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16.10.2012

14:36 Uhr

Grenzkonflikt

Türkei spielt im Syrien-Konflikt volles Risiko

Syrien hat eine Grenzbrücke mit Minen versehen, die Türkei hat daraufhin das Gebiet gesperrt. Die Fronten verhärten sich weiter. Doch die Türkei weiß: In einen handfesten Krieg darf sie sich nicht verwickeln lassen.

Ein armenisches Flugzeug wird am Erzurum Airport im Osten der Türkei kontrolliert. dapd

Ein armenisches Flugzeug wird am Erzurum Airport im Osten der Türkei kontrolliert.

IstanbulMinen, Stacheldraht, Warnschilder: Der Zustand der „Freundschaftbrücke“ zwischen der Türkei und Syrien zeigt alles andere als gutnachbarliche Beziehungen. Syrische Regimetruppen haben das etwa zehn Meter lange Betonbauwerk über das Flüsschen Asi mit Sprengsätzen präpariert, um den Übergang für Rebellenkämpfer zu blockieren. Die türkische Armee erklärte die Brücke daraufhin zum Sperrgebiet, berichtete die türkische Nachrichtenagentur Anadolu.

Chronologie – der Konflikt zwischen Türkei und Syrien

6. Juni 2011

Der Flüchtlingsstrom aus Syrien in die Türkei setzt ein. Ankaras Regierungschef Recep Tayyip Erdogan verspricht den Flüchtlingen eine offene Grenze. Zehn Tage später sind bereits fast 10 000 Syrer in türkischen Lagern.

12. November

Anhänger von Machthaber Baschar al-Assad attackieren die türkische Botschaft in Damaskus.

16. März 2012

Die Türkei ruft ihre Bürger auf, Syrien wegen der Gewalt zu verlassen. Am 26. März schließt Ankara die Botschaft in Damaskus.

9. April

Syrische Truppen feuern über die Grenze hinweg auf das Flüchtlingslager Kilis. Zwei Syrer und zwei Türken werden verletzt. Ankara verstärkt die Truppen an der Grenze und warnt vor weiteren Angriffen. In türkischen Lagern leben rund 25 000 Syrer.

30. Mai

Als Reaktion auf das Massaker an Zivilisten im syrischen Al-Hula weist die Türkei alle syrischen Diplomaten aus Ankara aus.

22. Juni

Syrien schießt vor der Küste einen türkischen Militärjet ab. Beide Piloten sterben. Das Flugzeug war nach syrischen Angaben in den Luftraum des Landes eingedrungen.

26. Juni

Der türkische Ministerpräsident Erdogan sagt in einer vom Fernsehen übertragene Ansprache: „Bis sich das syrische Volk von diesem Diktator (Baschar al-Assad) mit blutbefleckten Händen befreit hat, wird die Türkei ihm (dem Volk) jede Art von Unterstützung zuteilwerden lassen.“

28. Juni

Ankara stationiert Raketenabwehrsysteme und Militärfahrzeuge an der Grenze.

6. Juni 201130. Juni

Die türkische Armee lässt Kampfjets gegen syrische Hubschrauber aufsteigen, die sich der Grenze näherten.

20. August

Wegen der schnell steigenden Zahl syrischer Flüchtlinge fordert die Türkei Schutzzonen auf syrischem Boden. Die türkischen Lager könnten nicht mehr als 100 000 Menschen aufnehmen. 70 000 sind bereits in die Türkei geflüchtet, tausende warten tagelang auf der syrischen Seite der Grenze auf die Einreise in die Türkei.

18. September

Bei Kämpfen syrischer Regierungstruppen mit Rebellen werden in dem türkischen Grenzdorf Akcakale mehrere Menschen durch Schüsse aus Syrien verletzt.

3. Oktober

In Akcakale schlagen mindestens drei aus Syrien abgefeuerte Granaten ein. Eine Mutter und ihre vier Kinder sterben. Wenig später greift die türkische Armee erstmals Ziele im Nachbarland an. In den folgenden Tagen schlagen im Grenzgebiet immer wieder Granaten aus Syrien ein, die Türkei feuert zurück.

4. Oktober

Das Parlament in Ankara erlaubt der Regierung für ein Jahr Einsätze auch über die Grenze hinweg. Die Türkei habe aber kein Interesse an einem Krieg mit Syrien, heißt es.

10. Oktober

Die türkische Luftwaffe zwingt ein syrisches Passagierflugzeug zur Landung in Ankara. Die Maschine war auf dem Weg von Moskau nach Damaskus. Es seien Teile von Raketensystemen und Kommunikationsausrüstung an Bord gefunden worden.

„Null Probleme mit den Nachbarstaaten“ lautet das offizielle Ziel der türkischen Diplomatie. Architekt dieser Politik ist der türkische Außenminister Ahmet Davutoglu, der dazu in seinem vor mehr als zehn Jahren veröffentlichten Buch „Strategische Tiefe“ die Blaupause geliefert hat.

Darin erläuterte er Chancen, die der Türkei aus ihrer Position zwischen Europa und Asien erwachsen können. Für die gewünschte Rolle als Regionalmacht müsse sie allerdings Konflikte mit den Nachbarländern beilegen. Zu der Denkschule gehört auch die Vorstellung eines Osmanisches Reiches, in dem die Völker der Region unter Führung aus der heutigen Türkei recht gut miteinander ausgekommen seien, bevor der Westen sich eingemischt habe.

Doch nun sind der Bürgerkrieg in Syrien und der Atomstreit mit dem Iran als dem wichtigsten Verbündeten Syriens in der Region zu Minenfeldern für die türkische Diplomatie geworden. Lange hat Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan das Morden in Syrien mit Worten scharf kritisiert. Auf Angriffe syrischer Truppen über die Grenze hinweg reagierte er mit geballter Faust in der Tasche.

Kommentare (11)

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frankfracht

16.10.2012, 14:57 Uhr

Erdogan , der die syrische Regierung kritisiert, macht seit Jahren nichts anderes..(...)
Kurden die nach Deutschland oder in die UK entkommen konnten..kennen diesen Menschenfreund. Beitrag von der Redaktion editiert. Bitte bleiben Sie sachlich.

dervolkan

16.10.2012, 15:19 Uhr

Was für Risiko, habe ich nicht verstanden. Glaubt jemand in Europa noch der Assad noch in der Macht bleibt?

Es ist komisch dass man Erdogan kiritisiert und die Augen zumacht wenn Assad 40.000 Leute in einem Jahr umbringt...

Europaglaubwasanderes

16.10.2012, 15:41 Uhr

@dervolkan
Warum erwähnen Sie nicht, dass die meisten von den 40.000 (ich habe bisher von 35 000 gelesen) entweder die Söldner selbst oder durch diese "Freiheitskämpfer" massakrierten Zivilisten sind? Aber ich befürchte, dass mit der aktiven Kriegstreiberei von Erdogan bald viele hinzukommen...

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