Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

27.06.2015

14:15 Uhr

Geldautomaten und Tankstellen leergeräumt

Griechen in Panik

VonGerd Höhler

Leere Geldautomaten und Hamsterkäufe in Supermärkten und an Tankstellen: Die Griechen glauben nicht mehr an eine Rettung und geraten in Panik. Das schadet auch dem Tourismus – der letzte Wirtschaftsmotor wird abgewürgt.

Viele Griechen versuchen, ihre letzten Ersparnisse von den Konten zu räumen. dpa

Nächtliche Schlangen vor den Banken

Viele Griechen versuchen, ihre letzten Ersparnisse von den Konten zu räumen.

AthenVor dem Supermarkt Sklavenitis an der Athener Vouliagmenis Avenue stehen drei Geldautomaten. Einer der Eurobank, einer der Piraeus Bank und einer der National Bank of Greece. Vor letzterem warten etwa 20 Menschen. Die meisten treten unruhig von einem Bein aufs andere. Merkwürdig: An den beiden anderen Automaten steht niemand an. Ein Neuankömmling geht schnellen Schritts auf den Geldautomaten der Eurobank zu und will gerade seine Karte in den Schlitz schieben, da ruft ihm eine Frau aus der Schlange zu: „Das brauchen sie gar nicht zu versuchen, der ist schon leer.“

Wenige Stunden nach der Ankündigung von Ministerpräsident Tsipras, dass die Griechen am kommenden Sonntag in einer Volksabstimmung über Annahme oder Ablehnung des jüngsten Kompromissvorschlages der Gläubiger – und damit wohl über die Zukunft des Landes in der Währungsunion – entscheiden sollen, erlebt das Land einen Run auf die Banken.

Volksabstimmung zur Griechenland-Krise: „Unser Volk wird Nein sagen“

Volksabstimmung zur Griechenland-Krise

„Unser Volk wird Nein sagen“

Tsipras spielt die letzte Karte: Die Griechen sollen in einem Referendum über ihren Abschied von Europa entscheiden. Der Premier riskiert den endgültigen Zahlungsausfall. Die Opposition ist wütend, die Banken taumeln.

Es ist überall das gleiche Bild, zwischen Kastoria im Norden und Kreta im Süden: Seit den frühen Morgenstunden versuchen die Menschen, möglichst viel Bargeld aus den Automaten zu ziehen – aus Furcht vor einem unmittelbar bevorstehenden Zusammenbruch der Banken, die seit Monaten am Tropf von Notkrediten der Europäischen Zentralbank hängen. Manche eilten sogar noch in der Nacht, gleich nach der Fernsehansprache des Premiers mit der Ankündigung des Referendums, im Morgenmantel und Pantoffeln zum nächstgelegenen Geldautomaten.

Nach Angaben aus Bankenkreisen waren am Samstagvormittag bereits rund 500 der mehr als 7000 Geldautomaten im Land leer. Einige Bankfilialen im Athener Zentrum, die normalerweise auch samstags öffnen, blieben geschlossen.

Tage der Entscheidung

Wieviel Zeit für eine Einigung bleibt noch?

Nur wenige Tage. Die Zeit werde „sehr, sehr knapp“, sagte Kanzlerin Angela Merkel (CDU) beim Gipfel in Brüssel. Ohne eine Lösung läuft das schon zweimal verlängerte Hilfsprogramm der Europäer am Dienstag, dem 30. Juni, um 24.00 Uhr, aus. Am 30. Juni muss Athen aber auch 1,6 Milliarden Euro an den Internationalen Währungsfonds (IWF) zurückzahlen. Gibt es keine Einigung, verfallen die noch nicht ausgezahlten Milliarden-Hilfen - etwa die Hälfte der blockierten 7,2 Milliarden kommt von den Europäern. Aber auch der IWF, dessen Programm bis Ende März 2016 läuft, dürfte dann kein Geld mehr auszahlen. Und hier liegen noch etwa 14 Milliarden Euro auf Eis.

Wie sehen die weiteren Schritte aus?

Zunächst müssen sich die Geldgeberinstitutionen aus EU-Kommission, Europäischer Zentralbank (EZB) und IWF mit der griechischen Regierung einigen. Hier gibt es noch Differenzen, insbesondere zu Steuermaßnahmen und in der Rentenpolitik. Für ein Gesamtpaket muss Athen auch eine Liste wichtiger Vorrangmaßnahmen („prior actions“) vorlegen. Auch muss durchgerechnet werden, dass die geplanten Reform- und Sparmaßnahmen dazu führen, dass mittelfristig die Schuldenlast Griechenlands auf ein „tragfähiges“ Niveau gesenkt wird, damit Athen sich irgendwann wieder selbst finanzieren kann.

Alles oder nichts also beim Treffen der Euro-Finanzminister?

„Das wird ein entscheidendes Treffen sein“, sagte der Sprecher des Finanzministeriums, Martin Jäger vor der Runde. Wenn sich die drei Institutionen und Athen auf ein Ergebnis verständigt haben, entscheiden die Euro-Finanzminister. Die Staats- und Regierungschefs seien „politisch begleitend“ tätig, sagte Vize-Regierungssprecherin Christiane Wirtz. Das Wesentliche und Konkrete sei Sache der Geldgeber-Institutionen und der Finanzminister. Dass sich nach der Ministerrunde noch einmal die Staats- und Regierungschefs mit dem Ergebnis beschäftigen müssen, ist rechtlich nicht erforderlich.

Ist es dann mit dem Votum der Euro-Gruppe getan?

Nein. Vor einer Auszahlung der bisher blockierten Restgelder bis zum 30. Juni und vor einem Votum der Parlamente auch anderer Euro-Länder muss das griechische Parlament dem Paket noch zustimmen. Bis Mittwoch müsste auch der Bundestag entscheiden. Angesichts der erwarteten Änderungen am laufenden Hilfsprogramm muss das gesamte Plenum abstimmen und nicht nur der Haushaltsausschuss. Der Antrag dafür käme wiederum von Finanzminister Wolfgang Schäuble (CDU).

Kann das Hilfsprogramm nicht nochmals verlängert werden?

Durchaus, aber dazu muss es zuvor eine grundsätzliche Einigung mit Griechenland geben. Nach Angaben aus Diplomatenkreisen haben die Geldgeber eine Verlängerung des europäischen Hilfsprogramms um fünf Monate bis Ende November vorgeschlagen. Insgesamt sollten Athen in diesem Zeitraum 15,5 Milliarden Euro zur Verfügung gestellt werden; diese Gelder stammen aus dem bisherigen Programm. Da Athen nicht auch noch die Vorrangmaßnahmen („prior actions“) rechtzeitig auf den Weg bringen und beschließen kann, soll es eine Verlängerung geben.

Ginge damit zusätzliches Geld einher?

Nein. Es geht um Geld aus den bestehenden Programmen. Unter anderem sind beim Rettungsfonds EFSF 10,9 Milliarden Euro zur Stabilisierung griechischer Banken reserviert. Die könnten umgewidmet werden.

Eine Filiale der Alpha Bank im Stadtteil Agios Dimitrios: Ein Dutzend Menschen steht hier vor dem Geldautomaten an. „Glück gehabt“, sagt ein älterer Mann, dem der Automat gerade noch zehn 50-Euro-Scheine ausspuckte. Der nächste Kunde hat schon Pech: „Technische Störung“ meldet der Bildschirm. Wieder schiebt der junge Mann seine Karte in den Schlitz, tippt die Geheimzahl ein. Und wieder nichts.

Unruhe macht sich unter den Wartenden breit. „Lass mich mal“, ruft ein Mittvierziger und drängt sich nach vorn. Doch auch er hat keinen Erfolg. Der Automat ist leer. „To panigiri teliose“, sagt einer der Wartenden, was so viel heißt wie: Die Party ist vorbei. Er lächelt, aber es ist ein bitteres Lächeln. Unschlüssig stehen einige Menschen noch kurz vor dem Automaten, dann gehen sie davon. Auf der Suche nach einer anderen Maschine, die noch Bargeld ausspuckt

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×