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11.08.2011

09:59 Uhr

Gewalt in England

Krawalle belasten britische Konjunktur nicht

VonKatharina Slodczyk, Matthias Thibaut

Englands Notenbankchef King senkt die Prognose und betont: Es war nicht die Haushaltspolitik, die die Unruhen auslöste. Derweil klettern die Schadenssummen in den dreistelligen Millionenbereich.

Ruhige Nacht in England

Video: Ruhige Nacht in England

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London Seine Antworten auf Fragen zu den Aussichten der britischen Wirtschaft fallen teilweise vage und abstrakt aus. Als Mervyn King, Chef der britischen Notenbank, sich gestern bei der Vorlage des vierteljährlichen Inflationsberichts allerdings zu den andauernden Krawallen in seinem Land äußern soll, ist die Reaktion für seine Verhältnisse eindeutig: Es wäre "zutiefst unverantwortlich" die Unruhen mit der Wirtschaftslage zu erklären, bevor man nicht die Ursachen genauer untersucht habe. Die konservativ-liberale Regierung hat Großbritannien die härtesten Einschnitte seit dem zweiten Weltkrieg verordnet.

"Gegenwind nimmt zu" Man dürfe jetzt nicht voreilig die Gewaltausbrüche mit dem Sparpaket der Regierung in Verbindung bringen, betonte der Chef der Bank of England - zumal ohnehin im vergangenen Jahr die Privatwirtschaft viermal mehr Jobs geschaffen habe, als im öffentlichen Sektor verlorengegangen seien. Der Chef des Londoner Meinungsforschungsinstituts Ipsos Mori, Ben Page, argumentiert ähnlich. Die Krawalle seien keine unmittelbare Reaktion auf das Sparpaket, sagte er in einem Video-Interview der Nachrichtenagentur Reuters. Es handele sich vielmehr um eine unerwünschte Nebenwirkung der Liberalisierungspolitik der 80er-Jahre.
King und Page widersprachen damit vor allem Oppositionspolitikern, die in den drastischen Ausgabenkürzungen der Regierung den wesentlichen Grund für die Gewaltwelle sehen.

Bereits vier Nächte in Folge haben vor allem vermummte Jugendliche in englischen Großstädten randaliert. Sie warfen Schaufensterscheiben ein und plünderten Geschäfte. Sie zündeten Häuser an und schleuderten Wurfgeschosse auf die Polizei. In der Nacht zu Mittwoch kam es vor allem in Manchester zu Ausschreitungen, aber auch in Birmingham und Liverpool.

In London dagegen blieb es ruhig. In den Nächten zuvor hatte sich die Gewaltwelle auf die britische Hauptstadt konzentriert. Am Dienstag kündigte Premier David Cameron, der heute zu diesem Thema im Unterhaus sprechen wird, eine massive Aufstockung der Ordnungskräfte an: Statt 6000 waren 16000 Polizisten für die Sicherheit in London verantwortlich. Das zeigte Wirkung.

Die Polizei hat seit Beginn der Ausschreitungen am Samstag mehr als 1300 Menschen festgenommen. Um den Gewaltausbrüchen Einhalt zu gebieten, schließt die britische Regierung jetzt den Einsatz von Wasserwerfern nicht mehr aus. Versicherungskonzerne schätzen die Schäden inzwischen auf mehr als 100 Millionen Pfund (114 Millionen Euro).

Unmittelbare negative Folgen für die britische Konjunktur durch die Krawalle erwarten Konjunkturbeobachter aber nicht. In einigen der betroffenen Stadtviertel könnten Immobilienpreise und Investitionen sinken, aber Auswirkungen auf die Gesamtwirtschaft seien unwahrscheinlich. Kurzfristig dürfte der Wiederaufbau sogar positiv für die laufende Produktion und damit das Wirtschaftswachstum sein - ein Phänomen, das Ökonomen auch nach Naturkatastrophen regelmäßig beobachten.

Für Cameron sind die anhaltenden Unruhen dennoch die größte Herausforderung seiner Amtszeit. Hinzu kommt die anhaltende Wirtschaftskrise. "Der Gegenwind wird jeden Tag stärker", sagte Zentralbank-Chef King gestern. Es sei vor allem die Euro-Schuldenkrise, die die britische Wirtschaft bedrohe. Daher ließ er zwischen den Zeilen durchblicken, dass die Bank of England den historisch niedrigen Leitzins von 0,5 Prozent voraussichtlich bis 2013 nicht antasten werde. Die US-Notenbank Fed hatte am Vorabend mit einem ähnlichen Bekenntnis die Märkte beruhigt.

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Angesichts der Schwierigkeiten hat die britische Zentralbank ihre Wachstumsprognose für dieses Jahr nach unten korrigiert. Sie erwartet nicht mehr ein Plus von 1,8, sondern nur noch 1,4 Prozent. Für 2012 geht King von zwei statt 2,5 Prozent aus. Zugleich könnte sich die Preissteigerung in Großbritannien in diesem Jahr auf fünf Prozent beschleunigen, warnt die Notenbank. Ziel der Bank ist eine Inflationsrate von zwei Prozent - eine Marke, die die Bank seit Monaten immer wieder deutlich verfehlt.

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