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20.07.2016

10:59 Uhr

Gescheiterter Putschversuch in der Türkei

Trügerischer Siegesrausch in Istanbul

VonOzan Demircan

Tausende feiern den gescheiterten Putsch auf den Straßen Istanbuls, als hätten sie ein WM-Finale gewonnen. Doch etwas fehlt: die Touristen. Und eine gefährliche Abstumpfung mischt sich in die Feierlaune. Ein Report.

Die Stimmung nach dem gescheiterten Putschversuch des Militärs in der Türkei ist gespalten: Erdogan-Anhänger zumindest feiern, als ob es dabei keine Toten gegeben hätte. dpa

Istanbul feiert

Die Stimmung nach dem gescheiterten Putschversuch des Militärs in der Türkei ist gespalten: Erdogan-Anhänger zumindest feiern, als ob es dabei keine Toten gegeben hätte.

IstanbulDer Sprecher brüllt in das Mikrofon, als lautete sein einziger Auftrag, der Menge vor ihm einzuheizen. Er könnte auch flüstern, denn die vielen Tausend Menschen, die sich um ein Uhr nachts auf dem zentralen Taksim-Platz in Istanbul versammelt haben, sind in Feierlaune. Jeder trägt eine rote Flagge, schwenkt sie entweder in der Hand oder hat sie um den Körper gehängt.

Dann explodiert die Menge fast: Der Moderator holt einen Jungen auf die Bühne. Er soll den Istiklal Marsi spielen, den Unabhängigkeitsmarsch. Das ist die Nationalhymne der Türkei. Mit vorpubertärer Stimme schreit der vielleicht Zwölfjährige die Verse ins Mikrofon, die Menge tut es ihm gleich: „Nicht wend' dein Antlitz von uns / O Halbmond, ewig sieggewohnt. / Scheine uns freundlich / Und schenke Frieden uns und Glück, / Dem Heldenvolk, das dir sein Blut geweiht. / Wahre die Freiheit uns, für die wir glühn, / Höchstes Gut dem Volk, das sich einst selbst befreit.“

Ich habe an vieles gedacht, als ich an meinem Wohnort Zürich in eine Maschine von Turkish Airlines gestiegen bin, um nach Istanbul zu fliegen. Sie könnten mich als Journalisten gar nicht erst ins Land lassen; das Flugzeug könnte komplett leer sein; in Istanbul würde ich von Militär empfangen und in der Stadt von einer gespenstischen Leere.

Das Gegenteil war der Fall. Das Flugzeug: voll bis fast auf den letzten Platz. Die Flughafenkontrolle: zu beschäftigt, um allzu lange auf meinen Reisepass zu schauen. Und überhaupt: Am Flughafen Atatürk in Istanbul, dem größten Flugplatz des Landes, patrouillieren schon seit Jahren mehr Polizisten als in der Schweiz oder in Deutschland. Dieses Mal ist es nicht anders. Überall Security, aber nicht mehr als sonst.

Gülen-Bewegung: Weltoffener Islam oder unvereinbar mit dem westlichen Gesellschaftsbild?

Was charakterisiert die Hizmet-Bewegung?

Unter der geistigen Führerschaft des seit 1999 im US-Bundesstaat Pennsylvania lebenden Gülen will Hizmet nach eigenen Angaben Bildung, Wissenschaft und Dialog auf der Basis eines modernen Islam fördern. In der Türkei hat die Bewegung in den Medien, der Polizei und der Justiz viele Unterstützer. Weltweit betreibt Hizmet hunderte Schulen – getreu Gülens zentraler Forderung, Schulen zu bauen statt Moscheen.

Was werfen Kritiker der Bewegung vor?

Seine Gegner legen dem 75-jährigen Gülen zur Last, einen radikalen Islamismus zu befördern – und in der Türkei einen Staat im Staat aufgebaut zu haben. Auch in Deutschland ist die Bewegung umstritten: Kritiker bemängeln fehlende Transparenz in der dezentral aufgebauten Hizmet-Bewegung. In Wahrheit wolle Hizmet mit ihrer Bildungsarbeit einer Islamisierung der Gesellschaft den Weg ebnen.

Was sagen andere?

Die Evangelische Zentralstelle für Weltanschauungsfragen gibt zu bedenken, dass sich das Gülen-Schrifttum programmatisch an einem konservativ-islamischen Gesellschaftsbild orientiere – dem Bild einer Gesellschaft, das insbesondere hinsichtlich der Rechte von Frauen, der Meinungs- und Religionsfreiheit sowie der Trennung von Religion und Staat „dem Gesellschaftsbild der Mehrheitsgesellschaft entgegensteht“.

Wie ist Hizmet in Deutschland organisiert?

Als Ansprechpartner der deutschen Hizmet-Bewegung versteht sich die Stiftung Dialog und Bildung in Berlin. Nach deren Angaben engagieren sich bundesweit etwa 150.000 Menschen in der Bewegung. Die Hizmet-Anhänger betreiben demnach hierzulande rund 160 Nachhilfevereine, 30 Schulen und ein Dutzend Dialogvereine.

Was hält die Hizmet-Bewegung ihren Kritikern entgegen?

Der Stiftungs-Geschäftsführer Ercan Karakoyun betont, Hizmet stehe für einen weltoffenen und toleranten Islam. „Das sieht in Deutschland so aus, dass hier unterschiedliche Bildungsprojekte auf die Beine gestellt werden und dass man in Kontakt tritt mit Andersgläubigen und Andersdenkenden in der Gesellschaft, um so interkulturelle Dialoge zu ermöglichen“, sagte er am Montag im WDR-Fernsehen.

Was sagt Hizmet in Deutschland zum Putschversuchin der Türkei?

Die Stiftung Dialog und Bildung verurteilte den Putschversuch in einer Stellungnahme vom vergangenen Samstag „aufs Schärfste“. Zudem schrieb Geschäftsführer Karakoyun im Kurzbotschaftendienst Twitter: „Die schlechteste Demokratie ist besser als jeder Putsch.“

Wie beurteilen die Sicherheitsbehörden die Gülen-Bewegung?

In einem Bericht zur Hizmet-Bewegung kam der Verfassungsschutz Baden-Württemberg im Juli 2014 zu dem Ergebnis, dass die gesetzlichen Voraussetzungen für eine geheimdienstliche Beobachtung „derzeit nicht gegeben“ seien. Es lägen „keine tatsächlichen Anhaltspunkte“ dafür vor, dass die Gülen-Bewegung mit ihren Aktivitäten verfassungsfeindliche Bestrebungen verfolge.

Aber?

Zwar vertrete Gülen ein „konservatives Islambild im Sinne eines allumfassenden Systems der Gesellschaft“, das auch die staatliche Ordnung umfasse. Die „mit der freiheitlichen demokratischen Grundordnung kollidierenden Elemente in der Lehre Gülens“ fänden jedoch keinen Ausdruck in politischen Aktivitäten, die auf die Beseitigung zentraler Verfassungsgrundsätze ausgerichtet seien, schrieben die Stuttgarter Verfassungsschützer.

Die Regierung geht seit dem Putschversuch mit mehr als 260 Toten mit harter Hand vor; im Alltag bemerkt man davon aber kaum etwas. Rund 50.000 Staatsbedienstete wurden bislang suspendiert, mehr als 8.500 Menschen festgenommen. Alleine das Bildungsministerium suspendierte am Dienstag 15.200 Mitarbeiter, gegen die Ermittlungen wegen mutmaßlicher Verbindungen zu Fethullah Gülen eingeleitet wurden. Der türkische Sender NTV berichtete, außerdem sei 21.000 Lehrern an privaten Bildungseinrichtungen die Lehrerlaubnis entzogen worden. Ebenfalls wegen angeblicher Gülen-Verbindungen entzog die Telekommunikationsbehörde RTÜK insgesamt 24 Radio- und Fernsehstationen die Sendelizenz. Gülen, das Oberhaupt einer islamischen Bewegung, wird von Erdogan immer wieder vorgeworfen, er würde einen Parallelstaat errichten. Auch beschuldigt der Staatschef Gülen, den aktuellen Putschversuch angezettelt zu haben.

Den Gefeuerten werden Verbindungen zu Gülen vorgeworfen, die aus einem Netzwerk von Schulen und Medien besteht. Der Sprecher von Präsident Erdogan, Ibrahim Kalin, sagte, eine „gülenistische Clique im Militär“ sei für den Putsch mit mehr als 200 Toten und rund 1.500 Verwundeten verantwortlich. Ankara erwarte, dass Washington Gülen aufgrund des Verdachtes und der Beweise ausliefern werde; seit den 1990ern lebt Gülen dort im Exil. Im Übrigen sei ein bloßer Verdacht für eine Überstellung ausreichend, erklärte Kalin.

US-Regierungssprecher Earnest sagte später, er habe den Fall Gülen bei einem Telefonat mit Obama zur Sprache gebracht. Doch würde eine Entscheidung über eine Auslieferung Gülens nicht persönlich von Obama, sondern entsprechend der in einem seit langem bestehenden amerikanisch-türkischen Vertrag festgelegten Regeln getroffen.

In Istanbul angekommen, nehme ich für gewöhnlich den Flughafenbus in die Stadt; zumindest, wenn ich abseits der Hauptverkehrszeiten ankomme. Wie jetzt gegen Mitternacht. Doch dieses Mal bekomme ich ein mulmiges Gefühl, als ich den Ausgang zusteuere, vor dem das Busterminal liegt. Genau hier haben vor drei Wochen drei Terroristen um sich geschossen und 41 Menschen getötet.

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Er sagt von sich, er sei zu 100 Prozent Deutscher und zu 50 Prozent Türke. Wie es mit der Türkei nach dem Putschversuch weitergeht, ahnt unser Korrespondent: Das Land wird sich weiter vom Westen entfernen.

Jetzt sieht dieser Teil des Flughafens aus, als wäre nie etwas geschehen. Das Gebäude wirkt nicht beschädigt. Taxifahrer buhlen am Ausgang um Fahrgäste, der „Havatas“-Bus fährt gerade ein, als ich das Gebäude verlasse. Von Terror keine Spur. Dann bemerke ich doch etwas: Zwei Gendarmeristen, die mit Maschinenpistolen den Bussteig abgehen. Sie bemerken nicht einmal den Mann mit Spiegelreflexkamera und Duty-Free-Tüte, der sich halb verrenkt, um ein Foto von den beiden zu schießen. Kurz darauf steige ich in den Bus Richtung Taksimplatz. Die Stadt wirkt wie leergefegt. Das liegt aber weniger an den Ereignissen der vergangenen Tage. Sondern viel mehr daran, dass gerade Sommerferien sind. Jeder Istanbuler, der es sich leisten kann, verbringt diese Zeit nicht in der stickigen Großstadt, sondern an der Südküste.

Es dauert keine fünf Minuten, bis der Bus durch ein Hupkonzert fährt. Autos mit Türkeiflaggen auf der Motorhaube rasen an mir vorbei. Menschen feiern auf der Straße wie nach einem gewonnenen WM-Finale. Bis zur Endhaltestelle am Taksim-Platz fährt der Bus fünf Mal an solchen Autocorsos vorbei. Sie feiern den Sieg über den Putsch. Ob das alles Erdogan-Anhänger sind? „Nein, das sind Demokraten“, sagt mein Sitznachbar mit stolzer Stimme. Er sieht aus, als wäre es nicht der erste Umsturzversuch, den er miterlebt hat. Das Militär übernahm drei Mal die Macht, neben 1960 noch 1971 und 1980. Jeder Putsch endete blutig. Jedes Mal danach war das Land für eine gewisse Zeit isoliert und in Schockstarre.

Kommentare (54)

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Account gelöscht!

20.07.2016, 11:17 Uhr

Herr Josef Schmidt

20.07.2016, 11:17 Uhr

Zumindest ist das Land jetzt gesäubert von US Lobbyisten und zwar gründlich für Jahrzehnte. Die Näherung der Türkei zu Israel und Russland passt einigen Geheimdiensten nicht.

In Syrien schwimmen die Felle der VSA auch davon. Die amerikanischen "Berater" der "gemässigten" Terroristen sind in Aleppo von der syrischen Armee umzingelt. Der STRATFOR Heini Friedman sah im letzten Interview wie ein gerupftes Huhn aus.

Das Imperium hat fertig.

Herr Gerd Kintzel

20.07.2016, 11:31 Uhr

Beitrag von der Redaktion gelöscht. Bitte bleiben Sie sachlich.

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