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15.12.2014

16:13 Uhr

Geiselnahme in Sydney

„Die Medien halten sich perfekt ans Skript“

VonDésirée Linde

Ein Geiselnehmer hält mehrere Menschen in einem Café in Sydney fest. Während die Polizei um die Befreiung der Festgehaltenen ringt, versucht der Täter seine Geiseln für die Medien einzuspannen – mit Erfolg.

Islamistische Symbolik als Mittel zum Zweck oder Anhänger der IS-Ideologie? Der Geiselnehmer zwingt zwei Frauen, eine Flagge mit dem muslimischen Glaubensbekenntnis an die Scheibe zu halten. AFP

Islamistische Symbolik als Mittel zum Zweck oder Anhänger der IS-Ideologie? Der Geiselnehmer zwingt zwei Frauen, eine Flagge mit dem muslimischen Glaubensbekenntnis an die Scheibe zu halten.

Sydney/DüsseldorfNach Stunden in Todesangst steht der jungen Frau der Schock ins Gesicht geschrieben: Mit ausgestreckten Armen rennt sie dem schwerbewaffneten Polizisten entgegen und bricht an dessen Arm fast zusammen. Die Angestellte mit der braunen Schürze ist dem Lindt-Café in Sydney entkommen, in dem ein Bewaffneter Kunden und Angestellte seit mehr als 15 Stunden festhält. Inzwischen konnten weitere Geiseln flüchten. Liveaufnahmen des Fernsehens zeigen, wie sie aus dem Gebäude rennen. Zuvor sei ein lauter Knall zu hören gewesen, hieß es.

Von dem Moment an, als der Bewaffnete das Lindt-Café auf dem mit Weihnachtsschmuck dekorierten Martin Place betritt und mit vorgehaltener Waffe zahlreiche Geiseln nimmt, ist ihm die ungeteilte Aufmerksamkeit der Medien gewiss. Das Café liegt in der größten Fußgängerzone in Sydneys Geschäftsviertel. Es ist Montag, kurz vor 10 Uhr. Die Sonne strahlt vom blauen Himmel. In Australien hat gerade der Sommer begonnen.

In der morgendlichen Rush Hour bedienen etwa zehn Mitarbeiter im Café die Laufkundschaft. Um die 30 Kunden, so schätzt der australische Lindt-CEO, holen sich dort zu dieser Zeit in der Regel ihren morgendlichen Coffee to go. So auch am Montag, als es der bewaffnete Mann das Café betritt. In der Nähe befinden sich vier der größten internationalen Banken sowie Büro von Unternehmen wie KPMG, Jimmy Choo und Tiffanys sowie das Parlamentsgebäude von New South Wales.

In Sichtweite: die Redaktion eines der größten TV-Senders des Landes News7. Vom Newsroom aus hätten die Journalisten freie Sicht auf das Café. Hätten, wenn sie nicht auch evakuiert worden wären. Später erlaubt die Polizei Reportern, ins Gebäude zurückzukehren. Redakteur Chris Reason, der aus dem Newsroom twittert, wird in Medien rund um die Welt einer der meistzitierten Quellen zu Details der Geiselname.

Er berichtet, dass der Mann, den er als Geiselnehmer ausgemacht hat, unrasiert ist, mittlerweile mit einem Ipad durch das Café läuft, abwechselnd Menschen mit erhobenen Händen teils stundenlang an der Scheibe stehen lässt. Reason twittert, der Geiselnehmer habe möglicherweise Schrotflinte. Offizielle Angaben gibt es zu der Art der Waffe nicht.

Der Journalist im Newsroom gegenüber dem Tatort berichtet weiter, dass das Licht ausgeht im Café und dass er 15 Geiseln gezählt habe. Medien, unter anderem sein Sender, hatten zuvor von sogar bis zu 50 gesprochen. Die Polizei sprach von „mehr als einem Dutzend“. Ob zufällig oder bewusst gewählt: Mehr Aufmerksamkeit hätte die Tat allein von Ort und Zeit kaum bekommen können.

Bei dem Geiselnehmer handelt es sich nach Angaben der australischen Polizei um einen 50 Jahre alten Mann aus dem Iran. Er genießt nach diesen Angaben in Australien Asyl. Medien berichteten, dass er wegen sexueller Übergriffe und im Zusammenhang mit dem Tod seiner Frau unter Anklage stehe und zurzeit gegen Kaution auf freiem Fuß sei. Er habe auch Hassbriefe an die Angehörigen gefallener australischer Soldaten geschrieben, berichtete etwa die Zeitung „The Age“. Der Mann bezeichnet sich als Kleriker und Heiler und ist mehrfach bei Protest-Aktionen gefilmt worden.

Zeitlicher Ablauf des Geiseldramas in Sydney

9.45 Uhr (Ortszeit)

Die Polizei wird zum Café des Schokoladenherstellers Lindt am Martin Place in der Innenstadt von Sydney gerufen. Erste Berichte, es könnte sich um einen bewaffneten Raubüberfall handeln, bestätigen sich nicht.

10.10 Uhr

Australische Fernsehsender zeigen Aufnahmen von Geiseln in dem Café, die ihre Arme hochhalten und die Hände gegen ein Fenster des Cafés gedrückt halten. Kurze Zeit später erscheinen zwei Geiseln am Fenster, die eine schwarze Flagge mit weißer arabischer Schrift halten.

10.30 Uhr

Bewaffnete Polizisten versammeln sich vor dem Café. Umliegende Gebäude werden evakuiert.

12.30 Uhr

Premierminister Tony Abbott verspricht im Staatsfernsehen eine gründliche Polizeireaktion auf den Zwischenfall.

Gegen 16.00 Uhr

Drei Männer flüchten aus dem Notausgang des Cafés und rennen auf die Polizei zu. Einer von ihnen trägt eine Lindt-Schürze. Es handelt sich offenbar um einen Angestellten des Cafés.

Gegen 17.00 Uhr

Zwei Frauen rennen aus der gleichen Seitentür in die Arme von Polizisten. Beide tragen Lindt-Schürzen.

18.00 Uhr

Abbott teilt mit, der Geiselnehmer habe von einer „politischen Motivation“ gesprochen. Er verweist aber nicht auf Sorgen vor einem möglichen Terroranschlag.

18.30 Uhr

Die stellvertretende Polizeichefin Catherine Burn sagt, die Polizei führe „heikle Verhandlungen“, die Diskretion voraussetzten. Sie will nicht sagen, ob zum Geiselnehmer ein direkter Kontakt hergestellt worden sei. Auch zur Zahl der festgehaltenen Geiseln oder der Taktik der Behörden bei dem Geiseldrama macht sie keine genaueren Angaben.

20.15 Uhr

Polizeichef Andrew Scipione erklärt es zur Priorität der Polizei, jeden sicher aus dem Café zu holen. Er will nicht über die Motive des Bewaffneten oder einen möglichen terroristischen Zusammenhang spekulieren.

21.00 Uhr

Die Beleuchtung im Café wird ausgeschaltet. Polizisten vor dem Gebäude ziehen Nachtsichtbrillen auf.

Was die Geiseln in dem Café durchmachen, ist tagsüber für die Welt durch eine Scheibe zu sehen: Abwechselnd müssen zwei Leute mit erhobenen Händen eine schwarze Fahne mit dem muslimischen Glaubensbekenntnis an die Scheibe pressen. Direkt darunter ist ein fröhliches „Merry Christmas“ (Frohe Weihnachten) auf der Scheibe zu lesen. Eine Mitarbeiterin des Cafés, die nicht im Dienst war, erkennt eine ihrer Kolleginnen. „Ihr Gesicht ist wie eine Maske“, sagte die Frau im Fernsehen entsetzt.

Die Wahl der Symbole ist ebenfalls geschickt: TV-Bilder zeigen einen Mann mittleren Alters mit Bart und Stirnband, bedruckt mit arabischen Schriftzeichen. Erst nach einigen Stunden, als sämtliche Nachrichtenagenturen weltweit das Thema längst aufgegriffen haben, zwingt der Geiselnehmer die zwei ersten Frauen, die schwarze Flagge mit arabischen Schriftzeichen an die Fensterscheibe zu pressen.

Der Schriftzug auf dem Banner war nach Angaben von Experten das muslimische Glaubensbekenntnis. Es gilt als die erste der fünf Säulen des muslimischen Glaubens. Es ist überall in der islamischen Welt verbreitet, unter anderem auf der grünen saudi-arabischen Flagge. Dschihadisten zeigen es auf schwarzen Flaggen. Es handelte sich aber nicht um die Fahne der im Irak und in Syrien aktiven Terrormiliz Islamischer Staat (IS). Die Bedeutung werde noch untersucht, teilte die Polizei mit.

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