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29.09.2015

13:19 Uhr

Gegenoffensive in Kundus

Regierung holt zum Schlag gegen Taliban aus

Die Taliban haben Kundus erobert, nun setzt die afghanische Regierung zum Gegenschlag an. Der Fall der Provinzhauptstadt löst eine Debatte über den geplanten Abzug der Bundeswehr aus Nordafghanistan aus.

Heftige Kämpfe

„Kundus ist unter Beschuss, die Lage ist sehr schlecht!“

Heftige Kämpfe: „Kundus ist unter Beschuss, die Lage ist sehr schlecht!“

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Kundus/BerlinEinen Tag nach dem Fall von Kundus hat die afghanische Regierung eine Gegenoffensive zur Vertreibung der Taliban aus der Provinzhauptstadt begonnen. Regierungstruppen seien am Dienstagmorgen in die nordafghanische Stadt eingedrungen, sagte Polizeisprecher Sajed Sarwar Hussaini. „Wir haben das Polizei-Hauptquartier und das Provinz-Gefängnis zurückerobert.“ Zwei Jahre nach dem Bundeswehr-Abzug aus Kundus hatten die radikalislamischen Taliban die Stadt am Montag überrannt.

Die US-Armee griff in die Gefechte in der Stadt Kundus ein. „US-Streitkräfte haben einen Luftangriff in Kundus geflogen“, sagte ein US-Militärsprecher am Dienstag in Kabul. Kundus ist die erste Provinzhauptstadt, die seit dem Sturz des Taliban-Regimes Ende 2001 von den Aufständischen erobert wurde.

Unklar ist, wieviele Menschen bei den Gefechten getötet wurden. Ein Sprecher des Gesundheitsministeriums in Kabul sagte, 16 Leichen seien in Krankenhäuser gebracht worden. 172 Menschen seien verletzt worden. „Wir wissen nicht, ob das Zivilisten oder Taliban sind.“

Der Afghanistan-Einsatz im Wandel

Intervention

Als Reaktion auf die Anschläge vom 11. September 2001 intervenierte eine von den USA geführte Koalition in Afghanistan, um das Regime der radikalislamischen Taliban zu stürzen und die für die Anschläge verantwortliche Terrororganisation Al-Kaida zu bekämpfen.

Stabilisierung

Nach dem Sturz der Taliban stationierte die Nato von Dezember 2001 an die „International Security Assistance Force“ (Internationale Sicherheitsunterstützungstruppe, Isaf) in Afghanistan. Ihre ursprüngliche Aufgabe: Stabilisierung des Landes. Deutschland beteiligte sich an der Mission mit bis zu 5350 Soldaten.

Krieg

Im Laufe der Jahre nahmen die Angriffe der Taliban auf die afghanische Regierung und die internationalen Truppen kontinuierlich zu. Die Isaf-Truppe wurde auf bis 130 000 Soldaten aufgestockt und ging dazu über, die Taliban offensiv zu bekämpfen. In Deutschland war trotzdem noch lange von einem „Stabilisierungseinsatz“ die Rede. 2010 war der damalige Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) der erste deutsche Politiker, der von Krieg sprach.

Ausbildung

Zum Jahreswechsel soll der Isaf-Einsatz beendet und durch die Mission „Resolute Support“ (Entschlossene Unterstützung) mit etwa 13 000 Soldaten ersetzt werden. Der neue Auftrag lautet „Ausbildung, Beratung, Unterstützung“. Trotzdem kann die Truppe weiterhin in Gefechte verwickelt und Ziel von Anschlägen werden.

Ein Taliban-Kommandeur namens Mullah Usman in Kundus sagte, die Aufständischen durchsuchten Häuser nach Regierungsmitarbeitern und regierungsfreundlichen Milizionären. „Wir sammeln außerdem Waffen und Munition von den Bewohnern der Stadt ein und aus den Regierungsgebäuden und Polizeiposten, die wir eingenommen haben.“

Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen bewertete die Sicherheitslage in Kundus als „besorgniserregend“. Die Ereignisse müssten nun genau analysiert werden, sagte die CDU-Politikerin am Dienstag in Berlin. Die Prüfung müsse Grundlage sein für die anstehende Nato-Entscheidung im Herbst über die weitere Stationierung von Truppen im Jahr 2016 und danach. Die Beschlüsse sollten nicht nach „starren Zeitlinien“ gefällt werden, sondern nach der aktuellen Situation.

Leyen sagte, inzwischen würden tausende Soldaten zusammengezogen, um die Stadt wieder frei zu kämpfen, auch weil Kundus eine hohe Bedeutung für die Regierung in Kabul habe. Auch für die Soldaten Bundeswehr habe die Stadt eine besondere Bedeutung.

Die Extremisten hatten am Montagmorgen aus mehreren Richtungen mit dem Sturm auf die Stadt begonnen und sie bis zum Abend eingenommen. Aus dem Provinz-Gefängnis befreiten sie nach Regierungsangaben mehr als 600 Häftlinge, darunter 144 Taliban-Kämpfer. Nur noch die Gegend um den Flughafen war unter Kontrolle der Sicherheitskräfte.

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