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19.11.2013

10:31 Uhr

Gretchenfrage in Washington

Iran-Sanktionen oder nicht?

US-Chefdiplomat Kerry glaubt, endlich einen Deal zum iranischen Atomprogramm aushandeln zu können. Doch der amerikanische Senat will die Schrauben der westlichen Sanktionen jetzt noch fester ziehen.

Die republikanischen Kongress-Abgeordnete Ileana Ros-Lehtinen aus Florida kritisiert den aktuellen Iran-Kurs der US-Regierung. dpa

Die republikanischen Kongress-Abgeordnete Ileana Ros-Lehtinen aus Florida kritisiert den aktuellen Iran-Kurs der US-Regierung.

WashingtonDas Weiße Haus tappt in eine Falle. Im endlosen Geschachere um das iranische Atomprogramm versucht Teheran, den Westen einzulullen und in eine Art politischen Hinterhalt zu locken - so jedenfalls sieht es Ileana Ros-Lehtinen. Vor der Fortsetzung der Genfer Atomverhandlungen mit dem Iran an diesem Mittwoch vertritt die Republikanerin eine klare Linie in der kniffligen Frage, ob man dem Iran im diplomatischen Prozess über den Weg trauen kann, oder mit neuen Sanktionen den Druck noch erhöhen soll.

„Verheerende und unumkehrbare Konsequenzen, die sich im Nachhinein nur schwer wieder korrigieren lassen“, prophezeit Ros-Lehtinen, wenn nicht bald eine neue Runde von Strafmaßnahmen gegen den Iran beschlossen werde. Eine Lockerung der westlichen Sanktionen hält die Vorsitzende des Auswärtigen Ausschusses im US-Abgeordnetenhaus für einen „erheblichen Fehler“. Auch gegen den Willen von Präsident Barack Obama und Außenminister John Kerry müsse der Kongress handeln, um dem „Schergen“ Hassan Ruhani - dem als gemäßigt geltenden iranischen Präsidenten - und seinen Verbündeten das Handwerk zu legen.

Es ist in den USA eine Art Gretchenfrage, ob Teherans Unterhändler im Atomkonflikt mit dem Westen nur leere Versprechungen machen. In Washington fürchten viele, statt einer tatsächliche Kehrtwende in der iranischen Atompolitik hinters Licht geführt zu werden, wie vor zehn Jahren. Damals setzte Teheran die Urananreicherung eine Weile aus und wandte Sanktionen ab. Der kleine Rückzieher aus dem Atomprogramm war ein taktischer, der Westen wurde einfach ausgetrickst.

Irans Atomanlagen

Angst vor der Bombe

Die westlichen Staaten befürchten, dass der Iran mit seinem Atomprogramm auch Bomben bauen will. Ein Überblick über die iranischen Nuklearanlagen.

Natans

In der unterirdischen Fabrik südöstlich von Teheran wird Uran schwach angereichert. Das Material wird in Atomkraftwerken für die Stromgewinnung eingesetzt.

Für den Bau einer Atombombe müsste Uran weiter auf deutlich mehr als 80 Prozent angereichert werden. Nach dem jüngsten Bericht der Internationalen Atomenergiebehörde IAEA wurde die Zahl der dazu nötigen Zentrifugen von 2600 auf 8808 erhöht.

Fordo

Erst 2009 gab Teheran die Existenz dieser lange geheim gehaltenen Anreicherungsanlage südlich von Teheran zu. Damals war sie noch nicht in Betrieb. Die Fabrik in einem Tunnelsystem auf einem früheren Militärgelände nahe Ghom hat Platz für 3000 Zentrifugen zur Urananreicherung.

Inzwischen sollen dort mehr als 100 Kilogramm auf bis zu 20 Prozent angereichertes Uran hergestellt worden sein.

Buschehr

Im September 2011 ging Irans erstes Atomkraftwerk offiziell in Betrieb. Es hat eine jahrzehntelange Vorgeschichte. Nach der islamischen Revolution 1979 zog sich die deutsche Kraftwerk Union (KWU) aus dem Bauprojekt zurück.

Später stiegen die Russen ein. Das Kraftwerk hat zwei Atomreaktoren und steht im Südwesten des Landes.

Isfahan

Im Zentrum der iranischen Atomforschung gibt es eine Anlage zur Produktion von Kernbrennstäben. Der erste iranische Brennstab wurde jüngst im Akw Buschehr eingefügt. Auch das in Zentrifugen zur Urananreicherung benötigte Hexafluoridgas wird dort hergestellt.

Arak

Den USA ist die Existenz des unfertigen Schwerwasserreaktors im Westen des Landes seit 2002 bekannt. Hier fällt potenziell Plutonium an, das für die Bombenproduktion verwendet werden könnte.

Teheran

Der kleine Leichtwasserreaktor in der Hauptstadt wurde noch zu Zeiten des 1979 gestürzten Schahs mit US-Hilfe gebaut. Er soll Material für medizinische Zwecke produzieren. Dazu benötigt er auf 20 Prozent angereichertes Uran.

Karadsch

Seit den 1990er Jahren arbeitet nahe der Hauptstadt ein Nuklearforschungszentrum, das vor allem medizinischen Zwecken dienen soll.

Parchin

Im Januar und Februar verweigerte der Iran IAEA-Inspekteuren den Zugang zur Militäranlage Parchin südöstlich von Teheran. Möglicherweise wurden dort Tests mit Atomsprengköpfen simuliert.

Doch Barack Obama hofft, kurz vor einem historischen Deal zu stehen. Deshalb wirbt der Präsident zu Hause für eine möglicherweise riskante, aber bedachte Politik der kleinen Schritte. Am Dienstag wollte er deshalb mit führenden Senatoren sprechen. Seine Hoffnung: Der Iran könnte wenigstens einen Teil seiner Urananreicherung zurückfahren und gründlichere Inspektionen seiner Anlagen zulassen. Dafür verspricht er eine Lockerung der Sanktionen, die das vorderasiatische Land inzwischen wirtschaftlich am Krückstock gehen lassen. Die Landeswährung Rial ist im Keller, vergangenes Jahr ging das Wirtschaftswachstum der islamischen Republik um fünf Prozent zurück.

Kommentare (2)

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GottliebSchwabe

19.11.2013, 11:53 Uhr

Die Weltsituation erinnert mich ein wenig an die Umstände vor 80 Jahren in Europa. Hitlerdeutschland rüstete ungeniert auf und die Welt knickte regelmässig ein, weil man lieber den Kopf in den Sand steckte. Der Iran hat ein ähnlich ideologisch motiviertes Vorgehen. Ebenso wie Hitler wird die iranische Führung von unbändigem Hass gegen Juden getrieben und rüstet mit Ölmilliarden auf. Kein Wunder, dass Netanjahu Horrorszenarien an die Wand malt. Bei der Vergangenheit würde jeder andere auch sofort die Parallelen erkennen und hellwach werden.

Hagbard_Celine

19.11.2013, 12:21 Uhr

Der einzige Staat in der Region dessen nukleraes Rüstungsprogramm völlig ausser Kontrolle ist, ist Israel.

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