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17.05.2016

14:08 Uhr

Glyphosat

Streit um das berühmteste Pflanzenschutzmittel der Welt

Knapp 40 Prozent aller deutschen Anbauflächen werden mit Glyphosat besprüht. Doch was ist das überhaupt? Und warum wird das Mittel so großflächig eingesetzt? Die wichtigsten Fragen und Antworten zum Thema.

Glyphosat umstritten

Experten uneinig: Ist das Schutzmittel krebserregend oder nicht?

Glyphosat umstritten: Experten uneinig: Ist das Schutzmittel krebserregend oder nicht?

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BerlinVertreter der EU-Mitgliedstaaten sollen noch diese Woche darüber entscheiden, ob die Zulassung für das umstrittene Pflanzenschutzmittel Glyphosat in Europa verlängert wird. Die Abstimmung stand ursprünglich schon im März auf der Tagesordnung, war aber noch einmal vertagt worden. Bislang ist offen, wie sich die Bundesregierung verhält.

Was ist Glyphosat?

Glyphosat ist ein chemischer Wirkstoff in unterschiedlichen Pflanzenschutzmitteln und dient als sogenanntes Herbizid der Unkrautvernichtung. Es kommt weltweit zum Einsatz und wird unter verschiedenen Namen von verschiedenen Firmen vermarktet. Es gilt als eines der weltweit meistverkauften Pflanzenschutzmittel. Die Zulassung von Glyphosat in der EU läuft Ende Juni ab. Daher muss über die weitere Zulassung entschieden werden.

Wie und warum wird das Mittel eingesetzt?

Glyphosathaltige Mittel sollen die Äcker von unerwünschten Unkräutern freihalten. Sie hemmen ein für das Pflanzenwachstum wichtiges Enzym. Europäische Bauern nutzen es unter anderem beim Anbau von Getreide, Raps, Wein, Oliven oder auch Zitrusfrüchten.

In Deutschland werden laut einer vor einigen Jahren veröffentlichten Studie knapp 40 Prozent aller Anbauflächen damit behandelt. Der Vorteil für Landwirte liegt auch in Zeit- und Kostenersparnissen: Felder müssen nicht mehr umgepflügt werden. Hersteller und Bauern verweisen daher auch darauf, dass Glyphosat der Bodenerosion entgegenwirkt.

Warum gibt es Streit?

Der Streit dreht sich um mögliche Gesundheitsgefahren. Kritiker warnen, dass Glyphosat krebserregend sein könnte. Das Thema ist Teil einer größeren und teilweise emotional geführten Debatte um einen Kurswechsel weg von der industriellen Landwirtschaft.

Glyphosat - Wie gefährlich ist das Pflanzengift?

Was ist Glyphosat?

Glyphosat ist ein chemischer Wirkstoff in Pflanzenschutzmitteln (Pestiziden) und dient der Unkrautvernichtung. Glyphosat kommt weltweit zum Einsatz und wird unter verschiedenen Namen von verschiedenen Firmen vermarktet. Der US-Konzern Monsanto hat Glyphosat in den 70er Jahren zum Pestizid entwickelt.

Warum wird das Mittel so großflächig eingesetzt?

In Europa wird das Mittel beim Anbau von Getreide, Raps, Wein, Oliven und Zitrusfrüchten angewandt, vor allem nach der Ernte. In Deutschland etwa werden 87 Prozent aller Rapsanbauflächen nach der Ernte mit Glyphosat behandelt. Das spart nach Angaben der Hersteller Zeit, Energie und Kosten, weil ein Acker oft nicht mehr umgepflügt werden muss. Ohne das Mittel würden sich die Ernteerträge einiger Pflanzen in Deutschland um fünf bis 40 Prozent verringern, erklärt die Arbeitsgemeinschaft Glyphosat.

Warum gibt es Streit?

Der Streit dreht sich um vor allem um mögliche Gesundheitsgefahren des Mittels. Strittig sind nicht nur die Ergebnisse verschiedener Berichte und Studien, sondern die wissenschaftliche Herangehensweise insgesamt, zum Beispiel wann eine Studie glaubwürdig ist.

Welche möglichen Gefahren sind benannt worden?

Bedenken äußerte im März die Internationale Agentur für Krebsforschung (IARC): Glyphosat sei „wahrscheinlich krebserzeugend bei Menschen“, erklärte die zur Weltgesundheitsorganisation gehörende IARC.

Zu welcher Erkenntnis kommen die Behörden in Deutschland und der EU?

Aufsichtsbehörden in Deutschland und der EU kamen zu dem Schluss, dass Glyphosat keine Gefahr für die Gesundheit von Menschen darstellt. Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (Efsa) gab der EU-Kommission deshalb grünes Licht für eine erneute Zulassung von Glyphosat. Über den entsprechenden Vorschlag der Kommission werden die EU-Mitgliedstaaten nun abstimmen.

Wie kann es zu solch unterschiedlichen Einschätzungen kommen?

Darüber gibt es nur Spekulationen. Immer wieder wird behauptet, die Efsa fälle ihre Entscheidungen nicht völlig unabhängig von Industrieinteressen. Im Fall von Glyphosat fehlt dafür aber ein Nachweis.

Warum ist die Abstimmung in Brüssel geheim?

Die Entscheidung fällt in einem Fachausschusses, in dem Vertreter der EU-Mitgliedstaaten sitzen, in einem sogenannten Komitologie-Verfahren. Diese Verfahren finden immer unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Stimmt eine qualifizierte Mehrheit der Mitgliedstaaten für die Verlängerung der Zulassung von Glyphosat, ist sie beschlossen. Ist eine qualifizierte Mehrheit dagegen, darf die EU-Kommission eigenständig entscheiden, was passiert.

Eine qualifizierte Mehrheit heißt, dass über einen Verteilerschlüssel der Bevölkerungszahl der einzelnen Mitgliedstaaten Rechnung getragen wird. Deutschlands Stimme wird also viel mehr wiegen als die Stimme Maltas.

Wie wird Deutschland abstimmen?

Das ist noch nicht klar. Der Bundestag lehnte erst vor wenigen Tagen mit großer Mehrheit einen Antrag der Grünen ab, Glyphosat zu verbieten. Und Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt (CSU) hat sich dafür ausgesprochen, Glyphosat in der Landwirtschaft weiter zu verwenden. Aber aus diplomatischen Kreisen in Brüssel war bis kurz vor der Abstimmung nicht zu erfahren, wie die Position der Bundesregierung letztlich sein wird.

Zu welchem Schluss kommt die WHO?

Sehr häufig herangezogen wurde bislang ein Bericht der zur Weltgesundheitsorganisation WHO gehörenden Internationalen Agentur für Krebsforschung (IARC), die im März 2015 erklärte, Glyphosat sei „wahrscheinlich krebserzeugend bei Menschen“. Den Herstellern zufolge handelte es sich dabei jedoch nur um „theoretische Überlegungen“ ohne Bezug zu realen Verbraucherrisiken. Das bestätigte ein zweiter WHO-Bericht am Montag.

Demnach besteht über die Nahrungsaufnahme wahrscheinlich kein Krebsrisiko. WHO-Fachleute erklärten, das IARC habe sich nur damit befasst, ob Glyphosat potenziell schädlich sein könnte. Für den neuen Bericht, den Experten von WHO sowie der UN-Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation FAO gemeinsam erstellten, seien dagegen Risiken betrachtet worden, die bei Aufnahme begrenzter Mengen entstünden.

Was sagen die Behörden in Deutschland und der EU?

Aufsichtsbehörden in Deutschland und der EU kamen zu dem Schluss, dass von Glyphosat keine Gesundheitsgefahr ausgeht. Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (Efsa) gab der EU-Kommission deshalb grünes Licht für eine Zulassungsverlängerung. Umweltschützer und andere Glyphosat-Gegner behaupten, die Efsa und weitere Behörden wie das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) entschieden nicht unabhängig von Industrieinteressen. Hersteller werfen Kritikern vor, eine „Angstkampagne“ zu inszenieren.

Wie läuft das Entscheidungsverfahren?

Die Entscheidung fällt in einem Fachausschuss hinter verschlossenen Türen. Das hat nichts mit dem Thema zu tun, sondern ist bei sogenannten Komitologie-Verfahren so üblich. Für eine sofortige Glyphosat-Neuzulassung ist dabei eine qualifizierte Mehrheit nötig. Das sind 55 Prozent der Mitgliedstaaten, die gleichzeitig mindestens 65 Prozent der EU-Bevölkerung repräsentieren. Lehnt eine qualifizierte Mehrheit die Neuzulassung ab, muss die EU-Kommission einen neuen Vorschlag machen.

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Im Juni läuft die Genehmigung für Glyphosat aus. Brüssel will die Zulassung des umstrittenen Pestizids um neun Jahre verlängern. Doch wegen des Widerstands der SPD steht die Wiederzulassung auf der Kippe.

Wie wird Deutschland abstimmen?

Das ist bislang unklar; innerhalb der Berliner Regierungskoalition gibt es heftigen Streit. Während Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt (CSU) die Zulassung verlängern will, sind die SPD-geführten Ministerien strikt dagegen. Unter solchen Umständen müsste sich Deutschland bei der Abstimmung der Stimme enthalten.

Von

afp

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