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24.09.2014

12:10 Uhr

Gefahr an der Grenze

Türkei steht Krieg gegen IS bevor

VonMartin Gehlen

Die dubiose Politik der Türkei gegenüber dem „Islamischen Staat“ rächt sich. Die Radikalen stehen vor den Toren des Nato-Partners im Nahen Osten. Die türkische Armee könnte gezwungen sein, einen blutigen Krieg zu führen.

Suche nach Sicherheit: Tausende Kurden flüchten über die Grenze in die Türkei. dpa

Suche nach Sicherheit: Tausende Kurden flüchten über die Grenze in die Türkei.

Seit dem Wochenende stehen die Horden des Islamischen Staates (IS) nun erstmals auch vor den Toren des einzigen Nato-Partners im Nahen Osten: an den Grenzen der Türkei. Mehr als 130.000 syrische Kurden haben die IS-Gotteskrieger bereits über die Grenze getrieben – und damit nach den Vertreibungen der Christen, Turkmenen und Jesiden eine weitere Großtragödie ausgelöst unter der Zivilbevölkerung dieser aufgepeitschten Region. Es ist nur noch eine Frage von Tagen, bis beträchtliche Grenzabschnitte zwischen Syrien und der Türkei komplett unter die Kontrolle der schwarzen Dschihadisten fallen.

Spätestens dann dürfte der Führung in Ankara aufgehen, dass sich ihre ambivalente und dubiose Politik gegenüber den sunnitischen Radikalen zu rächen beginnt. Der türkische Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan hat sich zwar nun auf der Uno-Generalversammlung in New York erstmals so geäußert, dass eine militärische Unterstützung seines Landes im Kampf gegen die Terrormiliz Islamischer Staat denkbar sei. Er werde nach seiner Rückkehr nach Ankara mit der Regierung beraten, wie die Türkei das internationale Vorgehen gegen den IS unterstützen könne – auch militärisch. Die US-Luftangriffe bezeichnete Erdogan als „positiven“ Schritt.

Doch das ist eine relativ neue Entwicklung. Lange Zeit weigerte sich der türkische Präsident und damalige Premier Erdogan sogar, die IS-Brigaden öffentlich als Terroristen zu bezeichnen. Stattdessen ließ die Türkei seit Beginn des Bürgerkriegs in Syrien Extremisten jeder Couleur ungehindert über die Grenze – Hauptsache, sie zogen in den Dschihad gegen den verhassten Baschar al-Assad.

Radikale Islamisten: Kampf im Namen Gottes

„Gotteskrieg“

In vielen muslimisch geprägten Staaten bestimmen radikalislamische Gruppierungen unterschiedlicher Ausprägung oft im Verbund mit dem jahrelang dominierenden Terrornetzwerk al-Qaida zunehmend das politische Geschehen. Instabile und korrupte Regierungen werden der Lage vielerorts nicht mehr Herr, während die selbst ernannten Gotteskrieger sich ausbreiten und Vermögen anhäufen.
Quelle: afp

Syrien

Der Staat wurde seit dem Beginn des Aufstands gegen Staatschef Bashar al-Assad im März 2011 mehr und mehr zum Tummelplatz radikaler Islamisten. Im daraus entstandenen Bürgerkrieg sind mit dem Terrornetzwerk al-Qaida verbundene Kämpfer ebenso aktiv wie die libanesische Hizbollah-Miliz und die Gruppe Islamischer Staat im Irak und in Großsyrien (Isis). Wer an welcher Stelle gegen wen kämpft, ist vielfach kaum zu durchschauen.

Irak

In dem Land, das vielen Beobachtern nach langjährigem US-Engagement zuletzt als leidlich stabil galt, zeigte sich in den vergangenen Tagen, über welche enormen Mittel Isis verfügt. Innerhalb weniger Tage eroberten die Dschihadisten weite Gebiete im Norden des Landes und rückten auf die Hauptstadt Bagdad vor. Inzwischen wurden sie zwar gestoppt. Isis könnte aber angesichts eines geschätzten Milliardenvermögens noch lange durchhalten.

Libyen

Seit dem Sturz des langjährigen Machthabers Muammar al-Gaddafi im Frühjahr 2011 kommt in dem Land vor allem der Osten nicht zur Ruhe. Radikalislamische Gruppen wie die Ansar-al-Scharia-Miliz kämpfen dort gegen Regierungstruppen - und seit einiger Zeit auch gegen Einheiten des abtrünnigen Generals Chalifa Haftar, der die Islamisten auf eigene Faust bekämpft.

Ägypten

In dem Land haben sowohl die Hamas als auch die Hizbollah Verbündete. Zudem greifen auf der Sinai-Halbinsel und in Großstädten Dschihadisten immer wieder Sicherheitskräfte an. An den neuen Staats- und Ex-Armeechef Abdel Fattah al-Sisi, der die Muslimbruderschaft seines Vorgängers Mohammed Mursi verbieten ließ, richtet sich die Erwartung, dass nun vorerst wieder Ruhe einkehrt.

Nigeria

Im mehrheitlich muslimischen Norden des Landes kämpft die Gruppe Boko Haram für einen islamistischen Staat. Bei zahllosen Anschlägen auf Polizei, Armee und Behörden, aber auch auf Kirchen und Schulen wurden seit dem Jahr 2009 tausende Menschen getötet. Für internationale Empörung sorgte zuletzt vor allem die Entführung von fast 300 Schülerinnen durch Boko Haram im April.

Somalia

In dem Bürgerkriegsland führt die Shebab-Miliz seit Jahren einen blutigen Kampf gegen die Regierung. Eine funktionierende Staatsgewalt im gesamten Land gibt es nicht. Auch im benachbarten Kenia, dessen Armee sich am Kampf gegen die Shebab beteiligt, häufen sich Anschläge der Islamisten. Sie bekannten sich etwa zu einem Angriff auf ein Einkaufszentrum in der Hauptstadt Nairobi mit 67 Toten im September und erst am Montag zu dem Angriff auf den Küstenort Mpeketoni mit 49 Todesopfern.

Pakistan

Vor allem in der unwegsamen Bergregion im Nordwesten des Landes an der Grenze zu Afghanistan sorgt die Gruppe Tehreek-e-Taliban Pakistan (TTP) für Angst und Schrecken. Zuletzt griffen TTP-Kämpfer den Flughafen in der südlichen Metropole Karachi an und töteten 38 Menschen. Die Armee startete daraufhin eine Großoffensive gegen Stellungen von Taliban- und Al-Kaida-Kämpfern.

Afghanistan

Seit der Entmachtung der dort herrschenden Taliban im Herbst 2001 sind in dem Land ausländische Soldaten unter Nato-Führung stationiert. Regelmäßig verüben die Islamisten dennoch blutige Anschläge mit vielen Toten. Der internationale Kampfeinsatz läuft zum Jahresende aus, danach soll es Unterstützungsmissionen geben. Viele Beobachter zweifeln allerdings an langfristiger Stabilität für das Land.

Allgemein

In der Region sorgen vor allem die Palästinenserorganisation Hamas und die Hizbollah für Unruhe, die allerdings nicht als klassische Terrororganisationen zu betrachten sind, sondern als politische Gruppen mit handfesten territorialen Interessen. Die Hamas wurde in als von internationalen Beobachtern recht freien Wahlen im Gaza-Streifen stärkste Kraft, wurde aber international nicht anerkannt. In der jüngsten Bildung einer Einheitsregierung sieht Israel einen neuen Schlag für die Friedensgespräche. Die vom Libanon aus agierende schiitische und mutmaßlich vom Iran finanzierte Hizbollah bedroht dort das multireligiöse politische System.

In der Türkei wurden Kämpfer angeworben und Waffen gekauft. Ganze Güterzüge mit Militärgerät für die radikalen Rebellen rollten von dort nach Syrien. Verwundete Gotteskrieger wurden ohne viele Fragen auf türkischem Boden medizinisch versorgt.

Zudem klagen die jetzt vertriebenen syrischen Kurden schon seit langem, dass ihre gut bewaffneten Peiniger von Rückzugsräumen in der Türkei heraus operieren. Ankara wollte auf diese Weise die latenten Unabhängigkeitswünsche der syrischen Minderheit in Schach halten, die rasch auf die eigenen türkischen Kurden überspringen könnten.

Kommentare (12)

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Herr C. Falk

24.09.2014, 12:42 Uhr

Die zwielichtige Rolle der Türkei im Konflikt um Syrien mit Einschluss der IS-Karte im schmuzigen Spiel um die regionale Vorherrschaft ist bekannt.

Aus verdeckten Unterstützern der IS wird die Türkei möglicherweise zu einem Gegner unter dem Druck der konkreten Entwicklung der Lage.

Das taktische Manöver um den IS tritt in eine neue Phase
ob sich die türkische Strategie grundlegend ändert bleibt abzuwarten.

Der IS ist zwar kein Bauer mehr im Spiel, sondern eher ein Turm oder besser Läufer, die Türkei ein Springer, der hin und her springt....

Herr otto r. kristek

24.09.2014, 12:58 Uhr

das wird noch interressant

wenn die muslime in europa sich nicht so positionieren dass sie alle muslime die extremistische ansichten(gotteskrieger;scharia;ehrenmord) verkünden blosstellen
(so wie sie es von "uns" erwarten
dass wir "unsere" extremisten die ihnen ans leder wollen in die schranken weisen)
dann habe ich für den moslem kein verständnis
(...)

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Frau Margrit Steer

24.09.2014, 13:06 Uhr

Die Türkei bzw. Erdogan sprich mit doppelter Zunge.
Einerseits unterstützt Erdogan die IS, denn er möchte ja selbst die Türkei wieder zu einem stramm islam. Saat machen, andererseits spricht er von Unterstützung dr Wetmächte gegen die IS.
Ich glaube, das wird noch sehr heiter

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