Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

30.05.2016

16:57 Uhr

Genozid in Armenien

Völkermord? Oder nicht?

Für viele Armenier ist die Sache klar: Nicht von „Völkermord“ zu sprechen, ist wie den Holocaust zu leugnen. Jetzt will sich auch Deutschland der Bezeichnung anschließen. Doch die Situation bleibt knifflig.

Menschen demonstrieren für die Anerkennung des Genozids am armenischen Volk 1915. Viele Länder erkennen den Völkermord bis heute nicht an. dpa

Genozid anerkennen

Menschen demonstrieren für die Anerkennung des Genozids am armenischen Volk 1915. Viele Länder erkennen den Völkermord bis heute nicht an.

EriwanFür die Südkaukasusnation Armenien könnte die Sitzung des Bundestags an diesem Donnerstag zu einem zentralen Erfolgsmoment ihrer langjährigen Außenpolitik werden. Seit Jahrzehnten arbeitet die Ex-Sowjetrepublik darauf hin, dass die Massaker an den Armeniern durch das Osmanische Reich im Ersten Weltkrieg international als Genozid anerkannt werden.

Der Bundestag will mit einer Resolution von Union, SPD und Grünen die Gräueltaten als „Völkermord“ verurteilen. Für Eduard Scharmasanow, Vize-Parlamentschef in der Hauptstadt Eriwan, standen die Chancen nie besser als jetzt. „Meine Überzeugung basiert auf informellen und formellen Kontakten“, sagt Scharmasanow.

Schätzungen zufolge kamen bei der Vertreibung, die vor 101 Jahr auf dem Gebiet der heutigen Türkei begann, bis zu 1,5 Millionen Armenier um. Die osmanische Führung verdächtigte die christliche Minderheit, mit dem Kriegsgegner Russland zu kollaborieren. Historiker sprechen von systematischer Verfolgung. Die Türkei – Rechtsnachfolgerin des Osmanischen Reiches – geht von deutlich weniger Toten aus und lehnt den Ausdruck „Genozid“ entschieden ab.

Auch die Bundesregierung hat den Begriff bisher gemieden. Doch seit Bundespräsident Joachim Gauck und Bundestagspräsident Norbert Lammert 2015 das V-Wort ausdrücklich benutzt haben, zeichnet sich ein Wandel in Berlin ab. Deutschland wäre in der Riege der Staaten wie Frankreich und Russland, die den Genozid beim Namen nennen, umso gewichtiger, als das Deutsche Kaiserreich als Verbündeter der Osmanen im Ersten Weltkrieg nachweislich von den Massakern wusste.

„Der Völkermord ist nicht nur ein Problem des armenischen Volkes. Das ist ein Schmerz, den wohlwollende Menschen auf der ganzen Welt teilen“, sagt der armenische Präsident Sersch Sargsjan. Es enttäuscht viele seiner Landsleute, wenn strategische Erwägungen einer Ächtung als Genozid im Wege stehen. So bleibt die Supermacht USA bisher zurückhaltend – wohl aus Rücksicht auf den Nato-Partner Türkei. Und auch Berlin steht mit der erwarteten Resolution unter Druck, gilt Ankara doch als wichtiger Partner in der EU-Flüchtlingskrise.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×