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28.06.2015

07:33 Uhr

Grexit

Der schwarze Schwan

VonThomas Sigmund

Griechenlands Staatspleite, und damit das Ausscheiden aus der Euro-Zone, scheint nicht mehr abwendbar zu sein. In dem Land selbst droht nun das Chaos. Es wäre ein Wunder, wenn die Börsen ruhig blieben. Ein Kommentar.

Der Himmel über Griechenland wird dunkel: Griechenlands Staatspleite steht möglicherweise bevor. dpa

Gewitter über der Akropolis

Der Himmel über Griechenland wird dunkel: Griechenlands Staatspleite steht möglicherweise bevor.

BerlinJetzt ist es also soweit. Der Schwarze Schwan ist mitten in Europa gelandet. Was noch am Freitag für völlig unwahrscheinlich gehalten wurde, ist einen Tag später eingetreten. Griechenlands Staatspleite, und damit der Grexit, scheint nicht mehr abwendbar zu sein.

Sollte nicht doch noch ein Wunder passieren, heißt es am heutigen Sonntag die Ruhe vor dem Sturm zu genießen. Ab dem morgigen Montag wird sich dann herausstellen, ob die Euro-Zone wirklich so gut für den Grexit gerüstet ist, wie so viele Experten immer behauptet haben.

Ein geordneter Austritt Griechenlands wäre das kleinere Übel als ein Verbleib des Landes zu falschen Bedingungen, haben uns Ökonomen in den letzten Monaten immer und immer wieder erzählt. Der Bankensektor in Deutschland sei nicht mehr involviert, nur der Staat und damit der Steuerzahler müssten im Fall der Fälle haften. Was für ein Trost.

Zahlen und Fakten zu Griechenland

Bevölkerung

In Griechenland leben etwas mehr als zehn Millionen Menschen (10.816.286). Daneben leben rund 300.000 illegale Einwanderer im Land, darunter Menschen aus Bürgerkriegsländern wie dem Irak, Syrien und Libyen.

Stad, Land, Volk

Angaben der Weltbank zufolge lebten 2014 insgesamt 8.642.000 Griechen in Städten. Die überwiegende Mehrheit der Griechen lebt also in ländlichen Gebieten.

Bruttoinlandsprodukt

Das griechische Bruttoinlandsprodukt (BIP) nahm in den vergangenen Jahren stetig ab. 2013 lag es bei 182,1 Milliarden Euro, Schätzungen zufolge liegt das BIP 2014 bei 181,9 und 2015 Schätzungen zufolge bei 187,9 Milliarden Euro.

Arbeitslosenquote

Die Arbeitslosenquote steigt in Griechenland seit Beginn der Krise stetig an. Während 2008 lediglich 7,2 Prozent der arbeitenden Bevölkerung ohne Beschäftigung waren, stieg der Anteil der Arbeitslosen über 17,65 Prozent in 2011 bis auf 27,25 Prozent 2013 der griechischen Gesamtbevölkerung an.

Pro-Kopf-Verschuldung

2006 war jeder Grieche durchschnittlich mit 20.272,02 Euro verschuldet. Dieser Wert erreichte seinen Zenit mit 32.000,49 Euro in 2011. Zwei Jahre später lag die Pro-Kopf-Verschuldung bei 28.848,16 Euro.

Durchschnittsalter

Das Durchschnittsalter der griechischen Bevölkerung liegt 2015 bei 43,5 Jahren.

Die Kanzlerin hat diesen einschläfernden Prognosen der Ökonomen und selbsternannten Experten nie wirklich getraut. Zu simpel klang das für die Physikerin, die Wert darauf legt, das Ende immer mitzudenken.

Die hektische Nervosität in den europäischen Hauptstädten am Samstag gibt schon mal einen Vorgeschmack darauf, wie sich die Stimmung in der Euro-Zone verändern wird. Ein Austritt Athens wirkt für manche offenbar wie eine Sprengladung, die noch mehr als ein Land in den Abgrund reißen könnte.

Angela Merkel wurde deshalb auch nicht müde, immer wieder zu betonen: Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg. Doch wo eben kein Wille ist, ist auch für die Krisenkanzlerin kein Weg. Sie hat fünf Jahre für die Stabilität Griechenlands gekämpft, in fünf Monaten hat diese Arbeit der griechische Ministerpräsident Alexis Tsipras zunichtegemacht. Ein trauriger Rekord.

In Griechenland droht nun das Chaos. Es wäre zudem ein Wunder, wenn die Börsen ruhig blieben. Und Merkel und ihr Bundesfinanzminister müssen den Bürgern erklären, warum sie Milliarden in ein Land gepumpt haben, das sich nicht helfen lassen will. Montag wird auch ein Tag der Schuldzuweisungen.

Tage der Entscheidung

Wieviel Zeit für eine Einigung bleibt noch?

Nur wenige Tage. Die Zeit werde „sehr, sehr knapp“, sagte Kanzlerin Angela Merkel (CDU) beim Gipfel in Brüssel. Ohne eine Lösung läuft das schon zweimal verlängerte Hilfsprogramm der Europäer am Dienstag, dem 30. Juni, um 24.00 Uhr, aus. Am 30. Juni muss Athen aber auch 1,6 Milliarden Euro an den Internationalen Währungsfonds (IWF) zurückzahlen. Gibt es keine Einigung, verfallen die noch nicht ausgezahlten Milliarden-Hilfen - etwa die Hälfte der blockierten 7,2 Milliarden kommt von den Europäern. Aber auch der IWF, dessen Programm bis Ende März 2016 läuft, dürfte dann kein Geld mehr auszahlen. Und hier liegen noch etwa 14 Milliarden Euro auf Eis.

Wie sehen die weiteren Schritte aus?

Zunächst müssen sich die Geldgeberinstitutionen aus EU-Kommission, Europäischer Zentralbank (EZB) und IWF mit der griechischen Regierung einigen. Hier gibt es noch Differenzen, insbesondere zu Steuermaßnahmen und in der Rentenpolitik. Für ein Gesamtpaket muss Athen auch eine Liste wichtiger Vorrangmaßnahmen („prior actions“) vorlegen. Auch muss durchgerechnet werden, dass die geplanten Reform- und Sparmaßnahmen dazu führen, dass mittelfristig die Schuldenlast Griechenlands auf ein „tragfähiges“ Niveau gesenkt wird, damit Athen sich irgendwann wieder selbst finanzieren kann.

Alles oder nichts also beim Treffen der Euro-Finanzminister?

„Das wird ein entscheidendes Treffen sein“, sagte der Sprecher des Finanzministeriums, Martin Jäger vor der Runde. Wenn sich die drei Institutionen und Athen auf ein Ergebnis verständigt haben, entscheiden die Euro-Finanzminister. Die Staats- und Regierungschefs seien „politisch begleitend“ tätig, sagte Vize-Regierungssprecherin Christiane Wirtz. Das Wesentliche und Konkrete sei Sache der Geldgeber-Institutionen und der Finanzminister. Dass sich nach der Ministerrunde noch einmal die Staats- und Regierungschefs mit dem Ergebnis beschäftigen müssen, ist rechtlich nicht erforderlich.

Ist es dann mit dem Votum der Euro-Gruppe getan?

Nein. Vor einer Auszahlung der bisher blockierten Restgelder bis zum 30. Juni und vor einem Votum der Parlamente auch anderer Euro-Länder muss das griechische Parlament dem Paket noch zustimmen. Bis Mittwoch müsste auch der Bundestag entscheiden. Angesichts der erwarteten Änderungen am laufenden Hilfsprogramm muss das gesamte Plenum abstimmen und nicht nur der Haushaltsausschuss. Der Antrag dafür käme wiederum von Finanzminister Wolfgang Schäuble (CDU).

Kann das Hilfsprogramm nicht nochmals verlängert werden?

Durchaus, aber dazu muss es zuvor eine grundsätzliche Einigung mit Griechenland geben. Nach Angaben aus Diplomatenkreisen haben die Geldgeber eine Verlängerung des europäischen Hilfsprogramms um fünf Monate bis Ende November vorgeschlagen. Insgesamt sollten Athen in diesem Zeitraum 15,5 Milliarden Euro zur Verfügung gestellt werden; diese Gelder stammen aus dem bisherigen Programm. Da Athen nicht auch noch die Vorrangmaßnahmen („prior actions“) rechtzeitig auf den Weg bringen und beschließen kann, soll es eine Verlängerung geben.

Ginge damit zusätzliches Geld einher?

Nein. Es geht um Geld aus den bestehenden Programmen. Unter anderem sind beim Rettungsfonds EFSF 10,9 Milliarden Euro zur Stabilisierung griechischer Banken reserviert. Die könnten umgewidmet werden.

Kommentare (1)

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Frau Kerstin Eversmeyer

29.06.2015, 08:17 Uhr

Nun war ich drauf und dran das Handelsblatt zu abonnieren nach Ablauf des Schnupper-Abos und dann so etwas - ein Kommentar geschrieben in der Dramaturgie eines Arztromans und dann auch noch vom Resortleiter Politik. Griechenland hätte auf Grund seiner wirtschaftlichen Schwäche niemals in den Euro gehört - das hatte auch Theo Waigel bereits seinem griechischen Amtskollegen dereinst mitgeteilt - nun haben sich aber die korrupten griechischen Eliten dereinst mit Hilfe von Goldman Sachs, den Bilanzschönungsexperten von der Wall Street den Zutritt verschafft. Schon als diese Nummer aufflog hätte Griechenland den Euro wieder verlassen müssen, statt dessen haben unsere EU-Politideologen in Brüssel und Berlin jede Menge gutes Steuerzahlergeld dem versenkten schlechten Geld hinterher geworfen und mit dieser Insolvenzverschleppung erst eine größere Nummer daraus generiert. Da kommt eine dahergelaufene linke Regierung, die sich erdreistet im Mutterland der Demokratie das Volk zu befragen doch grade recht, um als Sündenbock zu dienen, dem man alle Schuld für die Geldverluste der eigenen Politik anheften kann, damit man im eigenen Volk nicht in Ungnade fällt. Ihre Lobhudelei für unsere Kanzlerin empfinde ich als unangebracht und beschämend und ich sinniere über die Beweggründe nach, welche einen Resortleiter Politik zu einer derartigen Werbeschalte veranlassen. Ich fürchte Hr. Sigmund, wenn sich die Leser dieses Blattes so leicht für dumm verkaufen lassen, gebe ich mein Geld doch lieber für ein anderes Informationsportal aus, welches dieser Begrifflichkeit mehr Ehre erweist.

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