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03.07.2012

16:18 Uhr

Globaler Armutsbekämpfer

Weltbank will Euro-Schuldensündern helfen

Kurswechsel in Washington: Unter ihrem neuen Chef Jim Yong Kim ist die Weltbank bereit, entwickelten Krisenstaaten wie Griechenland zu helfen. Allerdings nur auf Einladung. Denn aufdrängen möchte man sich nicht.

Der neue Weltbankchef Jim Yong Kim. dpa

Der neue Weltbankchef Jim Yong Kim.

Berlin/WashingtonDas Angebot entbehrt nicht einer gewissen Ironie: der globale Armutsbekämpfer Nummer Eins, die Weltbank, will sich jetzt auch um europäische Krisenländer wie Griechenland kümmern. Sind die krisengeplagten Länder des europäischen Währungsraumes schon so weit, dass sie in das vorherrschende Kunden-Profil der Weltbank passen, deren Schwerpunkt bei Hilfen für weniger entwickelte Länder in der Welt liegt? Erste Äußerungen des neuen Weltbank-Präsidenten Jim Yong Kim unmittelbar nach seinem Amtsantritt deuten dies jedenfalls an. Die Weltbank stehe mit ihrem Wissen und ihren Erfahrungen bereit, auch krisengeschüttelten Euro-Ländern wie Griechenland bei Strukturproblemen zu helfen.

Aufdrängen will sich der Arzt und Anthropologe Kim nicht. "Wir gehen nur in Länder, wenn wir eingeladen werden", stellte er klar. Aber wenn die Erfahrungen der Bank gefragt seien, müsse man nur anfragen. Das gelte nicht nur für arme Länder, sondern auch für die, die gemeinhin den "Reichen" zugerechnet werden wie die Euro-Krisenländer. Denn in dieser "entscheidenden Stunde" für die weltweite Konjunktur sehe er es als seine Hauptaufgabe, auch entwickelte Länder zu unterstützen.

Weltbankchef Zoellick: Euro-Zone muss sich auf Griechenland-Austritt vorbereiten

Weltbankchef Zoellick

Euro-Zone vor Griechen-Austritt

Paukenschlag zum Abschied: Kurz vor seinem Amtsende fordert Weltbankchef Robert Zoellick Vorbereitungen für einen Euro-Austritt Griechenlands. Merkel und Co. müssten sich mental auf diesen Schritt einstellen.

Mit seinem Angebot setzt Kim gleich nach Amtsantritt neue Zeichen. Sein Vorgänger Robert Zoellick hatte sich solchen Ansinnen noch verweigert. Womöglich könnten die positiven Effekte einer Helferrolle der Weltbank in Griechenland für das Land weniger nützlich sein, als sie dem Ruf der Weltbank schaden könnte, hatte Zoellick noch Mitte Juni gemutmaßt.

„Geuro“ und „Neue Drachme“: Chancen und Risiken einer Zweitwährung für Griechenland

Wie soll der „Geuro“ funktionieren?

In seinem Modell geht Deutsche-Bank-Ökonom Mayer davon aus, dass der griechischen Regierung das Geld ausgeht, die internationalen Geldgeber aber weiterhin für die Schulden des Landes geradestehen und den Bankensektor stützen. In diesem Fall könnte Athen Staatsangestellten wie etwa Polizisten Schuldscheine geben, statt sie nicht zu bezahlen. Der Beamte könne diese Schuldscheine (Geuro) gegen Euro tauschen.

Was bringt eine Parallelwährung?

Allmählich würde eine Zweitwährung entstehen, deren Kurs zum Euro sinkt. In der Folge könnten griechische Exporteure ihre Preise in Euro senken und so wieder besser ins Geschäft mit Partnern im Ausland kommen. Die Ökonomen Lucke/Neumann erklären: „Unser Vorschlag, die ND als eine zweite, gleichberechtigte Landeswährung einzuführen, soll es Griechenland erleichtern, durch einen Kurs größerer Flexibilität den wirtschaftlichen Wiederaufstieg zu erreichen. Aber es geht auch um den politisch-psychologischen Aspekt, dem Land die Rückkehr zur vollen Mitgliedschaft in der Euro-Union sichtbar offenzuhalten.“

Würden so die Probleme der griechischen Wirtschaft gelöst?

Wohl kaum. Die griechische Wirtschaft hat ein strukturelles Problem: Das Land lebt vor allem vom Tourismus und Waren wie Oliven, Feta und Wein. „Griechenland fehlen hochwertige, international wettbewerbsfähige Beschäftigungsstrukturen“, urteilten Ökonomen des Instituts für Weltwirtschaft (IfW/Kiel) in einer Anfang 2012 veröffentlichten Studie. Im Vergleich zu anderen Euro-Sorgenländern wie Portugal und Spanien sei Griechenland „seit jeher ausgesprochen schwach industrialisiert“.

Wo liegen die Risiken einer Parallelwährung?

Ein griechischer Sonderweg könnte ein fatales Signal an andere Wackelkandidaten senden. Die Sorge ist groß, dass die Bereitschaft zu Reformen in den Ländern sinkt, sobald der Druck nachlässt. Viele Experten sehen die Gefahr, dass die Tage der Europäischen Währungsunion (EWU) dann gezählt sind. „Der einzige momentan vorstellbare Weg, auf dem die EWU mit allen Mitgliedern fortbestehen kann, scheint uns in einer zeitlichen Streckung der Konsolidierungsvorgaben zu liegen - ohne Aufgabe ihrer absoluten Verbindlichkeit, die auch von den Problemländern ohne Wenn und Aber anerkannt werden müsste“, analysiert die DZ Bank.

Darf Griechenland überhaupt einfach eine neue Währung einführen?

Helmut Siekmann, Professur für Geld-, Währungs- und Notenbankrecht an der Universität Frankfurt und Direktor des Institute for Monetary and Financial Stability (IMFS) betont: „Alle Verbindlichkeiten auch innerhalb Griechenlands sind in Euro zu begleichen, nicht in einer neuen Kunstwährung.“ Selbst neue Forderungen könnten nicht ohne Rechtsbruch auf eine andere Währung als den Euro lauten: „Griechenland hat die Währungshoheit an die EU abgetreten. Das Land kann legal keine neue Währung einführen.“ Privatpersonen, Unternehmen und Investoren im In- und Ausland wären an eine illegal eingeführte Währung nicht gebunden. Der Vorschlag sei insofern sehr kurz gedacht, sagt Siekmann: „Wenn man diese Konsequenzen bedenkt, sehe ich keinen großen Fortschritt außer vielleicht etwas Zeitgewinn.“

Gibt es Beispiele für derartige Parallelwährungen?

De facto habe es in erheblichem Umfang im Sozialismus westliche Währungen als Parallelwährungen gegeben, zum Teil sogar offiziell anerkannt, sagt Ökonom Siekmann. Auch kleinere Länder hätten fremde Währungen ohne formelle Absprache übernommen, etwa Balkanstaaten den Euro. In Zeiten der Hyperinflation habe man immer wieder wie 1923 in Deutschland auch mit US-Dollar bezahlen können. Und immer wenn Kalifornien in Zahlungsschwierigkeiten geriet, wurden dort Schuldscheine ausgegeben.

Die Weltbank mit ihren über 9000 Experten hat viel zu bieten, wenn es um die Unterstützung von Reformen von Problemländern geht. Nach ihrer Gründung im Jahre 1944 war der wirtschaftliche Wiederaufbau in vielen Ländern nach dem Zweiten Weltkrieg eine ihrer Kernaufgaben. Allerdings bildete sich in den folgenden Jahrzehnten mehr und mehr eine klare Aufgabenteilung zwischen den Zwillingen Weltbank und Internationalem Währungsfonds (IWF) heraus: die Weltbank als maßgebliche Institution für die Entwicklungshilfe und -förderung mit Schwerpunkt auf den ärmeren Staaten dieser Welt und der IWF als Helfer auch für die großen "reichen" Länder, wenn es um globale Krisen und existenzielle Gefahren für die weltweite Finanz- und Währungsstabilität ging. Nun könnte die Weltbank dem IWF als globaler Krisenberater und -überwinder Konkurrenz machen.

Kommentare (9)

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mon_y.burns@dynip.name

02.07.2012, 23:13 Uhr

[+++ Beitrag von der Redaktion gelöscht +++]

Account gelöscht!

02.07.2012, 23:38 Uhr

Nein, diskriminierend und männerfeindlich.
Sonst noch eine Mitteilung, die am Thema vorbeigeht ? ;-)

Account gelöscht!

02.07.2012, 23:49 Uhr

So lange es auch nur einen griechischen Millionär gibt, gibt es keinen Grund auch nur einen Euro Kredit zu geben. Das gleiche gilt für Spanien und Italien.

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