Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

18.01.2013

00:26 Uhr

Geiselnahme auf Erdgasfeld

Blutbad in Algerien

Das algerische Militär hat nicht lange gezögert – und zum Sturm auf die Islamisten angesetzt, die auf einem Gasfeld im Osten des Landes Dutzende Ausländer festhielten. Das Ergebnis: Mindestens 41 Menschen sterben.

Geiselnehmer schlagen algerische Armee zurück

Video: Geiselnehmer schlagen algerische Armee zurück

Ihr Browser unterstützt leider die Anzeige dieses Videos nicht.

Algier/Paris/LondonEine algerische Militäraktion zur Befreiung von Geiseln aus der Hand von Islamisten ist mit einem Blutbad zu Ende gegangen. Hubschrauber und Bodentruppen griffen am Donnerstag ein Terrorkommando an, das sich seit Mittwoch mit mehreren Dutzend ausländischen Geiseln auf einem Erdgasfeld im Osten Algeriens verschanzt hielt.

Bei dem Befreiungsversuch der algerischen Armee sind in der Sahara Sicherheitskreisen zufolge 30 Geiseln getötet worden, darunter mindestens sieben Ausländer. Außerdem seien wenigstens elf Islamisten umgekommen, sagte ein Vertreter aus dem algerischen Sicherheitsapparat am Donnerstag. Der Armeeeinsatz gegen die Geiselnehmer, die ein Ende der französischen Militärintervention im benachbarten Mali fordern, zog sich über Stunden hin. Was genau in der von den Islamisten besetzten Erdgasanlage in einem entlegenen Wüstengebiet passiert, war allerdings auch in der Nacht zum Freitag noch nicht klar. Großbritanniens Premierminister David Cameron verschob nach Angaben eines Sprechers wegen der Krise seine für Freitag geplante Rede zur Rolle seines Landes in der Europäischen Union.

Bei ihrem Einsatz gegen islamistische Geiselnehmer auf einem Gasfeld hat die algerische Armee aber offenbar nur einen Teil der Anlage unter ihre Kontrolle gebracht. Lediglich der Abschnitt, in dem sich Wohngebäude für Mitarbeiter befänden, sei gesichert worden, berichtete die algerische Nachrichtenagentur APS am Donnerstag unter Berufung auf örtliche Behörden. Die Fabrikanlagen seien weiter in der Hand der Geiselnehmer. APS hatte zuvor das Ende des Einsatzes vermeldet, ohne Angaben über Tote oder Verletzte zu machen.

Zuvor hatte die staatliche Nachrichtenagentur Algeriens unter Berufung auf eine nicht näher bezeichnete offizielle Quelle gemeldet, dass die Befreiungsaktion vorbei sei. Nach Darstellung der Terroristen wurden allein bei Luftschlägen des Militärs 35 Geiseln und 15 Kidnapper getötet. Die Regierung in Algier äußerte sich zunächst nicht zu Details.

Der Konflikt in Algerien

Die radikale islamische Organisationen

In Algerien sind seit langem radikale islamische Organisationen aktiv. Anfang der 1990er Jahre entbrannte ein blutiger Konflikt zwischen Regierung und Fundamentalisten in dem nordafrikanischen Land.

Der Bürgerkrieg

Als sich während der Wahl im Dezember 1991 ein Sieg der Islamisten abzeichnete, brach die Armee die Wahl ab. In dem anschließenden Bürgerkrieg sollen bis zu 150 000 Menschen getötet worden sein.

Die radikal-islamische Salafistische Gruppe für Predigt und Kampf (GSPC)

Der seit 1999 amtierende Staatspräsident Abdelaziz Bouteflika leitete in Algerien eine Politik der nationalen Versöhnung mit einer Generalamnestie für umkehrwillige Terroristen ein. Die radikal-islamische Salafistische Gruppe für Predigt und Kampf (GSPC) setzte jedoch ihre Anschläge fort.

El Kaida im islamischen Maghreb (AQMI)

Die Terrororganisation, die sich seit Anfang 2007 El Kaida im islamischen Maghreb (AQMI) nennt, sorgte mit schweren Anschlägen immer wieder für Schlagzeilen. Sie ist mittlerweile in der ganzen Region aktiv. Die algerische Sicherheitskräfte konnten zwar die terroristischen Aktivitäten eindämmen, aber die AQMI stellt weiter eine Bedrohung dar.

Die Islamisten, die sich "Bataillon des Blutes" nennen, hatten die von dem britischen Energieriesen BP gemeinsam mit dem norwegischen Ölkonzern Statoil und dem algerischen Staatsunternehmen Sonatrach betriebene Erdgasanlage in Algerien am Mittwochmorgen gestürmt und nach eigenen Angaben 41 Ausländer und offenbar Hunderte Algerier in ihre Gewalt gebracht. Hinter der Geiselnahme steht nach algerischen Angaben Mochtar Belmochtar, ein islamistischer Untergrundkämpfer, der schon gegen die sowjetischen Truppen in Afghanistan kämpfte. Er soll kürzlich eine eigene Gruppe in der Sahara gebildet habe, nachdem er sich mit anderen lokalen Anführern der Al-Kaida überworfen hatte.

Von den bei dem Befreiungsversuch der Armee getöteten Geiseln habe man bislang die Nationalität von 15 Menschen ermitteln können, sagte ein Vertreter aus dem algerischen Sicherheitsapparat. Acht davon seien Algerier, sieben seien Ausländer, darunter zwei Briten, zwei Japaner und ein Franzose. Zu den getöteten Islamisten zählten neben zwei Algeriern, von denen einer der in der Region bekannte Extremisten-Kommandeur Tahar Ben Cheneb gewesen sei, drei Ägypter, zwei Tunesier, zwei Libyer, ein Malier und ein französischer Staatsbürger. Rund 600 algerische Arbeiter der Förderanlage konnten von dort einer Meldung der staatlichen algerischen Agentur APS zufolge fliehen.

Streitkräfte belagern Extremisten: Einäugiger Islamist steckt hinter Geiselnahme in Algerien

Streitkräfte belagern Extremisten

Geiselnahme in Algerien wird zum Nervenkrieg

Extremisten kapern Gasfeld und halten knapp 40 Ausländer in ihrer Gewalt.

Der Einsatz der algerischen Armee war international offenbar nicht im Detail abgesprochen. Staatliche Medien zitierten Algeriens Kommunikationsminister Mohammed Said mit den Worten, die algerischen Truppen seien angesichts gescheiterter Gespräche mit den Geiselnehmern gezwungen gewesen zu handeln. Nach Angaben der mauretanischen Nachrichtenagentur ANI, die in engem Kontakt mit den Geiselnehmern stand, setzte die Armee dabei Hubschrauber und offenbar auch Bodentruppen ein.

Wie unübersichtlich die Lage lange Zeit war, belegten Äußerungen westlicher Politiker. So räumte Hollande am Abend zwischenzeitlich ein, dass er die dramatischen Ereignisse noch nicht genau bewerten könne, da ihm noch nicht genug Informationen vorlägen. "Was in Algerien passiert, lieferte einen weiteren Beweis dafür, dass meine Entscheidung, in Mali einzugreifen, gerechtfertigt war", fügte er allerdings hinzu. Frankreichs Botschafter in Mali, Christian Rouyer, äußerte sich ähnlich: "Wir haben hier den unmittelbaren Beweis, dass das Problem weit über den Norden Malis hinausgeht", sagte er im Rundfunk. Die Dimension des Problems sei national und international.

Sicherheitsexperten vermuten allerdings, dass die Erstürmung des Erdgaskomplexes womöglich schon weit vor dem Beginn des französischen Einsatzes in Mali vor gut einer Woche geplant wurde. Allerdings könnte das französische Vorgehen ihrer Auffassung nach so etwas wie den Startschuss für die Erstürmung der Anlage in Algerien zu diesem Zeitpunkt gegeben haben.

Japan hat sich der internationalen Kritik an der Informationspolitik Algeriens im Geiseldrama angeschlossen. Tokio sei über die Militäroperation zur Befreiung der Geiseln nicht informiert worden, sagte Regierungssprecher Yoshihide Suga am Freitag. Die Operation sei bedauerlich, wurde Suga von japanischen Medien zitiert. Unter den Toten sollen nach ersten Informationen auch zwei Japaner sein. Das Schicksal von 14 Landsleuten sei noch unklar, hieß es in Tokio. Drei Japaner seien in Sicherheit. Am Vortag hatten algerische Sicherheitskräfte das Terrorkommando angegriffen, das sich mit Dutzenden ausländischer Geiseln in einer Gasanlage verschanzt hatte.

Der Hergang der Aktion und die tatsächliche Zahl der Opfer blieben vorerst unklar. Die Islamisten hatten am Mittwoch damit gedroht, die ausländischen Geiseln - nach ihren Angaben 41 Arbeiter - im Fall eines Militärangriffs zu töten. Hinter der Geiselnahme stand nach algerischen Angaben die Organisation Al-Kaida im islamischen Maghreb (AQMI).

Kommentare (8)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

Account gelöscht!

17.01.2013, 16:48 Uhr

Wir im Westen tun uns mit den islamistischen Extremisten sehr schwer. Der Westen unterstützt in Syrien, Ägypten, Tunesien und Lybien die Leute, die im eigenen Land aufs härteste bekämpft werden. Das sind im Westen die Guten. Terroristen.

Wenn dann später - wie in Ägypten - die koptischen Christen verfolgt und getötet werden – tut man überrascht.

Wer in Deutschland weiß schon, dass beispielsweise die Christen in Syrien große Angst vor dem Tag haben, an dem Assad abgelöst wird. Unter Assad konnten sie nämlich ohne Verfolgung relativ unbehelligt und sicher leben. Das wird sich wohl bald ändern, siehe Irak, wo es heute praktisch keine Christen mehr gibt. Das soll kein Votum für Assad sein.

In Mali sind die Leute mit der identischen Geisteshaltung die schlechten Terroristen.

Es kommt auf die Betrachtungsweise an. Selbst wenn man ein säkulares, kirchenfernes Staatsverständnis hat, passt das nicht zusammen.

Aber Gott-sei-Dank haben wir durch Herrn Guttenberg gelernt, eine Kriegshandlung eine Kriegshandlung zu nennen und auf keinen Fall eine Polizeiaktion. Denn das hat versicherungsrechtliche Konsequenzen. Wieder eine andere Betrachtungsweise. Zumindest für uns Deutsche.

Kompliment an das HB für die zurückhaltende Berichterstattung. Denn das erste Opfer im Krieg ist ja bekanntlich die Wahrheit.

Charly

17.01.2013, 16:57 Uhr

Da unten geht es um Rohstoffe die sich der Westen sichern will.
Der Westen plündert die armen Gesellschafte aus indem er deren Rohstoffe plündert ohne einen angemessenen Preis zu zahlen.

Der radikale Islamismus, -eine Folge der Ausplünderungspolitik des untergehenden Ami-Imperiums und des Westens insgesamt- ist die Gegenwehr der betroffenen Länder. Ich unterstütze keineswegs diese Islamisten, der Westen wird sich auch mit Gewalt gegen diese Steinzeitwelt wehren müssen, -- aber man muss eben auch sehen wo die Ursache dieser Entwicklung liegt.

Die sogenannten Geiseln dürften oft Mitarbeiter der westlichen Ausplünderungsfimen sein, wer aus dem Westen treibt sich sonst in solchen Kriegsgebieten herum? Man muss glaube ich nicht unbedingt Mitleid mit den sogenannten Geiseln haben, die sind letztlich wohl selber Täter, - nur auf der Gegenseite.

nikta

17.01.2013, 17:11 Uhr

Nun solche Sprüche über Verteidigung der deutschen Demokratie am Hindukusch haben wir schon gehört und die sind grade für die Öffentlichkeitstäuschung bestimmt! Afghanistan war und immer noch Geldvernichtungsmaschine, ohne etwas dort wirklich erreicht und aufgebaut zu haben! Welche Art Demokratie durch Amis-Einsatz in Irak geschaffen wurde, sehen wir jetzt auch! S.g. „arabischer Frühling“ hat dieselbe Wirkung wie Verbannung des Schachs in Iran durch Amis und Britten und s.g. syrische Opposition wurde auch künstlich mit Waffen und Propaganda, ah, pardon, Informationskrieg aufgebaut. Die Frage ist, was die demokratische Regierungen mit solchen Einsätzen erreichen wollen! Wollen die s.g. Strategen unter dem immer wirkenden Vorwand „Demokratie und Menschenrechte“ zu den Rohstoffen kommen, dann sollte den Strategen egal sein, ob sich dort Islamisten mit Pseudo-Demokraten einander vernichten! In der Tat ist es Ihnen egal! Und Bevölkerung hat nach solchen humanitären „Befreiungseinsätzen“ kein Zuhause, kein Essen und kein Wasser! Oder wollen sie einfach einen strategischen Gegner aus der Region wegschaffen, dann sollte ihnen auch egal sein, ob es mit Propaganda, Informationskrieg oder mit Waffen über dritte Länder erreicht wird!? Ah ja, noch mit Spionageinformationen, die BND den s.g. Aktivisten aus dem Mittelmeer-Raum liefert! Hauptsache sie haben, wie im Syrien, die Türkei in Griff, aber wissen noch nicht, ob sie einen Kurdischen Staat damit langsam nicht gründen und überhaupt vertragen würden! Nun in Afrika sind die s.g. Strategen immer zögerlich. Noch zögerlicher sind afrikanische Truppen der Nachbarstaaten. Sie machen sich auf dem Weg, nur solange ihre korrupten Leaders genug vom Westen geschmiert werden! Die Europäer, die Fremdenlegion bzw. Söldner haben, zögern nie, da keine innenpolitische Probleme durch solche Einsätze bekommen! Das Leben der Ausländer im Dienste der strategischen Interessen kostet nichts! Nun diejenige, die sein Gewicht innerhalb EU nicht verlie

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×