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11.07.2015

16:32 Uhr

Gedenkfeier in Srebrenica

Demonstranten werfen Steine auf Serbiens Regierungschef

Die Lage eskalierte: Bei einer Feier zum Gedenken an das Massaker von Srebrenica wurde Serbiens Ministerpräsident Aleksandar Vucic von Teilnehmern ausgebuht – und musste die Veranstaltung am Ende unfreiwillig verlassen.

Bevor er von Demonstranten vertrieben wurde, trug sich Serbiens Premier Aleksandar Vucic in das Kondolenzbuch ein. Reuters

Kondolenz ausgedrückt

Bevor er von Demonstranten vertrieben wurde, trug sich Serbiens Premier Aleksandar Vucic in das Kondolenzbuch ein.

SrebrenicaWas als Geste der Versöhnung gedacht war, endete mit einem Eklat: Aufgebrachte Demonstranten haben den serbischen Ministerpräsidenten Aleksandar Vucic am Samstag beim Gedenken zum 20. Jahrestag des Massakers von Srebrenica angegriffen und ihn vertrieben. Vucic legte gerade ein Blumengebinde am Mahnmal nieder, als Demonstranten unter „Allahu Akbar“-Rufen begannen, Steine nach ihm zu werfen. Außenminister Ivica Dacic sprach von einem „Angriff auf Serbien“.

Nach Angaben der Nachrichtenagentur Tanjug traf ein Stein den serbischen Regierungschef am Kopf, seine Brille zersplitterte. Abgeschirmt von seinen Leibwächtern musste er vom Gedenkort fliehen. Die Organisatoren der Gedenkveranstaltung riefen die Demonstranten über Lautsprecher zur Ruhe auf. Ein muslimischer Geistlicher sprach ein Gebet, und die Gäste konzentrierten sich wieder auf die Gedenkfeier.

Schon bei seiner Ankunft in Srebrenica war der serbische Regierungschef von Demonstranten ausgebuht worden. Er setzte seinen Besuch jedoch zunächst fort, trug sich in das Kondolenzbuch ein und unterhielt sich mit einigen Opfer-Müttern. Eine der Frauen umarmte ihn lange.

Wenn Massenproteste außer Kontrolle geraten

Türkei

Die gewaltsame Räumung eines Protestcamps in Istanbul, mit dem die Zerstörung eines Parks am Taksim-Platz verhindert werden sollte, löst im Mai 2013 eine landesweite Protestwelle aus. Mittlerweile richten sich die andauernden Proteste vor allem gegen den autoritären Regierungsstil des islamisch-konservativen Ministerpräsidenten Recep Tayyip Erdogan. Mehrere Menschen kamen bisher ums Leben, Hunderte wurden verletzt.

Bulgarien

Nach Massenprotesten und schweren Ausschreitungen in der Hauptstadt Sofia tritt die bulgarische Regierung im Februar 2013 zurück. Die Proteste richteten sich zunächst gegen hohe Strompreise, wandten sich dann aber immer stärker gegen Ministerpräsident Boiko Borissow. Hintergrund war die Unzufriedenheit über geringe Einkommen, hohe Arbeitslosigkeit und Korruption.

Griechenland

Bei Massendemonstrationen von Hunderttausender gegen das massive Sparprogramm der Regierung sterben in der griechischen Hauptstadt Athen im Mai 2010 drei Menschen. Vermummte Randalierer hatten mit Molotowcocktails eine Bank in Brand gesetzt.

Serbien

Rund 200.000 Menschen demonstrieren im Februar 2008 gegen die Unabhängigkeit des Kosovos in der serbischen Hauptstadt Belgrad. Mehrere tausend Randalierer demolieren Botschaften, plündern Geschäfte, zünden Autos und Busse an. Mindestens ein Mensch kommt ums Leben, mehr als 150 Menschen werden verletzt.

Frankreich

Der Tod zweier Jugendlicher, die auf der Flucht vor der Polizei nahe Paris tödlich verunglückten, löst im Herbst 2005 eine Welle der Gewalt in französischen Einwanderervorstädten aus. Sporthallen, Geschäfte und tausende Autos gehen in Flammen auf. Tausende Randalierer werden festgenommen. Nach drei Wochen erklärt die Polizei die Unruhen offiziell für beendet.

Italien

Das Gipfeltreffen der führenden Industrieländer in Genua wird im Juli 2001 von der schwersten Welle der Gewalt in seiner Geschichte überschattet. Ein 23-jähriger Italiener stirbt bei den Straßenschlachten durch eine Polizeikugel. Globalisierungsgegner demolieren Büros, Geschäfte und Bankautomaten. Hunderte Menschen werden verletzt. Kritiker werfen der Polizei übertriebene Härte vor.

In einer ersten Reaktion auf den Zwischenfall erklärte der serbische Außenminister Dacic, nicht nur Vucic sei angegriffen worden, „sondern ganz Serbien und seine Politik des Friedens und der regionalen Zusammenarbeit".

An der Gedenkzeremonie in der bosnischen Kleinstadt für die dort vor 20 Jahren von bosnisch-serbischen Soldaten ermordeten tausenden muslimischen Jungen und Männer nahmen zehntausende Menschen teil, darunter auch zahlreiche Politiker aus dem Ausland wie der damalige US-Präsident Bill Clinton.

Das Massaker von Srebrenica im Jahr 1995 war das schlimmste Kriegsverbrechen in Europa seit dem Zweiten Weltkrieg und wurde vom UN-Tribunal für das ehemalige Jugoslawien in Den Haag als Völkermord eingestuft. Kurz vor dem Ende des Bosnienkriegs waren damals bosnisch-serbische Milizen in die damalige UN-Schutzzone einmarschiert und hatten an den leichtbewaffneten niederländischen UN-Blauhelmsoldaten vorbei rund 8000 muslimische Jungen und Männer verschleppt und getötet.

Mehr als 6200 der Opfer sind inzwischen in der Srebrenica-Gedenkstätte bestattet, am Samstag sollen dort 136 weitere, erst kürzlich identifizierte Opfer beigesetzt werden.

Vucic wollte als Geste der Aussöhnung an der Feier teilnehmen. Kurz vor seiner Teilnahme bezeichnete der serbische Regierungschef das Massaker als "monströses Verbrechen". "Serbien verurteilt dieses furchtbare Verbrechen klar und unzweideutig, es ist angewidert von allen, die sich daran beteiligten und wird sie weiter vor Gericht bringen", schrieb er in einem offenen Brief.

Es sei seine „Pflicht, sich vor den Opfern zu verneigen". Die serbische Regierung wünsche sich, mit den Bosniern gemeinsam zu leben und das Vertrauen wiederherzustellen.

Vucic ist ein früherer serbischer Nationalist, der sich zum überzeugten Europäer gewandelt hat. Das Massaker von Srebrenica hat er wiederholt verurteilt, es jedoch stets als Tat einzelner Verbrecher eingestuft. Auch in seinem offenen Brief vermied er den Begriff „Genozid".

In den vergangenen Jahren nahmen serbische Spitzenpolitiker wiederholt an Gedenkfeiern in Srebrenica teil, die Bezeichnung des Verbrechens als „Völkermord" lehnt Belgrad aber ab. Erst am Mittwoch hatte Russland als Verbündeter Belgrads eine Resolution des UN-Sicherheitsrats zu dem Massaker abgelehnt, weil darin von „Völkermord" die Rede war.

Von

afp

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