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31.07.2014

10:23 Uhr

Gaza-Konflikt

Die Angst der Intellektuellen

VonPierre Heumann

Der Krieg in Gaza ist in Israel populär, kaum jemand stellt ihn in Frage. Wer es doch tut – und nur von Waffenstillstand redet – gilt als Verräter. Und muss mit heftigen Reaktionen rechnen.

Krieg in Gaza: 95 Prozent der Israelis halten die Auseinandersetzung für gerecht. dpa

Krieg in Gaza: 95 Prozent der Israelis halten die Auseinandersetzung für gerecht.

Tel AvivIn seiner Mail an seine Studenten wollte Professor Hanoch Sheinman eigentlich nur über einen zweiten Prüfungstermin informieren. Doch der Satz, mit dem der Experte für Recht und Philosophie seine Info einleitete, kam weder im Lehrkörper der Bar-Ilan-Universität noch bei seinen Studenten gut an. Er hoffe, schrieb Sheinman, dass keiner der Empfänger unter den Hunderten von Menschen sei, die getötet oder unter den Tausenden sei, die verletzt wurden oder unter den Zehntausend sei, deren Häuser zerstört wurden. Damit, das war allen klar, konnte der Professor nur die Palästinenser im Gazastreifen gemeint haben.

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Seine Empathie für die Nachbarn im Süden löste eine Protestwelle aus, eine wahre Flut von Zuschriften. Der Dekan der juristischen Fakultät sah sich zu einer Reaktion gezwungen und distanzierte sich von Sheinman. Sheinmans Mail habe ihn „schockiert“, schrieb der Dekan, sie sei eine unangebrachte Ausnützung seiner Macht, die er als Dozent an der Universität habe. McCarthyismus (also die Verfolgung von Linken und Kommunisten in den USA unter Senator Joseph McCarthy in den 50er Jahren), der sich in den vergangenen Wochen in Israel ausgebreitet habe, kommentierte die Tageszeitung Haaretz, knabbere nun auch die akademischen Institutionen des Landes an.

Sheinman ist nicht der einzige, der mit kritischen Gedanken zum Gazakrieg einen Shitstorm auslöst. Israelische Künstler, die sich als Gegner des Vorgehens in Gaza outen, werden in den sozialen Netzwerken heftig attackiert. Das erlebte zum Beispiel die populäre Schauspielerin Orna Banai, nachdem sie in einem Interview gesagt hatte, sie bedauere die Toten auf beiden Seiten und sei gegen den Krieg in Gaza. Ähnlich erging es der Filmemacherin Shira Geffen, nachdem sie einen Brief von Berufskollegen unterschrieben hatte, in dem ein Ende des Kriegs in Gaza verlangt worden war. Da griff Kulturministerin Limor Livnat höchstpersönlich in die Tasten. Diese Regisseure seien „eine Schande für den Staat Israel,“ schrieb sie auf Facebook.

Streitpunkte zwischen Israel und Hamas

Ende der Feindseligkeiten nicht in Sicht

Sowohl Israel als auch die Palästinenser verlangen ein Ende des Beschusses. Jedoch befeuern sich Hamas und Israel beständig gegenseitig, so dass ein Ende der Gewalt nicht in Sicht ist.

Grenzübergänge

Die Hamas will in Gaza vor allem den Güter- und Personenverkehr über die Grenze wieder in Gang setzen. Israel blockiert die Grenzübergänge im Osten und Norden sowie von der Seeseite, Ägypten führt im Süden ein strenges Grenzregime. Der gescheiterte ägyptische Vorschlag sah vor, Übergänge im Süden zu öffnen, wenn sich die Lage beruhigt habe.

Der Hamas geht es vor allem um den Übergang in Rafah. Es ist der wichtigste Zugang der Menschen von Gaza zur Außenwelt. Ägypten hat dort den Personenverkehr im vergangenen Jahr stark eingeschränkt. Dies hängt mit der engen Verbindung der Hamas zur in Ägypten verfolgten islamistischen Muslimbruderschaft zusammen, der der gestürzte Präsident Mohammed Mursi angehört. Die Hamas will nun vor allem von Ägypten Garantien für den Übergang in Rafah, denn frühere Versprechungen waren nicht eingehalten worden.

Gefangene

Bei der Suche nach drei entführten und letztlich getöteten israelischen Religionsschülern im Westjordanland haben israelische Sicherheitskräfte Hunderte Hamas-Angehörige festgenommen. Dutzende der Männer waren bereits früher in Haft und wurden bei einem Gefangenenaustausch 2011 freigelassen. Israel argumentiert, die nun wieder Festgenommenen hätten gegen ihre Entlassungsbedingungen verstoßen. Die Hamas will sie mit ihrem ununterbrochenen Raketenbeschuss freipressen. Beobachter rechnen nicht damit, dass sich Israel darauf einlassen könnte.

Entmilitarisierung

Israel würde eine Waffenruhe mit der Hamas akzeptieren, wenn sie für eine Entmilitarisierung des Gazastreifens genutzt würde. Raketen und von der Hamas genutzte Tunnel will Israel beseitigen.

Die Hamas hat ihr Raketenarsenal in den vergangenen Jahren erweitert. Inzwischen kann sie auch weiter entfernte Ziele in Israel angreifen. Raketen flogen bereits auf Tel Aviv und bis zur mehr als 160 Kilometer entfernten Stadt Haifa. Für die Hamas kommt eine Entwaffnung nicht infrage.

Aussicht auf eine längere Kampfpause?

Zuletzt hatten sich Hamas und Israel 2012 einen mehrere Tage dauernden bewaffneten Konflikt geliefert. Danach war für mehrere Monate weitgehend Ruhe. Israel hofft, mit seinen massiven Angriffen diesmal die Hamas einzuschüchtern und sie so auf längere Zeit von Raketenbeschuss abzuhalten.


Geffen ließ sich nicht einschüchtern. Vor der Erstaufführung ihres Films ging sie auf die Bühne und las laut die Namen von palästinensischen Kindern vor, die kurz zuvor am Strand von Gaza getötet worden waren. Dann bat sie das Publikum, der Kinder stehend während einer Minute zu gedenken. Die Reaktion in den sozialen Medien fiel auch dieses Mal heftig aus. „Hat so eine Frau überhaupt Platz im Staat Israel? Verdient es so eine Frau, dass sie von Soldaten beschützt wird, während sie schläft?“

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