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10.05.2012

13:55 Uhr

Gespaltenes Griechenland

Eine Nation verliert die Nerven

Das olympische Feuer brennt, aber das griechische Volk ist allmählich am Nullpunkt. Viele sind verzweifelt, nicht wenige bereit, den Radikalen zu folgen, die eine bessere Zukunft versprechen.

Entfachtes olympisches Feuer: Der letzte Stolz einer bankrotten Nation. dpa

Entfachtes olympisches Feuer: Der letzte Stolz einer bankrotten Nation.

AthenGanze Familien werden in Griechenland inzwischen von der Kirche und mit Spenden derer durchgefüttert, die noch Geld haben. Diesen Menschen kann niemand mehr mit Bankrott, Pleite, Untergang drohen. „Wir erleben das schon“, sagen sie. Die Stunde Null - Staatsbankrott und Exodus der Griechen aus dem einst segensreichen Euroland - rückt aus der Sicht vieler immer näher. Das griechische Drama droht ein tragisches Ende zu nehmen.

Viele scheinen sich damit abgefunden zu haben und wollen nicht mehr kämpfen. Für einige sieht der Alltag mittlerweile so aus: Die Familie ist seit Monaten Bankrott. Arbeitslosengeld gibt es nur für zwölf Monate und dann auch nur etwa 380 Euro im Monat. Danach ist jeder auf sich allein angewiesen - ohne Einkommen, ohne Versicherung.

„Zu lange haben die 'Alleswisser' in Athen und Brüssel Sparprogramme ausgearbeitet“, klagt Thymios Ioannidis, ein arbeitsloser Schweißer aus der Hafenstadt Kalamata. „Wo mein Sohn selbst zu einem geringen Lohn Arbeit finden könnte, darüber sind sie noch am Beraten.“ Über die sogenannten Task Forces, die übers Land ziehen und Investitionen ankurbeln sollen, hat er nur noch ein müdes Lächeln übrig: „Ha! Lächerlich! Kein einziger Arbeitsplatz ist geschaffen worden.“

Viele dieser Leute sind längst bereit jedem zu glauben, der ihnen eine bessere Zukunft verspricht - wie den Linksradikalen, die das Sparprogramm Griechenlands für null und nichtig erklären wollen. Ihr Chef Alexis Tsipras spricht mit großem Erfolg Menschen an, um die sich in den vergangenen drei Jahren niemand gekümmert hat. Von 4,6 Prozent im Jahr 2009 wuchs seine Partei auf 16,8 Prozent bei der Wahl am Sonntag an. Er setzt auf Neuwahlen, um noch mehr Stimmen zu bekommen.

Woher das Geld kommen soll, wenn die Geldgeber den Geldhahn zudrehen, erklärt Tsipras nicht. Vielen Wählern scheint das mittlerweile auch egal zu sein. „Wenn wir untergehen, dann ziehen wir so viele mit, wie wir können“, ist aus Gesprächen in Kreisen der radikalisierten Arbeiterklasse herauszuhören.

Auch die früher privilegierten Staatsbediensteten werden immer radikaler. Das Sparprogramm sieht vor, dass 150 000 gehen sollen. „Ich nehme sie mit (die etablierten politischen Kräfte)“, sagt ein Angestellter des Presseamtes in Athen.

Kommentare (11)

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10.05.2012, 15:05 Uhr

Die Griechen sind erst der Anfang. Und wenn es im Juni zu Neuwahlen kommt (was sehr wahrscheinlich ist, werden noch mehr Menschen radikal wählen, weil es ihnen inzwischen noch schlechter geht. Portugal, Spanien und Italien werden folgen.

Golo123

10.05.2012, 15:49 Uhr

Und womit? Mit Recht. Wenn erst die GR aus dem Schrott-Euro austreten, folgen bald die restlichen GIPS-Staaten, und in wenigen Jahren zahlen wir wieder mit der D-Mark!

Das hat auch bis Ende 2001 alles ganz prima hier in D gefunzt, frage mich warum einige Panik davor haben, wenn es mit dem Euro zu Ende geht?!

Selbst wenn 2-3 harte Jahre kommen, wir werden dann noch wettbewerbsfähiger auf den intern. Märkten! Und unsere Kunden sitten nicht in Rom, Athen oder Madrid, sondern in Boston, Shanghai, Peking, Dubai, etc.!

verKOHLT

10.05.2012, 15:53 Uhr

Wenn die Deutschen merken, daß sie die ganzen Schulden tragen sollen - Herr Lachmann von der WELT beschreibt das ja ziemlich eindringlich - dann werden womöglich auch die Deutschen radikal wählen. Das ist das Ergebnis dieses Währungsexperiments: Die größte soziale, wirtschaftliche und politische Katastrophe in Europa seit 1945! Dr. Kohl hat das zu verantworten!

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