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08.05.2015

16:33 Uhr

Geschäft mit dem 9. Mai

Wie die Russen am „Siegeskult“ verdienen

Das Kriegsgedenken ist den Russen heilig, der 9. Mai ihr wichtigster Feiertag. Dann werden vor allem die Veteranen des Zweiten Weltkriegs geehrt. Bisweilen nimmt der Siegeskult aber skurrile Züge an.

Russische Schokoladenpackungen mit Motiven des 9. Mai, etwa mit den Aufschriften „70 Jahre großer Sieg“ oder „Ruhm der Roten Armee“. dpa

Das Geschäft mit dem 9. Mai

Russische Schokoladenpackungen mit Motiven des 9. Mai, etwa mit den Aufschriften „70 Jahre großer Sieg“ oder „Ruhm der Roten Armee“.

MoskauBlutrot weht die Sowjetfahne auf einer Keksdose, daneben rollt auf einer Pralinenschachtel martialisch ein Panzer. „Grüße von der Front“, steht auf der Packung mit Schokolade in einem Moskauer Supermarkt, und daneben: „Wir marschieren nach Berlin!“

Wie nie zuvor blüht vor dem 70. Jahrestag des Kriegsendes am 9. Mai in Russland das Geschäft mit dem „Siegeskult“. Die Regale sind voll mit dem „süßen Geschmack des Triumphes“ über den Faschismus 1945. Für Kritiker sind die Verpackungen aber bloß „Kriegskitsch“.

Viele in Russland beklagen heute, dass die Kultur des Erinnerns Jahrzehnte nach dem Krieg immer mehr verloren geht. Bisweilen nimmt das Feiern skurrile Auswüchse an: Medien berichten über Konditoreiwettbewerbe mit essbaren Figuren der Opfer des Faschismus, über Reklameaktionen mit der Symbolik des Kriegsgedenkens oder gar über Striptease-Abende zum 9. Mai, dem wichtigsten Feiertag des Landes. Russische Medien sind derzeit voll mit solchen Geschichten.

Beliebt sind etwa Rabattangebote von 70 Prozent zum 70. Jahrestag des Kriegsendes, wie auf dem Newski-Prospekt in St. Petersburg ein Plakat an einem Juwelierladen zeigt. Der weltberühmte Porzellanhersteller der Newa-Metropole hat extra eine Sonderserie mit Tellern und Tassen herausgebracht. Orange-schwarze Georgsbänder zieren das Geschirr mit Zeichnungen von der Einnahme Berlins durch die Rote Armee 1945.

T-Shirts mit Widerstandssymbol: Wie die anderen sich erinnern

Schuld und Siege

Das Bewusstsein für die Geschichte des Zweiten Weltkriegs und die Schuld des eigenen Landes ist in Deutschland groß. Das Thema ist in den Schulen, den Medien und bei zahlreichen Anlässen auch für die Nachgeborenen präsent. Doch wie sehr beschäftigt es noch die junge Generation anderer Länder?

Polen

In Polen, das so lange wie kein Land unter den Deutschen litt, ist die Geschichte des Zweiten Weltkriegs auch für viele junge Menschen allgegenwärtig - nicht nur, weil überall Gedenktafeln an Besatzungsterror und Widerstand erinnern. Viele sind stolz, dass ihre Vorfahren - anders als in einigen anderen Ländern - nicht umfangreich mit den Deutschen kollaborierten und stattdessen eine Untergrundbewegung bildeten, die sowohl militärischen als auch zivilen Widerstand leistete. Das Museum des Warschauer Aufstands etwa hatte in den zehn Jahren seines bisherigen Bestehens über 4,6 Millionen Besucher, das einstige NS-Todeslager Auschwitz-Birkenau hat sogar mehr als 1,5 Millionen jährlich, darunter viele polnische Schulklassen. Und in Danzig (Gdansk) entsteht derzeit ein neues Museum zum Zweiten Weltkrieg.

Polen

Symbole aus der Zeit des Untergrundkampfes gegen die deutsche Besatzung haben auch Einzug in die Mode Jugendlicher gehalten: So tragen manche das historische Graffito-Kürzel PW für „Kämpfendes Polen“ auf dem T-Shirt, andere den Schriftzug „Warszawa 44“. Seit einigen Jahren sind zudem Comics über Widerstandskämpfer selbst bei wenig geschichtsinteressierten jungen Polen populär. Das Land sieht sich als „Wächter der Erinnerung“, wie etwa Staatspräsident Bronislaw Komorowski am 70. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz im Januar betonte.

Russland

In Russland liegen beim Kriegsgedenken Stolz und Schmerz eng beisammen. Mit etwa 27 Millionen Toten erlitt die Sowjetunion 1941 bis 1945 so schwere Verluste wie kein anderes Land. Der Tag des Sieges am 9. Mai ist für viele Russen denn auch der wichtigste aller Feiertage.

Das Interesse der jüngeren Generation gilt als groß. In einer Umfrage sagten vor kurzem 87 Prozent der 18- bis 24-Jährigen, der 9. Mai sei ein Feiertag nicht nur für Veteranen, sondern die ganze Nation. Als einen Grund dafür sehen Soziologen, dass viele Kinder in Russland mit Geschichten über den Krieg aufwachsen. Schüler schreiben Aufsätze darüber und gedenken der Opfer mit Gedichten und Liedern.

Russland

Der Tag des Sieges wird vielerorts mit Militärparaden gefeiert. Viele Menschen - auch Jugendliche - legen an den Denkmälern für die Vaterlandsverteidiger Blumen nieder. Viele tragen das orange-schwarze Georgsband, das Symbol für den Sieg vor 70 Jahren.
Allzu kritische Töne, etwa über den Sowjetdiktator Josef Stalin, sind verpönt. Der Kreml warnt davor, das Andenken der Soldaten „in den Schmutz zu ziehen“ und „Geschichte zu fälschen“.

Großbritannien

In Großbritannien ist der Zweite Weltkrieg nach wie vor Gesprächsthema. Die Briten leben ihre Siegermentalität, manche halten den Beitrag Großbritanniens und ihres Kriegs-Premiers Winston Churchill für entscheidend beim Sieg im Kampf gegen Nazi-Deutschland. Noch heute treffen sich Enthusiasten und stellen wichtige Schlachten des Zweiten Weltkriegs originalgetreu nach - die Teilnehmer schrecken dabei auch nicht vor dem Tragen von SS-Uniformen zurück.

Großbritannien

Insgesamt sind die Weltkriegs-Vergleiche in den Medien aber zurückgegangen. Überschriften zu Fußballspielen mit deutscher Beteiligung beinhalten nicht mehr automatisch das Wort „Tank“ (Panzer). Den Sinneswandel hat kürzlich auch eine vielbeachtete Deutschland-Ausstellung im British Museum unter der Leitung von Neil MacGregor dokumentiert.

USA

In den USA ist das Grauen des Zweiten Weltkriegs nicht vergessen. Bis heute wird die als „D-Day“ bekannte Landung in der Normandie, die für Zehntausende Soldaten den traumatischen Eintritt in einen verheerenden Krieg bedeutete, als Beginn der Befreiung Europas gefeiert. Die Teilnehmer gelten als die „größte Generation“, viele der noch lebenden gut 850 000 Veteranen werden in offiziellen Veranstaltungen immer wieder geehrt. Man ist stolz auf die Dienste der Männer und Frauen in Uniform. Das World War II Museum in New Orleans - auf dessen Schätzung die Zahl beruht - ist sehr populär.

USA

Auch Aktionen an der nationalen Gedenkstätte zum Zweiten Weltkrieg in Washington rufen die blutige Geschichte in Erinnerung: Dort versammeln sich Veteranen, teils in Uniform, wenn es gilt ihre Interessen zu verteidigen - wie etwa im Haushaltsstreit 2013, als sie in der 16 Tage dauernden Lähmung der Regierungsbehörden um ihre Sozialleistungen fürchteten. Veteranenverbände einzelner Staaten organisieren zudem Ausflugsreisen in die Hauptstadt, um das bekannte Denkmal oder das viel besuchte Holocaust-Museum zu sehen. 1,6 Millionen Besucher verzeichnete das Museum im vergangenen Jahr.

Die Boulevardzeitung „Moskowski Komsomolez“ („MK“) berichtet von Bier-Werbung vor dem Hintergrund der sowjetischen Flagge, die Rotarmisten 1945 auf dem Reichstag hissten. Dabei beklagt das Blatt, dass „jene, für die einst unsere Väter und Großväter von einem friedlichen Himmel über den Köpfen träumten“, heute weit entfernt seien von der Tragödie.

Viele „verlieren das Verständnis, was zu einem normalen und was zu einem unnormalen, was zu einem angemessenen und was zu einem beleidigenden Gedenken gehört“, schreibt „MK“. In Jekaterinburg sorgte eine Beerdigungsfirma unlängst für Aufsehen, weil sie Kriegsveteranen zum Teetrinken einlud und mit Gutscheinen für „Dienstleistungen“ der Firma beschenkte.

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