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17.05.2016

15:19 Uhr

Gefangen von Islamisten

Fingernägel rausgerissen, Mund zugenäht

Entführt von radikalen Islamisten, Folter, wechselnde Gefängnisse – wie überlebt man das? Der Pakistaner Shahbaz Taseer ist nach fünf Jahren freigekommen – und erzählt nun zum ersten Mal davon.

Der Gouverneurssohn war im August 2011 entführt worden, kurz nachdem ein Islamist seinen Vater erschossen hatte. AFP; Files; Francois Guillot

Shahbaz Taseer

Der Gouverneurssohn war im August 2011 entführt worden, kurz nachdem ein Islamist seinen Vater erschossen hatte.

IslamabadEntführung, Folter, Flucht in die Freiheit – zum ersten Mal hat der jahrelang von Islamisten gefangengehaltene Sohn eines pakistanischen Gouverneurs, Shahbaz Taseer, seine Geschichte im Detail erzählt. Vor fünf Wochen war er freigekommen – am Montagabend und Dienstag beschrieb er in Gesprächen mit BBC Urdu und der CNN-Reporterin Christiane Amanpour, wie die wechselnden Entführer ihn behandelt hatten und wie er überlebt hat.

„Sie haben meine Fingernägel rausgerissen. Sie haben meinen Rücken mit Klingen aufgeschnitten und Salz darauf geworfen“, sagte er unter anderem. „Sie haben meinen Mund zugenäht und mich eine Woche lang hungern lassen. Sie haben mir ins Bein geschossen. Ich blutete für eine Woche, aber sie haben mir nie Medikamente gegeben.“ Die Männer hätten Geld und die Freilassung von Gefangenen gefordert. Sie hätten zur Folter gegriffen, um seine Familie gefügig zu machen.

Zu seinen Entführern sagte er, er sei lange von der radikalen Islamischen Bewegung von Usbekistan (IMU) festgehalten worden. Die Islamisten sind in Pakistan Alliierte von Al-Kaida. Taseer beschrieb, wie er in Pakistans Stammesgebieten in Häusern gewesen sei, in denen auch Al-Kaida-Anführer lebten. Zweimal habe es Drohnenangriffe auf sie gegeben, während er dabei war.

Die IMU gilt auch als Alliierte der afghanischen Taliban. Dennoch habe es eines Tages einen blutigen Streit seiner IMU-Entführer mit Taliban-Kämpfern gegeben, und er sei in deren Hände übergegangen. In einem Taliban-Gefängnis in Afghanistan habe dann ein Wächter ihm geholfen, freizukommen, sagte Taseer. Er habe dank des Helfers selber zurück nach Pakistan gefunden.

Islamistische Terrorgruppen

Islamischer Staat

Der sogenannte Islamische Staat ging aus einem Ableger des Terrornetzwerks Al-Kaida hervor. Im Irak-Krieg 2003 kämpfte die Gruppe gegen die US-Armee, 2013 setzte sie auf Expansion. Als „Islamischer Staat im Irak und in Syrien (Isis)“ griff sie im syrischen Bürgerkrieg ein. Sie wurde stärker und lieferte sich Machtkämpfe mit anderen Islamisten, darunter Al-Kaida. In eroberten Gebieten in Syrien und im Irak riefen die Dschihadisten – nun als Islamischer Staat (IS) – ein Kalifat aus, in dem sie brutal gegen Gegner vorgehen. Dschihadisten in anderen Ländern schworen dem IS ihre Treue. Seit einiger Zeit verübt die Terrormiliz auch Anschläge außerhalb Syriens und des Irak.

Ansar Beit Al-Makdis

Die ägyptische Organisation ist eine der Gruppen, die sich dem IS angeschlossen haben. Seit Ende 2014 bezeichnet sich Ansar Beit al-Makdis („Unterstützer Jerusalems“) als „Provinz Sinai“ des IS. Laut ägyptischem Innenministerium gehören der Zelle rund 2000 Kämpfer an. Die Islamistentruppe verübt vor allem auf der Sinai-Halbinsel und in Kairo Anschläge.

Taliban

Die 2001 in Kabul gestürzten radikalislamischen Taliban haben weiterhin in großen Teilen Afghanistans Einfluss. Seit dem Auslaufen des Nato-Kampfeinsatzes bemüht sich die afghanische Führung verstärkt um Friedensgespräche mit ihnen. Weiterhin verüben die Taliban aber verheerende Anschläge in allen Teilen des Landes und nehmen Gebiete ein. Pakistans Grenzgebiet zu Afghanistan ist ein Rückzugsgebiet für die Taliban und Al-Kaida. Dort sind Gruppen wie die Tehrik-E-Taliban Pakisten (TTP) oder das Haqqani-Netzwerk aktiv. Auch die Gruppe Laschkar-E-Taiba („Armee der Reinen“) agiert von Pakistan aus auf dem Subkontinent.

Al-Kaida

1988 gründeten Dschihadisten in Afghanistan das Terrornetzwerk Al-Kaida („Die Basis“). Später richteten sich dessen Angriffe gegen die USA und Westeuropa. Nach den Anschlägen vom 11. September 2001 war Al-Kaida-Chef Osama bin Laden bis zu seinem Tod der meistgesuchte Terrorist der Welt. 2011 tötete eine US-Spezialeinheit Bin Laden im pakistanischen Abbottabad. Seit 2001 setzt das Terrornetzwerk zunehmend auf Regionalisierung.

AQAP

Zu den weitgehend unabhängig agierenden Al-Kaida-Ablegern zählt die 2008 aus der Vereinigung des jemenitischen mit dem saudi-arabischen Zweig entstandene Al-Kaida auf der Arabischen Halbinsel (Al-Qaeda in the Arabian Peninsula/AQAP). Die Terrorgruppe verübt seit Jahren immer wieder Anschläge. Der im Januar 2015 ermordete Redaktionsleiter des Satiremagazins „Charlie Hebdo“, Stéphane Charbonnier, stand auf einer „Fahndungsliste“ des Dschihad-Magazins „Inspire“, das von AQAP veröffentlicht wird. Die USA greifen im Jemen regelmäßig Lager der Gruppe mit Drohnen an.

AQMI

Die ursprünglich algerische Gruppe Alk-Kaida im islamischen Maghreb (AQMI) versucht, Tunesien, Marokko, Algerien, Mauretanien, Niger und Mali durch Anschläge und Entführungen zu destabilisieren. Sie hat auch Rückzugsgebiete in Libyen. Auch die aus Libyen stammende Organisation Ansar al-Scharia („Unterstützer des islamischen Rechts“) verübt Anschläge in Tunesien.

Ansar Dine

Anhänger der Gruppe besetzten 2012 gemeinsam mit Tuareg-Rebellen den Norden Malis. Ihr werden Verbindungen zu Al-Kaida im islamischen Maghreb nachgesagt. Dem Terrorregime der Ansar Dine fielen viele Menschen mit westlichem Lebensstil zum Opfer. Französische und afrikanische Truppen vertrieben die Extremisten weitgehend aus der Region. Es kommt aber weiterhin zu Gefechten und Anschlägen auf Sicherheitskräfte in Mali.

Boko Haram

Die islamistische Terrorgruppe führt in Nigeria einen blutigen Feldzug zur Errichtung eines sogenannten Gottesstaats. Boko Haram heißt so viel wie: „Westliche Bildung ist verboten“. Die sunnitischen Dschihadisten werden für viele Attentate und Angriffe verantwortlich gemacht. Schätzungen zufolge wurden seit 2009 mehr als 14.000 Menschen getötet. Die selbst ernannten „Gotteskrieger“ kontrollieren Teile Nordostnigerias und versuchen auch, Gebiete in den Nachbarländern Kamerun und Niger zu erobern. Die Gruppe schwor der IS-Miliz Gefolgschaft.

Al-Shabaab

Die radikale Miliz verbreitet in Somalia Angst und Schrecken und verübt auch in Nachbarländern wie Kenia Anschläge. Zwar vertrieben Regierungstruppen und Soldaten der Afrikanischen Union die Extremisten 2011 aus der Hauptstadt Mogadischu, Al-Shabaab beherrscht aber noch weite Teile Mittel- und Südsomalias. Die Organisation hat Verbindungen zum Terrornetzwerk Al-Kaida und kooperiert mit den Extremisten von Boko Haram in Nigeria.

Jemaah Islamiyah

Die Anfang der 1990er Jahre von Indonesiern in Malaysia gegründete Terrorgruppe war bisher in Indonesien, Malaysia und im Süden der Philippinen aktiv. Sie will ein Kalifat in Südostasien errichten und steht Al-Kaida nahe. 2002 ermordeten Jemaah Islamiya-Terroristen bei Bombenanschlägen auf der indonesischen Ferieninsel Bali 202 Menschen, darunter mehr als 150 ausländische Touristen. Weitere Anschläge folgten.

Die genauen Umstände seiner Befreiung blieben in Shahbaz Taseers Darstellung allerdings unklar. Fraglich ist besonders, ob Taliban eine derart wertvolle Geisel ohne Gegenleistung hätten ziehen lassen.

Seine Freunde würden ihn nun tapfer nennen, sagte Taseer. Aber vor allem sei er geduldig gewesen. Geduld sei das Wichtigste, was er in Gefangenschaft gelernt habe. Heute genieße er jeden Tag und vor allem, dass er wieder seine eigenen Entscheidungen treffen könne.

Shahbaz Taseer war im August 2011 entführt worden, kurz nachdem ein Islamist seinen Vater, den liberalen Gouverneur Salman Taseer, wegen dessen Kritik an den strengen Blasphemiegesetzen des Landes erschossen hatte. Der Gouverneursmörder wurde zum Helden religiöser Massen. Vor kurzem ist er hingerichtet worden. Analysten glauben, der Sohn sei entführt worden, um den Mörder des Vaters freizupressen.

Von

dpa

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