Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

22.06.2015

18:39 Uhr

Gaza-Krieg

UN sieht Kriegsverbrechen auf beiden Seiten

Mehr als 850 Frauen und Kinder sind im Gaza-Krieg 2014 getötet worden. Keine der beiden Kriegsparteien hat aus Sicht der UN Rücksicht auf Zivilisten genommen. Die Schuld schieben sie sich aber gegenseitig in die Schuhe.

Der Krieg in Gaza wird von der UN untersucht. ap

Explosion in Gaza

Der Krieg in Gaza wird von der UN untersucht.

Genf/Tel AvivIm Gaza-Krieg von 2014 haben Israel und Palästinenser laut UN zahlreiche Kriegsverbrechen begangen. Dies gelte für Angriffe Israels auf den dicht bewohnten Gazastreifen, aber auch für die Raketenabschüsse der Palästinenser auf israelisches Gebiet, geht aus dem Bericht der UN-Untersuchungskommission zum Gaza-Krieg hervor.

Die Kommission verurteilte auch die „außergerichtlichen Hinrichtungen von angeblichen Verrätern“ aufseiten der Palästinenser. „Die Opfer beider Seiten haben das Recht gehört zu werden“, bilanzierte die Vorsitzende der von Israel heftig kritisierten Kommission, Mary McGowan Davis, am Montag in Genf.

Der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanjahu wies den Bericht als tendenziös zurück. Der UN-Menschenrechtsrat habe Israel „häufiger verurteilt als den Iran, Syrien und Nordkorea zusammmen“, sagte Netanjahu am Montag während einer Ansprache im Parlament in Jerusalem. „Israel verteidigt sich selbst und tut dies in Übereinstimmung mit dem internationalen Recht“, sagte Netanjahu.

Zahlen zum Gaza-Krieg

Dauer

Der israelische Militäreinsatz dauerte bislang 29 Tage.

Opfer

Dem Gesundheitsministerium in Gaza zufolge starben dabei 1867 Palästinenser. Darunter seien 429 Kinder. 9563 Menschen wurden demnach verletzt.

Israelische Opfer

Drei Zivilisten wurden in Israel bei Raketen- oder Mörserangriffen getötet. 640 Israelis wurden laut dem Ambulanzdienst Magen David Adom medizinisch behandelt, davon 469 wegen Schocks.

Zerstörung

485 000 Palästinenser mussten ihre Häuser verlassen, schätzen die Vereinten Nationen. Sie rechnen, dass 10 690 Häuser zerstört oder schwer beschädigt wurden.
270 000 Menschen kamen in UN-Schulen unter.

Versorgungslage

1,5 Millionen Menschen haben nach UN-Angaben keinen oder nur sehr begrenzten Zugang zu Wasser.

Soldaten

Auf israelischer Seite starben nach Militärangaben 64 Soldaten. Einige hundert trugen Verletzungen davon.

Bilanz

Die israelische Armee griff 4800 Ziele im Gazastreifen an. Laut israelischem Militär feuerten militante Palästinenser 3356 Raketen auf Israel ab.
578 wurden von der Raketenabwehr abgefangen. 130 Raketen seien innerhalb des Gazastreifens eingeschlagen.

Dagegen forderte die Palästinenserführung ein Ende der israelischen „Straffreiheit“. Chefunterhändler Saeb Erekat sagte, man werde den Bericht eingehend studieren. Hamas-Sprecher Sami Abu Suhri forderte eine Verurteilung der israelischen Führung vor dem internationalen Strafgerichtshof, äußerte sich aber nicht zu Vorwürfen gegen Hamas.

Die UN drängten auf ein Aufdecken der Verantwortlichkeiten. Dies sei „ein Schlüsselfaktor für die Frage, ob Palästinensern und Israelis eine weitere Runde von Feindseligkeiten und Verletzungen internationalen Rechts künftig erspart bleibt“, heißt es in der 34-seitigen Zusammenfassung des Berichts. Allerdings zeigte sich Davis skeptisch, dass die von beiden Seiten wegen etwaiger Kriegsverbrechen eingesetzten Gremien ihre Aufgaben auch nur ansatzweise erfüllten. „Ein wichtiger Maßstab ist Unabhängigkeit“, sagte Kommissionsmitglied Doudou Diene.

Israel habe seine Attacken selbst dann unvermindert fortgesetzt, als die immense Zerstörung ziviler Infrastruktur und die hohe Zahl ziviler Opfer klar geworden seien, kritisiert der Bericht. Während des Krieges waren 18 000 Häuser und Wohnungen zerstört worden. Die Palästinenser ihrerseits hätten teils in unmittelbarer Nähe von ziviler Infrastruktur operiert und so Opfer unter den Zivilisten in Kauf genommen. Die Kommission hatte zahlreiche Zeugen befragt.

Während des 50-tägigen Gaza-Kriegs waren 2250 Palästinenser getötet worden, darunter 1400 Zivilisten. Auf israelischer Seite starben mehr als 70 Menschen. Unter ihnen waren sechs Zivilisten. Israel hatte unlängst sein militärisches Vorgehen im Gaza-Krieg mit einem eigenen Untersuchungsbericht gerechtfertigt. Netanjahu hatte gesagt, Israel untersuche selbst auf angemessene Weise Vorwürfe über Verstöße seiner Soldaten während des Krieges.

unter dem Druck Israels war der ursprünglich zum UN-Chefermittler ernannte kanadische Jurist William Schabas im Februar zurückgetreten. Israel hielt ihn für voreingenommen.

Von

dpa

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×