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21.05.2013

16:30 Uhr

Gefecht an der Grenze

Syrien soll israelisches Armeefahrzeug zerstört haben

Ein israelisches Fahrzeug soll auf den Golan-Höhen von der syrischen Armee zerstört worden sein. Das gab der syrische Generalstab bekannt. Die israelische Seite dementiert. Die Rhetorik auf beiden Seiten wird schärfer.

Das Fahrzeug soll auf den syrischen Teil der Golan-Höhen gefahren sein. Reuters

Das Fahrzeug soll auf den syrischen Teil der Golan-Höhen gefahren sein.

Damaskus/Jerusalem/BeirutDie Spannungen im syrisch-israelischen Grenzgebiet haben sich am Dienstag deutlich verschärft und die Sorge vor einem Übergreifen des syrischen Bürgerkriegs auf die Nachbarländer verstärkt. Erstmals erklärte die syrische Armeeführung, ihre Einheiten hätten ein israelisches Militärfahrzeug zerstört, das über die Waffenstillstandslinie auf den Golan-Höhen auf syrisches Staatsgebiet vorgedrungen sei. Eine Sprecherin der israelischen Armee dementierte diese Darstellung umgehend. Israel bestätigte aber die Zerstörung eines "militärischen Ziels" in Syrien als Reaktion auf den Beschuss einer Patrouille auf den Golan-Höhen. Die Führungen beider Staaten verschärften zudem ihre gegenseitigen Drohungen.

Nach syrischen Angaben ereignete sich der Zwischenfall in der Nacht zum Dienstag. Die "eklatante zionistische Aggression" sei mit Entschlossenheit zurückgeschlagen worden, hieß es in einer Stellungnahme der syrischen Armeeführung. Jede tatsächliche oder versuchte Verletzung der Souveränität Syriens werde mit "sofortiger und entschlossener Vergeltung" beantwortet, erklärte die Armee weiter.

Die israelische Armee bekräftigte dagegen ihre frühere Darstellung, wonach am frühen Morgen ein Militärfahrzeug auf israelischem Gebiet auf den Golan-Höhen aus Syrien unter Feuer genommen worden sei. Das Fahrzeug sei beschädigt worden, Verletzte habe es aber nicht gegeben. Die Soldaten hätten das Feuer erwidert. Die israelische Armee erklärte, sie verfolge die Entwicklung mit Sorge. Nach einem Bericht des Armeerundfunks wurde bereits den dritten Tag in Folge von Syrien aus auf die von Israel annektierten Golan-Höhen geschossen.

Regionale Player im Syrien-Konflikt

Israel

Ein Einsatz syrischer Massenvernichtungswaffen ist ein Alptraum für Israel, das dem Konflikt bisher eher als Beobachter beiwohnte. Jetzt warnt Jerusalem laut davor, dass Assads Chemie- und Flugabwehrwaffen in die Hände der Hisbollah oder Al-Kaidas fallen könnten. Positiv wäre für Israel, dass sein Erzfeind Iran mit Assad seinen wichtigsten Stützpfeiler in der Region verlieren würde. Mit Assad könnte Israel allerdings auch einen Nachbarn verlieren, der für weitgehende Ruhe an der gemeinsamen Grenze gesorgt hat.

Saudi Arabien und Katar

Die sunnitischen Herrscher vom Golf unterstützen in Syrien - wie schon zuvor in Libyen - die islamisch-konservativen Kräfte. Und versuchen, einen Verbündeten ihres Erzfeindes Iran zu schwächen. Daheim können sie sich so als Unterstützer der Revolution präsentieren, ohne Protesten Vorschub zu leisten. Damaskus will in Saudi-Arabien und Katar die Urheber des „Komplotts“ gegen sich identifiziert haben.

Türkei

Das Nato-Mitglied ist seit langem einer der schärfsten Kritiker des syrischen Regimes. Weiter verschärft wurde das Verhältnis Ende Juni durch den Abschuss eines türkischen Kampfflugzeuges vor der syrischen Küste. Regierungschef Recep Tayyip Erdogan sagte dem syrischen Volk daraufhin Unterstützung bis zur Befreiung von „Diktator“ Assad zu, bei weiteren Zwischenfällen werde sein Land mit Gewalt zurückschlagen. Ein Teil des Nachschubs der syrischen Rebellen wird durch die Türkei geschleust, die allerdings offiziell keine Waffen liefert.

Libanon

Das westliche Nachbarland Syriens ist zerrissen - eine gefährliche Lage. Die Sunniten im Libanon stehen mehrheitlich auf der Seite der syrischen Opposition, die zum Großteil ebenfalls aus Sunniten besteht. Über die Grenze werden auch Waffen geliefert. Die schiitische Hisbollah-Miliz hingegen, die in Beirut in der Regierung sitzt, ist mit dem Assad-Regime verbündet. Die Waffen, mit denen sie ihre Herrschaft sichert, kommen aus Damaskus. Seit einigen Wochen gibt es im Libanon Auseinandersetzungen zwischen pro- und anti-syrischen Gruppierungen, dabei gab es auch Tote.

Iran

Aus iranischer Sicht darf das syrische Regime keinesfalls fallen. Im Frühjahr erklärte Präsident Mahmud Ahmadinedschad, er kenne keine Grenzen bei seiner Unterstützung für Präsident Assad. Angeblich schickte Teheran Militärberater und Kämpfer. Ohne Assads Regime würde es für den Iran schwerer, die eigene anti-israelische Ideologie zu verbreiten. Auch die pro-iranischen Milizen, besonders die Hisbollah in Libanon, würden geschwächt. Zuletzt bestätigte der Iran Gespräche mit Regimegegnern in Syrien und brachte sich als Vermittler ins Gespräch.

Al-Kaida

Das Terrornetzwerk Al-Kaida versucht einmal mehr, auf den fahrenden Zug aufzuspringen. Die Terroristen wollen sich als Speerspitze der Revolution präsentieren und das anschließende Tohuwabohu für ihre Zwecke nutzen.

Ein Übergreifen des syrischen Bürgerkriegs auf die Nachbarländer gilt als eine der größten Sorge der Staatengemeinschaft. Israel hat sich das Recht vorbehalten, gegen Waffenlieferungen der syrischen oder iranischen Regierung an die radikale libanesische Hisbollah-Miliz militärisch vorzugehen. Hisbollah gilt als verlängerter Arm des Iran und kämpft vom Libanon aus gegen Israel. Israels Regierungschef Benjamin Netanjahu hat zuletzt am Sonntag erklärt, Israel sei auf alle Szenarien in Syrien vorbereitet.

Israels Verteidigungsminister Mosche Jaalon bekräftigte diese Haltung am Dienstag: "Wir mischen uns nicht in den Bürgerkrieg ein, aber auf den Golan-Höhen erlauben wir kein Übergreifen der Kämpfe auf unser Gebiet", sagte er vor Journalisten.

Seit der Eskalation des Bürgerkrieges im Nachbarland waren in den vergangenen Monaten immer wieder Querschläger aus Gefechten zwischen Rebellen und syrischer Armee auf dem Golan eingeschlagen. Auch islamistische Rebellen hatten angekündigt, die Gebiete zurückerobern zu wollen und zur Untermauerung auf den nur dünn besiedelten Höhenzug gefeuert. Israel hatte die Golanhöhen im Norden des Landes im Sechstagekrieg 1967 von Syrien erobert und später seinem Staatsgebiet zugeschlagen. Sie sind heute ein wichtiger strategischer Vorposten zu Syrien und zudem ein bedeutender Wirtschaftsfaktor für Landwirtschaft, Weinbau und Tourismus.

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