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27.10.2014

16:00 Uhr

Glaubenskrieg in der Wüste

250 Tote bei Kämpfen in Jemen

Schiiten gegen Sunniten, Rebellen gegen Stammesangehörige - durch den Jemen verlaufen viele verworrene Konfliktlinien. Ein Friedensabkommen von Ende September hat die Gewalt nicht gestoppt.

Zeichen der Unsicherheit: Bewaffnete Schiiten der Houthi-Bewegung neben Polizisten vor den Toren des jemenitischen Innenministeriums. dpa

Zeichen der Unsicherheit: Bewaffnete Schiiten der Houthi-Bewegung neben Polizisten vor den Toren des jemenitischen Innenministeriums.

SanaaFünf Wochen nach dem Friedensabkommen im Jemen eskalieren neue Kämpfe: Binnen drei Tagen seien in der Provinz Al-Baida mindestens 250 Menschen getötet worden, hieß es am Montag aus Sicherheitskreisen. Der einflussreiche Kifa-Stamm lieferte sich den Angaben zufolge Gefechte mit schiitischen Huthi-Rebellen und vertrieb diese schließlich aus einem Viertel der Stadt Radaa.

Die Huthi-Rebellen hatten im September handstreichartig Kontrolle über die Hauptstadt Sanaa übernommen und danach ein Friedensabkommen mit der jemenitischen Regierung geschlossen, das ihnen weitreichende Befugnisse zugesteht. Dennoch kämpfen die mutmaßlich vom Iran unterstützten Huthi weiter gegen diverse Stämme und gegen Anhänger des sunnitischen Terrornetzwerks Al-Kaida.

Vergangene Woche waren sie in die rund 200 Kilometer südlich der Hauptstadt gelegene Stadt Radaa eingedrungen, nachdem ein örtlicher Armeekommandeur mit seinen Truppen von dort abgezogen war. Der Offizier soll ein Anhänger des gestürzten Präsidenten Ali Abdullah Saleh sein, der wiederum jetzt gemeinsame Sache mit den Huthis gegen die islamistische Islah-Partei machen soll.

Die Spaltung zwischen Sunniten und Schiiten

Unterschiede in der Praxis

Für beide Glaubensgruppen ist der Koran das Wort Gottes. Die Unterschiede liegen in der theologischen Auslegung und der religiösen Praxis. Manche Differenzen sind marginal: So halten beispielsweise Schiiten ihre Hände beim Beten seitlich des Körpers, Sunniten hingegen kreuzen sie vor der Brust oder dem Bauch.

Verwandtschaft mit Mohammed

Entscheidender sind Fragen, die sich um die Interpretation der Lehre drehen. Die Schiiten argumentieren, dass nur ein Blutsverwandter auf Mohammed folgen kann und sehen daher in dessen Cousin und Schwiegersohn Ali und seinen Nachfahren die rechtmäßigen Erben des Propheten. Letztlich kommt der Begriff Schiiten von „Schiat Ali“ - Partei Alis. Die Sunniten hingegen bestehen nicht auf einer Blutsverwandtschaft. Sie ließen ihren Anführer nach Mohammeds Tod wählen und so huldigten sie in den Wirren des 7. Jahrhunderts zunächst den drei Kalifen Abu Bakr, Umar und Uthman, bevor Ali für einige Zeit die Macht errang. Die vier gelten nach sunnitischer Lehre als die vier Rechtgeleiteten Kalifen. Nach Alis Tod 661 errangen erneut die Sunniten die Oberhand und konnten ihre Macht für die folgenden Jahrhunderte in verschiedenen Herrscherdynastien festigen.

Die Rolle des Imam

Im Schiismus entwickelte sich daraufhin die Lehre der geistlichen Führerschaft des Imams, dem ein besonderes religiöses Wissen und Unfehlbarkeit zugesprochen werden, was die Sunniten ablehnen. Angefangen mit Ali gab es nach Mohammed zwölf Imame. Die meisten von ihnen wurden von Sunniten getötet und starben als Mätyrer. Der zwölfte indes starb nicht, sondern entschwand, um eines Tages als der Rechtgeleitete, der Messias, zurückzukehren und Gerechtigkeit zu üben.

Die Sunniten werfen den Schiiten vor, ein übersteigertes Bild von Ali zu pflegen und diesen auf eine Stufe mit Mohammed zu stellen. Genau betrachtet ist der Vorwurf falsch, denn die Schiiten sehen in Mohammed den letzten Propheten, was eine zentrale Lehre des Islams ist.

Vorwürfe

Die Sunniten werfen den Schiiten vor, ein übersteigertes Bild von Ali zu pflegen und diesen auf eine Stufe mit Mohammed zu stellen. Genau betrachtet ist der Vorwurf falsch, denn die Schiiten sehen in Mohammed den letzten Propheten, was eine zentrale Lehre des Islams ist.

Verbreitung

Heute wie damals sind die Sunniten in der Mehrheit. Schätzungen zufolge machen Sunniten zwischen 85 bis 90 Prozent der Muslime aus, Schiiten bis zu 15 Prozent. In Nahost leben und herrschen Schiiten vor allem im Iran, Irak und in Bahrain. Große Gemeinden gibt es zudem unter anderem in Syrien, Saudi-Arabien, Kuwait, im Libanon und Jemen.

Politische Auswirkungen

Die erbitterte Feindschaft von einst nährt noch heute Ressentiments und Streitigkeiten zwischen den Glaubensgemeinschaften. Selbst moderate Schiiten würden ihre Kinder wohl kaum nach den ersten drei Kalifen Abu Bakr, Umar und Uthman nennen. Politische Trennlinien in der arabischen Welt lassen sich entlang der Glaubenszugehörigkeit ablesen. Doch nur die überzeugtesten Hardliner setzen die theologischen Differenzen in Gewalt und Hass um, wie im Irak und Syrien, wo sunnitische Extremisten gegen schiitische Regierungen kämpfen.

Erstmals seit dem Friedensabkommen äußerte der derzeitige Präsident Abed Rabbo Mansur Hadi heftige Kritik an den Huthis. Die Huthis breiteten sich unter diversen Vorwänden und Parolen in mehreren Provinzen immer weiter aus. Angesichts der Friedensvereinbarung sei dies unverständlich und inakzeptabel, sagte Hadi am Sonntag.

Das verarmte Land auf der arabischen Halbinsel leidet nicht nur unter dem Vormarsch der schiitischen Rebellen und dem Terror von Al-Kaida-Anhängern, sondern auch unter wirtschaftlicher Not. Daraus entsprangen Widerstand und Rebellion. In seinem einst eigenständigen Südteil gibt es eine Abspaltungsbewegung.

Von

ap

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