: die Deutschen hätten von der griechischen Party patizipiert. Ich persönlich kenne niemanden!!!
Warum diese unverfrorene Unwahrheiten?
Zitat:
Zwei Dinge sind unendlich:
Das Universum und die menschliche Dummheit.
Aber beim Universum bin ich mir nicht ganz sicher.
Albert Einstein.

Einladung

28.10.2011, 13:46 Uhr

Lieber Herr Redakteur, vielen Dank für ihre Einladung, um nach Griechenland zu kommen im nächsten Sommer. Dem würde ich ja gerne nachkommen, weil Griechenland ein schönes Land ist. Leider hat sich jedoch meine Regierung hier dazu entschlossen, die Schulden für andere Lânder zu übernehmen, auch wenn es mir total schleierhaft ist, warum eigentlich. Da diese Schulden also nun durch uns bezahlt werden, bereite ich mich gerade darauf vor, dass ich in den nächsten Monate ungefähr 30 % meines Einkommens verlieren werde durch Streichungen und Erhöhungen aller Art. Hinzu kommt dann noch die Inflation durch Ausweitung der Geldmenge. Diese wird momentan auf ca. 5 - 10 % jährlich geschätzt. Somit wird der Griechenlandurlaub nächstes Jahr wegen Mangel an Mitteln ersatzlos gestrichen und ist stattdessen Balkonien angesagt.
Ich glaube wirklich, dass es noch nicht nach Griechenland durchgedrungen ist, was man den anderen Ländern der EU eigentlich angetan hat.

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