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14.11.2015

05:04 Uhr

Gewaltwelle in Paris

120 Tote, 200 teils Schwerverletzte

Mindestens acht Attentäter sollen ums Leben gekommen sein. Sieben sollen sich nach dem Überfall auf die Konzerthalle „Bataclan“ oder bei den Anschlägen in der Nähe des Stadions selbst in die Luft gesprengt haben.

Ersthelfer versorgen Opfer einer Schießerei in einem Restaurant in Paris. In der Nacht gab es eine Welle der Gewalt mit mehreren Schießereien, Detonationen und einer Geiselnahme in einer Konzerthalle in Paris. ap

Gewaltwelle in Paris

Ersthelfer versorgen Opfer einer Schießerei in einem Restaurant in Paris. In der Nacht gab es eine Welle der Gewalt mit mehreren Schießereien, Detonationen und einer Geiselnahme in einer Konzerthalle in Paris.

ParisBei einer beispiellosen Terrorserie in Paris mit mehreren fast zeitgleichen Anschlägen sind mindestens 120 Menschen getötet worden. Mehr als 200 wurden zum Teil schwer verletzt. Die Attentäter schossen am Freitagabend an verschiedenen Orten der französischen Hauptstadt wild um sich und zündeten mehrere Bomben. Allein in der Konzerthalle „Bataclan“ richteten sie ein Massaker mit mindestens 80 Toten an. Vier Tote gab es in der Nähe des Stadions Stade de France, wo gerade das Fußball-Länderspiel Deutschland gegen Frankreich stattfand.

Frankreich befindet sich damit erneut in einem Schockzustand. Die Zeitung „Le Figaro“ titelte: „Krieg mitten in Paris“. Erst vor zehn Monaten hatte ein brutaler Überfall von islamistischen Terroristen auf die Satire-Zeitschrift „Charlie Hebdo“ und einen jüdischen Supermarkt das Land erschüttert.

Frankreichs Politik sucht Wege nach dem Terror

Bricht Frankreich auseinander?

Präsident François Hollande setzt auf die Karte nationale Einheit. Schon kurz nach dem blutigen Attentat rief er die Franzosen auf, in dieser Zeit zusammenzustehen. Unterstützung hat der 60-Jährige bitter nötig. Hollande ist bei den Franzosen unbeliebt wie kein Staatschef vor ihm in der Nachkriegszeit. Im lange verkrusteten Frankreich sind seine Reformen umstritten, vielen gehen sie auch nicht weit genug. Nach dem Mordanschlag setzt Hollande auf parteiübergreifende Absprachen. Am Mordtag empfing er die Spitzen der in Frankreich relevanten Religionen, zudem lud er seine politischen Gegner zu Gesprächen in den Élyséepalast ein. Unklar bleibt, ob sein Ziel verfängt.

Bekommt der Staatschef Unterstützung der Opposition?

Nicolas Sarkozy, Vorgänger auf dem Präsidentenposten, ist in seiner Reinkarnation als Chef der konservativen UMP wichtigster Widersacher Hollandes. Der 59-Jährige, dessen Streben nach einem Wiedereinzug in den Präsidentenpalast in Frankreich als ausgemachte Sache gilt, präsentierte sich staatstragend. Es sei seine Pflicht gewesen, auf die Einladung in den Élysée zu reagieren. Er habe damit ein Klima der nationalen Einheit bezeugen wollen, sagte Sarkozy. Bei Forderungen nach verbessertem Terrorschutz setzt der UMP-Chef nach eigenen Worten nicht auf einen Gegensatz von Rechts oder Links. Er sieht einen besseren Schutz des Landes im Mittelpunkt.

Wie ist die Lage für Muslime und Ausländer im Land?

Die Integration von Ausländern, das Nebeneinander der Ethnien ist ein heißes Eisen in Frankreich. Das Verhältnis zwischen Muslimen und Nicht-Muslimen gilt als angespannt wie lange nicht. In Frankreich leben nach Schätzungen bis zu fünf Millionen Muslime, viele von ihnen in den vernachlässigten Vorstädten. Dort ist fast die Hälfte der Menschen arbeitslos. Der Frust lässt junge Muslime nach Alternativen suchen. Angeblich haben sich etwa 1000 junge Franzosen der Terrormiliz Islamischer Staat angeschlossen.

Kann die Rechtsextreme auf Zulauf hoffen?

Die Chefin der rechtsextremen Front National, Marine Le Pen, kann nicht nur auf eine Reihe von Erfolgen zurückblicken. Bei der Europawahl war die eurokritische FN sogar stärkste Kraft in Frankreich noch vor Konservativen und Sozialisten. Dabei setzt sie auch auf islam- und ausländerfeindliche Argumente. Der Anschlag von Paris und die Angst vor Gewalt von Islamisten könnte den Rechtsextremen weiter Auftrieb geben. Le Pen betonte als eine der ersten, islamische Fundamentalisten hätten den Anschlag verübt. Für den Fall ihrer Wahl zur Staatspräsidentin 2017 schlägt sie bereits noch schärfere Töne an: Sie will eine Abstimmung über die Wiedereinführung der Todesstrafe.

Präsident François Hollande rief in einer Fernsehsprache an die Nation den Ausnahmezustand aus. Zugleich sagte er dem Terrorismus „erbarmungslosen“ Kampf an. Die Grenzkontrollen wurden verstärkt - auch mit Blick auf den Weltklimagipfel, zu dem Paris Ende des Monats Spitzenpolitiker aus aller Welt erwartet. Entgegen ersten Ankündigungen blieben die Grenzen aber geöffnet.

Die genauen Hintergründe der Angriffe waren auch nach Stunden noch unklar. Die Staatsanwaltschaft leitete Ermittlungen wegen Terrorismus ein. Befürchtet wurde, dass sich Attentäter oder Komplizen noch auf freiem Fuß befinden könnten. Nach Polizeiangaben starben mindestens acht Angreifer. Mit einer Ausnahme sprengten sich alle selbst in die Luft. Ein Terrorist wurde von der Polizei erschossen.

Alle Indizien deuten darauf hin, dass es sich um eine minutiös vorbereitete Aktion handelte. Bei dem Überfall auf das „Bataclan“ soll einer der Männer „Allah ist groß“ gerufen haben. Ein Augenzeuge berichtete ferner, dass die Angreifer ihre Tat mit Frankreichs Militäreinsatz in Syrien begründet hätten. Der Mann habe gerufen: „Das ist die Schuld von Hollande. Das ist die Schuld Eures Präsidenten. Er hätte nicht in Syrien eingreifen dürfen.“ Von Anhängern der Terrormiliz Islamischer Staat wurde die Attacken im Internet gefeiert.

Nach bisherigen Erkenntnissen begannen die Anschläge kurz nach 21.00 Uhr an sechs verschiedenen Orten der französischen Hauptstadt. Ziele waren neben dem Konzertsaal im 10. Arrondissement auch drei Cafés und Restaurants in der Nähe. Im Café „Le Carillon“ gab es mindestens 14 Tote, im Café „La Belle Équipe“ mindestens 18 Tote. Wegen der vergleichsweise milden Temperaturen saßen zu Beginn des Wochenendes in Paris noch sehr viele Menschen draußen.

Das schlimmste Bild bot sich im „Bataclan“, einer der bekanntesten Konzerthallen von Paris. Allein dort starben mindestens 80 Menschen. Nach Augenzeugenberichten waren mehrere unmaskierte Männer in den ausverkauften Saal gestürmt, wo gerade die US-Rockband „Eagles of Death Metal“ auftrat. Mit Maschinengewehren schossen sie mehr als 10 Minuten wild um sich. Der Boden war anschließend übersät mit Leichen.

Vielen der fast 1500 Zuschauer gelang die Flucht. Einer von ihnen, Julien Pearce, berichtete anschließend: „Das hat 10, 15 Minuten gedauert. Das war von extremer Gewalt. Es gab Panik. Alle sind Richtung Bühne gerannt. Die Attentäter hatten Zeit, mindestens drei Mal nachzuladen. Sie waren nicht maskiert. Sie traten sehr beherrscht auf. Sie waren sehr jung.“

Islamistischer Terror in Europa

Seit dem 11. September 2001

Seit den Terroranschlägen in den USA vom 11. September 2001 gab es auch in Europa eine Reihe islamistischer Attentate. Manche Pläne konnten gerade noch vereitelt werden. Beispiele:

März 2004

Bei Sprengstoffanschlägen auf Pendlerzüge in Madrid sterben 191 Menschen, etwa 1500 werden verletzt.

2. November 2004

Der Filmregisseur, Publizist und Satiriker Theo van Gogh wird in Amsterdam auf offener Straße ermordet.

Juli 2005

Vier Muslime mit britischem Pass zünden in der Londoner U-Bahn und einem Bus Sprengsätze. 56 Menschen sterben, etwa 700 werden verletzt.

Juli 2006

Im Kölner Hauptbahnhof werden in zwei Zügen Bomben gefunden, die wegen eines technischen Fehlers nicht explodierten. Der „Kofferbomber von Köln“ wird zu lebenslanger Haft erurteilt.

Januar 2010

Gut vier Jahre nach der Veröffentlichung seiner Mohammed-Karikaturen in der Zeitung „Jyllands-Posten“ entkommt der dänische Zeichner Kurt Westergaard nur knapp einem Attentat.

9. März 2010

Selbstmordanschläge auf die Moskauer Metro mit 40 Toten und 84 Verletzten. Der tschetschenische Terrorist Doku Umarow bekennt sich.

Dezember 2010

Bei einem Sprengstoffanschlag in der Stockholmer Fußgängerzone stirbt der Attentäter. Hintergrund war vermutlich der Einsatz schwedischer Soldaten in Afghanistan.

März 2011

Ein Kosovo-Albaner erschießt am Frankfurter Flughafen zwei US-Soldaten und verletzt zwei weitere schwer.

Januar 2011

Bei einem Selbstmordanschlag auf dem internationalen Moskauer Flughafen Domodedowo sterben mindestens 37 Menschen. Die Ermittler machen Islamisten aus dem Nordkaukasus verantwortlich.

Dezember 2013

Bei Selbstmordanschlägen in der russischen Stadt Wolgograd sterben 34 Menschen im Bahnhof und in einem Bus. Islamisten aus dem Nordkaukasus bekennen sich zu den Attentaten.

Mai 2014

Im Jüdischen Museum in Brüssel erschießt ein französischer Islamist vier Menschen. Kurz darauf wird der Mann festgenommen.

7. Januar 2015

Mordanschlag auf die Redaktion des Satiremagazins Charlie Hebdo in Paris. Zwölf Menschen fallen dem Anschlag zum Opfer.

13. November 2015

Bei mehreren Sprengstoffexplosionen im Pariser Stadtgebiet sterben 130 Menschen. Die Dschihadistenmiliz Islamischer Staat bekennt sich zu dem Anschlag.

Nach Angaben der Polizei töteten sich drei der Angreifer dann selbst, indem sie ihre Sprengstoffgürtel zündeten. Ein vierter sei von der Polizei getötet worden.

Die Gegend rund um das „Bataclan“ wurde weiträumig abgeriegelt. Sie gehört zu den beliebtesten Ausgehvierteln der französischen Hauptstadt. Die Redaktion von „Charlie Hebdo“, die im Januar von Terroristen überfallen worden war, ist nur wenige Straßenzüge entfernt. Noch in der Nacht eilten Hollande und Regierungschef Manuel Valls an den Tatort.

Die Explosionen vor dem Stade de France hatte Hollande auf der Ehrentribüne mit angehört, zusammen mit Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier, der an seiner Seite saß. Gleich danach ließ er sich in der Schaltzentrale des Stadions telefonisch über die Ereignisse unterrichten. Noch während des Spiels wurde der Präsident dann aus dem Stadion gebracht. In der Nähe des Stadions starben nach offiziellen Angaben auch drei Angreifer.

Hollande wandte sich noch während der Anschläge übers Fernsehen an seine Landsleute. In einer Rede an die Nation sagte er: „Die Terroristen wollen uns in Angst und Schrecken versetzen. Man kann Angst haben, man kann Schrecken verspüren. Aber dem Entsetzen steht eine Nation gegenüber, die weiß, wie sie sich verteidigt. Die weiß, wie sie ihre Kräfte sammelt. Und die einmal mehr wissen wird, wie sie die Terroristen besiegen wird.“

Aus Sorge vor weiteren Anschlägen wurde das Militär verstärkt. Alle Krankenhäuser der französischen Hauptstadt wurden in den Ausnahmezustand versetzt. Die Polizei appellierte an die Bevölkerung: „Wir bitten Sie, die eigenen vier Wände nicht zu verlassen und auf Anweisungen der Polizei zu warten.“

In Frankreich galten bereits vor den Anschlägen seit diesem Freitag wieder verschärfte Sicherheitsmaßnahmen. Wegen „terroristischer Gefahr“ und „Risiken für die öffentliche Ordnung“ hatte die Regierung auch beschlossen, vor der Weltklimakonferenz die Grenzkontrollen wieder aufzunehmen. Die Konferenz beginnt am 30. November.

Mit mindestens 120 Toten ist dies die schlimmste Terrorserie in Europa seit mehr als zehn Jahren. Im März 2004 waren bei mehreren Anschlägen auf Züge in Madrid 191 Menschen getötet und annähernd 2000 verletzt. Die Anschläge gingen auf das Konto von islamistischen Terroristen.

Von

dpa

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