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02.01.2015

16:22 Uhr

„Geisterschiffe“ vor Italien

Uno warnt vor neuer Schleusertaktik

Der Bürgerkrieg in Syrien, die Kämpfe im Irak und das Machtvakuum in Libyen lassen die Flüchtlingswellen nach Europa anschwellen. Die Vereinten Nationen sind besorgt über eine neue Taktik der Schleuser-Banden.

Nachteinsatz mit Hubschraubern

Auf Kollisionskurs: Küstenwache rettet führerloses Schiff

Nachteinsatz mit  Hubschraubern: Auf Kollisionskurs: Küstenwache rettet führerloses Schiff

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RomNach einem erneuten Rettungseinsatz auf einem führungslosen Flüchtlingsschiff im Mittelmeer warnen die Vereinten Nationen vor einer neuen Taktik der Schleuser-Banden. In den vergangenen zwei Monaten seien verstärkt alte Frachter ohne elektronische Hilfsmittel eingesetzt worden, um heimlich Flüchtlinge nach Europa zu bringen, sagte eine Sprecherin des Uno-Flüchtlingshilfswerks der Nachrichtenagentur Reuters.

Die Schleuser seien nach Einschalten des Autopiloten in kleinen Booten geflohen und hätten die Menschen an Bord ihrem Schicksal überlassen. Hintergrund sei das Ende des italienischen Hilfseinsatzes „Mare Nostrum“, wodurch eine Überfahrt der Flüchtlinge in kleineren Schiffen gefährlicher werde.

Die italienische Küstenwache musste am Freitag zum zweiten Mal binnen drei Tagen eingreifen, um einen von der Besatzung verlassenen Frachter mit Hunderten Flüchtlingen zu retten. Ein Hubschrauber brachte drei Einsatzkräfte an Bord des Handelsschiffes „Ezadeen“, das führungslos mit 450 Flüchtlinge an Bord – darunter Frauen und Kinder – 40 Seemeilen vor Italiens Südküste trieb. Bei schlechten Wetterbedingungen versuchten sie, den fast 50 Jahre alten Tiertransporter in einen Hafen zu manövrieren.

Das Schiff unter der Flagge Sierra Leones habe von einem türkischen Hafen aus Kurs auf Italien genommen und sei später von der Besatzung verlassen worden, sagte ein Sprecher der Küstenwache. Es wäre auf die Küste geprallt, ihm sei aber der Treibstoff ausgegangen. Einem der Flüchtlinge sei es gelungen, Kontakt mit der Küstenwache aufzunehmen. Die Herkunft der Flüchtlinge war zunächst unbekannt.

So kommen die Flüchtlinge nach Europa

Lampedusa

Lampedusa ist ein beliebtes Ziel für Flüchtlingsboote. Die italienische Mittelmeerinsel liegt nahe der nordafrikanischen Küste. Doch es gibt noch andere Routen über die Flüchtlinge nach Europa gelangen.

Quelle: Frontex Annual Risk Analysis 2013

Osteuropäische Route

Irreguläre Grenzübertritte 2014 (Januar-Juni): 407

Top 3-Herkunftsländer der Migranten:
Ukraine: 330
Afghanistan: 52
Vietnam: 47

Balkan-Route

Irreguläre Grenzübertritte 2014 (Januar-Juni): 5.634

Top 3-Herkunftsländer der Migranten:
Afghanistan: 1.693
Syrien: 1.139
Kosovo: 979

Östliche Mittelmeer-Route

Irreguläre Grenzübertritte 2014 (Januar-Juni): 12.962

Top 3-Herkunftsländer der Migranten:
Syrien: 8.241
Afghanistan: 2.488
Somalia: 760

Albanien-Griechenland Route

Irreguläre Grenzübertritte 2014 (Januar-Juni): 3.515

Top 3-Herkunftsländer der Migranten:
Albanien: 3.466
Mazedonien: 14
Georgien: 13

Apulien und Kalabrien

Irreguläre Grenzübertritte 2014 (Januar-Juni): 7.751

Top 3-Herkunftsländer der Migranten:
Syrien: 3.040
Nigeria: 684
Eritrea: 475

Zentrale Mittelmeer-Route

Irreguläre Grenzübertritte 2014 (Januar-Juni): 56.446

Top 3-Herkunftsländer der Migranten:
Eritrea: 17.829

Unbekannt: 9.494
Syrien: 8.588

Westliche Mittelmeer-Route

Irreguläre Grenzübertritte 2014 (Januar-Juni): 3.331

Top 3-Herkunftsländer der Migranten:
Mali: 783
Kamerun: 730
Guinea: 294

Westafrikanische Route

Irreguläre Grenzübertritte 2014 (Januar-Juni): 146

Top 3-Herkunftsländer der Migranten:
Marokko: 30
Mali: 24
Guinea: 16

Es ist die zweite Beinahe-Katastrophe dieser Art im Mittelmeer vor Italien innerhalb weniger Tage. Erst am Mittwoch hatte die Küstenwache einen Frachter mit rund 800 zumeist aus Syrien stammenden Flüchtlingen an Bord aufgebracht, der von der Besatzung verlassen worden war. Vor zwei Wochen brachte die italienische Marine in einem ähnlichen Fall einen Frachter mit 850 Flüchtlingen nach Sizilien.

Der Bürgerkrieg in Syrien, aber auch die Kämpfe im Irak und das Machtvakuum in Libyen trugen dazu bei, dass die Flüchtlingswelle nochmals angeschwollen ist.

Die Bundesregierung sieht keinen direkten Zusammenhang des neuen Phänomens der führerlosen Flüchtlings-Frachter mit der europäischen Grenzsicherung „Triton“. „Das beschriebene Phänomen erfordert aus Sicht der Bundesregierung gegenwärtig keinen Strategiewechsel in der europäischen Asylpolitik“, sagte ein Sprecher des Bundesinnenministeriums am Freitag.

Dass Schleuser nun statt kleiner Boote vereinzelt ältere Handelsschiffe mit besserer Seetauglichkeit einsetzten, sei wohl eher ein Versuch, ihr kriminelles Geschäft auch während der Wintermonate zu betreiben. Die Gewinnspannen bei Schleuseraktionen mit größeren Schiffen seien „enorm“.

Bei dem von der EU-Grenzschutzagentur Frontex koordinierten Einsatz „Triton“ vor der Küste Italiens wurden laut Innenministerium seit November 2014 etwa 13.000 Migranten aus Seenot gerettet. Zudem seien 53 Schleuser festgenommen worden. Insofern habe sich das Einsatzkonzept bewährt, sagte der Sprecher.

Vor dem Beginn von „Triton“ hatte Italiens Marine mit ihrem Einsatz „Mare Nostrum“ Tausende Flüchtlinge und illegale Einwanderer im Mittelmeer aus Seenot gerettet - auch außerhalb der italienischen Küstengewässer. Menschenrechtsorganisationen wie Pro Asyl hatten die Beendigung von „Mare Nostrum“ kritisiert. „Die Einstellung von Mare Nostrum ist ein Armutszeugnis für die Europäische Union“, sagte die Bundesvorsitzende der Linkspartei, Katja Kipping, am Freitag.

Kommentare (14)

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Herr Helmut Paulsen

02.01.2015, 14:42 Uhr

Beitrag von der Redaktion gelöscht. Bitte bleiben Sie sachlich.

Herr Klaus Weber-Fink

02.01.2015, 15:00 Uhr

Jetzt muss ich aber lachen, jetzt ist auch die UNO eine dumpfbackene Mischpoke von Nazis in Nadelstreifen. Die sagen genau das , was die AfD schon lange sagt.

Herr Alexander Knoll

02.01.2015, 15:03 Uhr

Herr Traustein,

man soll ja in Foren die Netiquette nicht vergessen, aber nach dem ich Ihre Ergüsse gelesen habe, ist mir die Hutschnur am platzen. Aus welchen Jahrhundert stammen Sie? Ich habe noch nie so Stockkonservative Ansichten gehört oder gelesen, gepaart mit total sinnlosen Verknüpfungen von Sachverhalten, die mit ein andere nichts zu tun haben. Was zum Geier hat denn die Vollbeschäftigung der Frauen mit der Islamisierung zu tun? Eher wohl andersherum, oder?

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