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27.01.2005

16:58 Uhr

Geld als Lockmittel

Irakkrieg schreckt immer mehr US-Soldaten ab

Auch nach dem Tod von 37 US-Soldaten an einem einzigen Tag im Irak bleibt das Pentagon bei seiner Botschaft. Die Truppenmoral ist gut, lautet sie, und die Soldaten verstehen, wie wichtig ihre Mission ist. Was das Ministerium nicht an die große Glocke hängt: Der Irakkrieg schreckt immer mehr Amerikaner vom Militärdienst ab, so sehr, dass mittlerweile Rekrutenmangel herrscht.

HB WASHINGTON. Mit dem Lockvogel Geld wird daher jetzt versucht, die Lücken zu füllen, und die Zahl der Rekrutierer wurde um Tausende aufgestockt. Über 14 000 Dollar (etwa 10 700 Euro) kostet es mittlerweile, einen einzigen Soldaten anzuheuern, wie das „Time“-Magazin unlängst vorrechnete. 2000 Dollar davon entfallen auf die Anzeigenwerbung, die seit 2003 massiv verstärkt worden ist: Allein in jenem Jahr wurden fast 600 Mill. Dollar für Spots unter anderem im Fernsehen und bei Sportveranstaltungen ausgegeben.

Geholfen hat das aber anscheinend kaum. Konnten die Rekrutierungsziele des aktiven Heeres im vergangenen Jahr noch erreicht werden, blieb die Heeresreserve im letzten Drittel vergangenen Jahres um 30 Prozent hinter den Vorgaben zurück, die Nationalgarde um 10 Prozent. Beide Streitkräfte sind aber immens wichtig beim Irakeinsatz: Sie stellten bisher 40 Prozent der dort stationierten rund 150 000 US-Soldaten, und in Kürze soll ihr Anteil sogar auf 50 Prozent steigen.

Weil es an Nachwuchs fehlt, beginnen die Einheiten daheim nun auszubluten, wie kürzlich der Kommandeur der Heeresreserve, James Helmly, in ungewöhnlich scharfer und unverblümter Form beklagte. Der General sieht seine Streitmacht kurz vor dem Zusammenbruch und befürchtet, dass sie wegen der Belastungen durch die Einsätze im Irak und Afghanistan ihre Aufgaben daheim nicht mehr erfüllen können.

Kein Ende in Sicht

Ein Ende ist aber nicht in Sicht, wie führende US-Offiziere erst kürzlich klar machten: Sie gehen davon aus, dass die derzeitige US- Truppenstärke im Irak noch mindestens zwei Jahre lang beibehalten werden muss. Das bedeutet höchstwahrscheinlich, dass die jüngste Erweiterung der aktiven US-Armee um 30 000 Soldaten zu einer Dauermaßnahme wird.

Die Nationalgarde bestand bisher etwa zur Hälfte aus Soldaten, die aus dem aktiven Dienst ausgeschieden sind und sich mit dem Reservedienst Geld etwa für das Universitätsstudium verdienen wollten. Abverlangt wurden ihnen je ein Übungswochenende pro Monat und ein zweiwöchiges zusammenhängendes Training pro Jahr. Länger dauernde Einsätze waren selten. Das hat sich jetzt geändert. Viele der jetzigen Nationalgardisten waren schon als aktive Soldaten ein Jahr lang im Irak und müssen nun wieder für 12 Monate in diesen Krieg. Den Heeresreservisten ergeht es nicht besser.

Mit einem Bonus von 15 000 Dollar wird nun jeder belohnt, der sich bei der Nationalgarde oder der Heeresreserve verpflichtet. Bisher waren es 5000 beziehungsweise 8000 Dollar. Helmly selbst ist darüber nicht glücklich. Er sieht die US-Streitkräfte auf dem Weg von einer Freiwilligenarmee zu einer Söldnertruppe. Das Heer befürchtet unterdessen, das sich auch hier in diesem Jahr nicht genügend Rekruten finden und lockt daher mit Bonuszahlungen von insgesamt einer Milliarde Dollar.

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