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14.12.2012

17:33 Uhr

Geldpolitik

Japan sehnt sich nach Inflation

VonMartin Kölling

Nach 15 Jahren mageren Jahren soll es endlich wieder ein fettes Wachstum geben. Dafür würden die Japaner sogar höhere Preise in Kauf nehmen. Der Favorit bei den Wahlen am Sonntag setzt auf die Hilfe der Notenbank.

Shinzo Abe, Chef der Liberaldemokratischen Partei, fordert Ministerpräsident Noda heraus. dapd

Shinzo Abe, Chef der Liberaldemokratischen Partei, fordert Ministerpräsident Noda heraus.

TokioMit großer Spannung wird in Japan erwartet, welche Partei am Sonntag in den vorgezogenen Unterhauswahlen siegen wird. Denn die Parteienlandschaft befindet sich im Umbruch. Zwölf Parteien, von denen einige Geheimtipps erst vor wenigen Wochen gegründet wurden, plus unabhängige Gruppierungen und Kandidaten buhlen um die Wählergunst und machen Umfragen zum Ratespiel. Nur ein Verlierer scheint bereits festzustehen, der gar nicht zur Wahl steht: Japans Notenbank.

Zum ersten Mal in ihrer Geschichte ist die Bank von Japan zu einem der Hauptwahlkampfthemen avanciert. Denn als eine seiner ersten Handlungen als Spitzenkandidat der oppositionellen liberaldemokratischen Partei Japans (LDP) hat Shinzo Abe versprochen, die Notenbank zu einer aggressiven Lockerung ihrer ohnehin schon ultralockeren Geldpolitik zu zwingen.

Sie wollen an die Macht

Der Amtsinhaber: Yoshihiko Noda

Der 55-jährige Noda ist bereits der dritte Ministerpräsident seit dem Wahlsieg der DPJ im Jahr 2009. In der DPJ ist er ein Zentrist, der sich für weniger Schutz der durch hohe Zölle geschützten Landwirtschaft und mehr Freihandelsabkommen einsetzt. Als früherer Finanzminister unterstützt er den Kurs des Schatzamtes, Japans Staatshaushalt durch Steuererhöhungen, Sparen und Wachstum langsam zu sanieren.

Der Herausforderer: Shinzo Abe

Abe war einmal eine Hoffnung der Reformisten. Der legendäre Reformpremier Junichiro Koizumi hatte ihn 2006 zu seinem Nachfolger gekürt. Doch schon ein Jahr später wurde der heute 58-jährige von seiner LDP aus dem Amt geputscht, weil er bei den Wählern in Ungnade gefallen war. Denn außer die damals angespannten Beziehungen zu China zu beruhigen, hat er nichts erreicht. Doch dieses Mal ist er weniger konziliant: Er überlegt, wie Koizumi den Yasukuni-Schrein zu besuchen, der in China als Symbol von Japans Imperialismus gilt.

Der Revolutionär: Toru Hashimoto

Hashimoto, der Bürgermeister von Osaka und Gründer der Partei für die Restaurierung Japans, tritt in diesen Wahlen selbst nicht an und ist doch überall präsent. Seine Forderungen beschreibt der 43-jährige Anwalt selbst als „Hashismus“, was sich auf Japanisch fast wie Faschismus ausspricht. Er will mit seiner Partei Japan revolutionieren: Weg mit dem Zentral- und Wohlfühlstaat, hinzu einem dezentralen Land, in dem die Kräfte des Kapitalismus durch Deregulierung und Freihandel entfesselt werden. Mit seinen geraden Art kommt er gut an. Dass er für einen Ausstieg aus der Atomenergie ist, hilft ihm zusätzlich.

Konkret will er die Herren des Geldes dazu bringen, solange „unbegrenzt“ japanische Staatsanleihen (JGBs) zu kaufen, bis Japans Deflation aufhört und eine Inflationsrate von zwei Prozent erreicht wird. Diese Marke ist bisher nur das langfristige Ziel der Bank von Japan. Mittelfristig strebt sie eine Inflation von einem Prozent an, aus gewichtigen Gründen.

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Die Zweifel am japanischen Wirtschaftsmodell mehren sich. Die Handelsbilanz des Landes sinkt weiter, bald schon dürfte Japan dauerhaft mehr importieren als exportieren. Nippon hat seine Innovationskraft verloren.

Die Notenbank sorge sich, dass ein schnelles Umschlagen in die Inflation nach mehr als 15 Jahren Deflation die Japaner und die Finanzmärkte in Panik versetzen könnte, meint ein Insider. Vor allem sorgt sie sich, dass die Zinsen für japanische Staatsanleihen und damit der Schuldendienst der am höchsten verschuldeten Industrienation in die Höhe schnellen könnten.

Japan kann sich seine Verschuldung von 240 Prozent nur leisten, weil erstens die Zinsen auf historischen Tiefstständen liegen. Für zehnjährige Staatsanleihen liegen sie bei gerade 0,7 Prozent. Der zweite Grund ist, dass die Bank von Japan schon jetzt einen Großteil der Staatsschulden vom Markt aufkauft, um die Zinsen niedrig zu halten.

1.800 Milliarden Yen (1 Euro entspricht 106 Yen) sind es monatlich. Zusätzlich erwirbt die Bank von Japan in ihrem Programm zum Kauf von Wertpapieren (JGBs) weitere 39.000 Milliarden Yen an Staatsanleihen. Die Notenbank fordert allerdings Gegenleistungen von der Regierung, mehr Spareifer zum Beispiel und mehr Deregulierung, um Japans langfristiges Wachstumspotenzial zu erhöhen.

Kommentare (14)

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Schlesier

14.12.2012, 18:16 Uhr

Während meiner Schulzeit ist Japan als wirtschaftswünderland in den Medien angepriesen worden . Bei der Deutschen Wiedervereinigung, habe die Japanischen Politiker groß getönt: während die BRD Mitteldeutschlands Infrastruktur aufgebaut würden die Japaner in Forschung und Wirtschaft überholen und weit hinter sich lassen, und was ist aus Japan heute geworden?

easyway

14.12.2012, 18:50 Uhr

Und wonach sehen wir uns?

"Wer als freier Mann zum Tyrannen geht, geht als Knecht fort (Sophokles)." Das erfahren die Sozialismus-Auguren zur fortgeschrittenen Stunde geradezu schmerzhaft, verteidigen jedoch weiterhin wacker die ureigne naive Weltsicht - webweit!

Kohl hatte wie jeder Tyrann an die Millionen verhinderten Tyrannen appeliert mit Maastricht und ihnen Macht und Wohlstand versprochen. Gefestigt hält die EU artgerecht ihre Versprechen nur für einige Tausend.

Böses Schicksal: den Sozialismus-Auguren schmilzt das Kapital dahin, deren Angst schwängert die Luft; tatsächlich sind sie nur an der Reihe, von hrem Besitz befreit zu werden. Denn der wird auch nach oben verteilt.
Denn das ist der Gang der Dinge im Korporativen Kartellstaat.

Es ist ganz leicht, plötzlich im Geld zu baden. Mit der plötzlichen Armut verhält es sich allerdings anders.

Und wie gesagt: daß die Kapital- und DAX-Parteien sich ein sozialistisches Mauerblümchen aus der DDR gepflückt, damit die hier den Kommunismus einrichtet - das ist eine Ente.
Andernfalls wäre angeraten, die DAX-Vorstände schleunigst anzuschreiben, damit die die CDU und FDP und alle anderen Bailoutparteien auf kalten Spendenentzug setzen. Die scheinen das nämlich nicht begriffen zu haben.

Ja, dasselbe droht den Handelsmännern auch. Es steht quasi vor der Tür und begehrt Einlaß.

Entweder: Gang nach Kanossa, oder man geht pleite und wird fertig gemacht. Eine andere Wahl gibt's nicht.

(wie üblich trägt Hiob die Schuld an allem)

Max_Mastermann

14.12.2012, 19:42 Uhr

"Dafür würden die Japaner sogar höhere Preise in Kauf nehmen."
Wer sind denn DIE Japaner?

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