Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

27.01.2016

21:26 Uhr

Gewalt in der Südosttürkei

Wenn sogar um Tote gekämpft wird

Nicht einmal die Toten bleiben vom Kurdenkonflikt in der Türkei verschont. Ein neues Gesetz macht es Kurden in den Gebieten unter Ausgangssperre so gut wie unmöglich, ihre Angehörigen zu beerdigen. Die Wut ist groß.

Chalid Inan hat mit einem Seil versucht, seine angeschossene Frau auf das Grundstück zu ziehen. Vergeblich. dpa

Chalid Inan

Chalid Inan hat mit einem Seil versucht, seine angeschossene Frau auf das Grundstück zu ziehen. Vergeblich.

SilopiSiyasin Buruntekin hat gerade das erste Mal das Grab ihrer Tante in der Stadt Silopi besucht, jetzt ringt die 34-jährige Kurdin mit den Tränen. Sie erzählt, ihre Tante Ayse Buruntekin sei zu Nachbarn gegangen, weil ihr während der Ausgangssperre die Milch für ihr Baby ausgegangen sei. Türkische Sicherheitskräfte hätten der 40-Jährigen in den Hals geschossen. Die Nichte ist entsetzt. „Die Polizei hat ihre Leiche begraben, ohne die Familie zu informieren“, sagt sie. Grundlage dafür ist ein neues Gesetz, das die verbreitete Wut auf den Staat in den Kurdengebieten weiter befeuert.

Die Gesetzesänderung trat am 7. Januar in Kraft, inmitten der teils noch heute andauernden Ausgangssperren in mehreren kurdischen Städten. Grund für die Ausgangssperren ist eine Armeeoffensive gegen die verbotene kurdische Arbeiterpartei PKK. Kämpfer der PKK-Jugendorganisation YDG-H haben sich in mehreren Städten verschanzt. Das neue Gesetz erlaubt den Behörden, Leichen binnen drei Tagen ohne Zeremonie zu beerdigen, wenn die Angehörigen sie nicht abholen – selbst wenn die Identität der Toten feststeht.

Kurdengebiete in der Türkei: EU fordert sofortigen Waffenstillstand

Kurdengebiete in der Türkei

EU fordert sofortigen Waffenstillstand

Federica Mogherini, Außenbeauftragte der EU, forderte in Ankara einen sofortigen Waffenstillstand in den Kurdengebieten. Die Antwort des türkischen Europa-Ministers Volkan Bozkir ließ nicht lange auf sich warten.

Die Regierung dürfte damit verhindern wollen, dass Beerdigungen von YDG-H-Kämpfern zu Sympathiebekundungen ausarten. Der Konflikt hat seit Beginn der Offensive Mitte Dezember aber auch viele Zivilisten das Leben gekostet. Kurden in den Städten unter Ausgangssperre haben so gut wie keine Möglichkeit, ihre Angehörigen aus den Leichenhäusern abzuholen, wenn sie nicht selber ihr Leben riskieren wollen.

Siyasin Buruntekin sagt, ihre Familie sei von der Polizei nicht einmal darüber benachrichtigt worden, wo die Tote begraben worden sei. Anwohner in der Nähe des Friedhofs hätten die Beerdigung aus ihren Häusern heraus beobachtet und die Familie informiert. Die Wut über den Umgang mit der Toten ist Siyasin Buruntekin anzumerken. „Erdogan ist persönlich dafür verantwortlich“, sagt die Kurdin mit Blick auf den türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan. „Ich kann mich nicht mehr als Bürger dieses Landes fühlen.“

Wut auf den Staat herrscht auch bei der Familie von Taybet Inan in Silopi. Seine 57-Jährige Ehefrau sei auf dem Rückweg von Nachbarn auf der anderen Straßenseite gewesen, als sie wenige Meter vor dem Tor ihres Hauses ins Bein getroffen worden sei, sagt Chalid Inan (60). Er habe versucht, seiner Frau ein Seil zuzuwerfen, um sie auf das Grundstück zu ziehen – ohne Erfolg. „Sie war noch bis zum nächsten Tag am Leben“, sagt Chalid Inan. „Sie rief immer wieder: Kommt nicht raus, kommt nicht raus, sonst werdet Ihr auch getötet“.

Tödliche Anschläge in der Türkei (Chronik)

13. Mai 2016

Bei einer Sprengstoffdetonation in Diyarbakir kommen vier Menschen ums Leben. 15 werden verletzt. Die Tat wird der PKK zugeschrieben.

9. April 2016

Bei einem Bombenanschlag in Istanbul gibt es drei Verletzte. Wer hinter dem Anschlag steckt, ist unklar.

31. März 2016

Mindestens 7 Tote, rund 23 Verletzte – das sind die Opfer eines Anschlags in Diyarbakir, hinter dem die PKK vermutet wird. Bei den Opfern handelt es sich um Polizeibeamte.

19. März 2016

Bei einem Bombenanschlag in Istanbul sterben mindestens fünf Menschen, etwa 36 werden verletzt. Bei den Opfern handelt es sich um Passanten in einer Einkaufsstraße. Hinter dem Anschlag steckt vermutlich der IS.

13. März 2016

Bei einem weiteren verheerenden Autobomben-Anschlag in der türkischen Hauptstadt Ankara sind am 13. März 37 Menschen ums Leben gekommen. Kurz darauf flog die türkische Luftwaffe Angriffe auf PKK-Stellungen im Nordirak – die Regierung zufolge gehörte die Selbstmordattentäterin zu der verbotenen Partei.

Februar 2016

Am 17. Februar hat in Ankara ein Selbstmordattentäter 28 Menschen in den Tod gerissen. Inzwischen hat sich die militante Organisation Freiheitsfalken Kurdistans (TAK) – eine Splittergruppe der verbotenen kurdischen Arbeiterpartei PKK – zu der Tat bekannt.

Januar 2016

Bei einem Anschlag im historischen Zentrum Istanbuls werden elf Deutsche getötet. Der Angreifer sprengt sich mitten in einer deutschen Reisegruppe in der Umgebung der Hagia Sophia und der Blauen Moschee in die Luft. Der Attentäter gehörte nach Angaben der türkische Regierung der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) an.

September 2015

Bei einem Bombenanschlag in Igdir in der Osttürkei werden zwölf Polizeibeamte getötet. Zuvor starben bei einem Angriff der verbotenen Kurdischen Arbeiterpartei PKK und Gefechten im südosttürkischen Daglica in der Provinz Hakkari 16 Soldaten.

August 2015

Bei einem Bombenanschlag und einem anschließenden Angriff auf eine Polizeiwache in der Millionenmetropole Istanbul werden mindestens vier Menschen getötet. Zwei Frauen greifen zudem das US-Konsulat an, eine wird festgenommen. Sie soll Mitglied der linksextremen Terrororganisation DHKP-C sein.

Juli 2015

Im südtürkischen Grenzort Suruc reißt ein Selbstmordattentäter 33 pro-kurdische Aktivisten mit in den Tod. Die Behörden machen die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) verantwortlich, die sich allerdings nie zu der Tat bekennt.

Juni 2015

Zwei Tage vor der türkischen Parlamentswahl verüben Unbekannte in der südosttürkischen Kurden-Metropole Diyarbakir einen Sprengstoffanschlag auf eine Veranstaltung der pro-kurdischen Oppositionspartei HDP. Mindestens vier Menschen sterben. Die türkische Regierung macht den IS verantwortlich.

Mai 2013

Bei der Explosion zweier Autobomben in der Grenzstadt Reyhanli werden mehr als 50 Menschen getötet. Die Regierung beschuldigt türkische Linksextremisten mit Kontakten zum Regime im benachbarten Syrien.

September 2011

Drei Menschen sterben in der türkischen Hauptstadt Ankara, als im Regierungsviertel eine Bombe explodiert. Eine Splittergruppe der PKK bekennt sich zur Tat.

Chalids Bruder Abdullah Inan erzählt, er habe einen Abgeordneten der pro-kurdischen Oppositionspartei HDP kontaktiert, der einen Krankenwagen für die Verletzte organisiert habe, die hilflos auf der Straße gelegen habe. „Am Eingang der Straße hat die Polizei den Krankenwagen gestoppt.“ Der Bruder sagt, danach habe er bei der Polizei angerufen. „Die Polizisten fragten nach der Adresse. Nachdem ich ihnen die Adresse gab, wurde das Haus beschossen.“

Erst nach acht Tagen wurde die Tote geborgen, wie Abdullah Inan sagt. „Dann hat die Polizei die Leiche aus dem Leichenhaus geschafft.“ Polizisten hätten ihn angerufen, auf das neue Gesetz verwiesen und die Beerdigung von Taybet Inan angekündigt.

Acht Angehörigen aus einem Dorf ohne Ausgangssperre sei die Teilnahme erlaubt worden – aber niemandem aus der Stadt. Auch ihr Ehemann konnte sich nicht verabschieden. „Die Polizei hat das Grab ausgesucht“, sagt Abdullah Inan empört. „Sie wurde unter Kontrolle der Polizei begraben.“ Ein Cousin namens Hassan Inan sagt: „Sie erlauben uns nicht einmal, unsere Toten zu beerdigen.“

Güler Seviktek hat die Rückgabe der Leiche ihres 25-jährigen Bruders mit einem fast dreiwöchigen Hungerstreik erzwungen. Mesut Seviktek hat im Viertel Sur in der Kurdenmetropole Diyarbakir für die YDG-H gekämpft, wo seit dem zweiten Dezember eine Ausgangssperre gilt. Am 23. Dezember wurde er getötet. „Warum gibt der Staat die Leichen nicht zurück?“, fragte Güler Seviktek noch während ihres Hungerstreiks. Das neue Gesetz sei „nur gegen die Kurden“ gerichtet, meint sie. „Sie haben sogar Angst vor unseren Toten.“

Von

dpa

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×