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13.10.2015

18:23 Uhr

Gedenkstätte Rivesaltes in Frankreich

„Für die armen Teufel, die durch Europa irren“

VonThomas Hanke

Das Internierungslager von Rivesaltes ist das größte, das je in Westeuropa errichtet wurde. Jetzt eröffnet dort eine Gedenkstätte. Der bisher blinde Fleck in Frankreichs Historie zeigt, wie sich Geschichte wiederholt.

Die Dauerausstellung dokumentiert unter anderem die Flucht der Spanier nach Frankreich. Thomas Hanke

Die Gedenkstätte

Die Dauerausstellung dokumentiert unter anderem die Flucht der Spanier nach Frankreich.

ParisDer Wind ist eine Plage. Von den Pyrenäen herab stürmt er über die Ebene von Rivesaltes bei Perpignan, zerrt und rüttelt an allem, was sich nicht vor ihm auf den Boden duckt. Jeder, der im Internierungslager von Rivesaltes war, kommt sofort auf die Tramuntana zu sprechen, die an zwei von drei Tagen mit bis zu 120 Kilometer pro Stunde über das Land fegt.

„Wenn der Wind blies, konnte man nicht aus den Hütten raus, einmal hat er meine Großmutter glatt weggetragen“, sagt Antonio.  Der Spanier Antonio de la Fuente, der Algerier Hamani Hocined, der Deutsche Paul Niedermann – Sie alle erinnern sich an den Wind aus den Bergen, der im Winter die Kälte bis ins Mark treibt und im Sommer das Land ausdörrt.

Die Auslandseinsätze des des französischen Militärs

Vor allem in Afrika aktiv

Frankreich schickt sein Militär häufig auf Auslandseinsätze, vor allem in Afrika ist die ehemalige Kolonialmacht sehr präsent. Derzeit sind fast 7000 französische Soldaten für die Friedenssicherung und den Kampf gegen den Terror abgestellt.

Quelle: dpa

Irak, Operation Chanmal

Seit Herbst 2014 beteiligt sich die Luftwaffe an Schlägen der US-geführten Koalition gegen die Terrormiliz Islamischer Staat. 700 Soldaten und 13 Flugzeuge sind im Einsatz, das Engagement ist auf längere Frist angelegt.

Sahelzone, Operation Barkhane

3500 Soldaten kämpfen gegen Terrorgruppen. In Mali unterstützen 85 Soldaten die EU-Ausbildungsmission und den UN-Einsatz Minusma.

Zentralafrikanische Republik, Operation Sangaris

Gut 900 Militärs sind in dem krisengeschüttelten Land, sie sollen die UN-Mission Minusca unterstützen. Der Einsatz stand zuletzt wegen Missbrauchsvorwürfen gegen französische Soldaten in den Schlagzeilen.

Indischer Ozean

Insgesamt 570 Soldaten sind am Kampf gegen Piraten am Horn von Afrika beteiligt, meist als Teil der EU-Mission Atalanta.

Libanon, Operation Daman

900 französische Soldaten beteiligen sich an der UN-Mission Unifil an der Grenze zu Israel.

Weitere Einsätze

Weitere Einheiten sind unter anderem im Golf von Guinea, in der Demokratischen Republik Kongo und in der Elfenbeinküste eingesetzt.

Antonio, Paul, Hamani und viele andere, im Lauf der Jahre rund 60.000 Menschen, haben in einer der unbeheizten Baracken des „Camp de Rivesaltes“ gehaust, manche mehrere Jahre. Es ist das größte Internierungslager, das je in Westeuropa errichtet wurde, und dennoch außerhalb von Frankreich praktisch unbekannt. Kein Wunder: Bis in die 90er-Jahre wurde nicht einmal in Frankreich über das gesprochen, was Menschen aus vielen Nationen von 1941 an hier erlitten haben. Rivesaltes war ein 600 Hektar großer blinder Fleck in der französischen Geschichte.

„Ein Lager ohne Erinnerung“ nennt es Agnès Sajaloli, die Direktorin des „Mémorial de Rivesaltes“. Am Freitag wird Premier Manuel Valls es feierlich eröffnen. „Der Staat muss auf der Höhe des moralischen Engagements sein, auch da, wo die Republik und Frankreich versagt haben“, sagte der Premier kürzlich. Nach vielen Verzögerungen und Streitereien wird aus dem Ort des Vergessens einer des Erinnerns. „Aber keiner, den man leicht konsumieren kann, so wie man andere Gedenkstätten besucht und dann abhakt“, warnt Sajaloli.

Nachdem er 1944 aus dem Lager freikam, habe ihn ausgerechnet ein deutscher Offizier vor der Miliz des Vichy-Regimes gerettet, berichtet er. Thomas Hanke

Antonio de la Fuente

Nachdem er 1944 aus dem Lager freikam, habe ihn ausgerechnet ein deutscher Offizier vor der Miliz des Vichy-Regimes gerettet, berichtet er.

Der 210 Meter lange, vom Architekten Rudy Ricciotti gestaltete Betonklotz des Mémorials hat es in sich. Er ist in den Boden versenkt, Ricciotti wollte nicht, dass der moderne Bau die Fläche des Lagers dominiert. Die Dauerausstellung im Innern beginnt mit Filmen und Dokumenten, die das Leiden der spanischen Bürgerkriegsflüchtlinge dokumentieren. Fast 500.000 flohen Anfang 1939 vor den Franco-Truppen, eine der größten Massenfluchten des 20. Jahrhunderts. Frankreich war großmütig und ließ die Grenze offen.

Aber es war auch engherzig und zwängte die Verzweifelten erst am nackten Strand von Argelès und Saint-Cyprien hinter Stacheldraht, dann in streng abgeschirmte Lager. Bereits nach wenigen Monaten waren 360.000 wieder zurück: Weil sie die Franco-Repression dem drohenden Hungertod vorzogen oder einfach abgeschoben wurden. Die Begriffe, die man in den Dokumenten über ihr Schicksal lesen kann, kennen wir alle heute noch: illegaler Grenzübertritt, Transitzonen, Grenzen der Aufnahmefähigkeit, überlasteter Arbeitsmarkt.

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