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20.02.2015

19:44 Uhr

Griechenland am Abgrund

„Es wird in letzter Minute gut gehen“

VonGerd Höhler

Die Stimmung in Athen schwankt zwischen Hoffen und Bangen. Die Blicke richten sich nicht nur nach Brüssel zum Treffen der Euro-Finanzminister, sondern auch nach Berlin. Dort, glauben viele, wird wirklich entschieden.

Vor dem Treffen der Euro-Gruppe

"Es geht nicht um einzelne Länder - es geht um Europa!"

Vor dem Treffen der Euro-Gruppe: "Es geht nicht um einzelne Länder - es geht um Europa!"

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Athen„Mach doch mal das Radio an“, sagt Evanthia zu ihrer Tochter, die gerade einen Knopf annäht. „Wir wissen ja gar nicht, was draußen vor sich geht – vielleicht haben sie uns den Euro schon abgenommen“.

Auch in der kleinen Änderungsschneiderei im Athener Küstenvorort Glyfada drehen sich die Gedanken an diesem Freitagmorgen um die große Politik. Es ist ein Schicksalstag für die Griechen. Ein Tag, der über die Zukunft des Landes entscheiden könnte – oder doch zumindest darüber, in welcher Währung die Griechen in Zukunft bezahlen und bezahlt werden. Die Stimmung der Menschen schwankt zwischen Hoffen und Bangen. „Ich glaube, es wird in letzter Minute gut gehen und einen Kompromiss geben“, sagt die Schneiderin Evanthia. Aber das klingt mehr nach Wunsch als nach Gewissheit.

Die nächsten Stationen im griechischen Schuldendrama

27. Februar

Genau drei Jahre, nachdem der Bundestag dafür gestimmt hatte, ein zweites Hilfsprogramm für Griechenland aufzulegen, haben die Abgeordneten dieses um vier Monate verlängert. Damit soll Athen mehr Zeit bekommen, die Auflagen umzusetzen, damit noch nicht ausgezahltes Geld aus den Hilfstöpfen fließen kann. Das geschieht aber nicht sofort.

28. Februar

Um Mitternacht wäre das geltende Hilfsprogramm ausgelaufen.

Ende April

Bis dahin sollen Athen und die Troika aus EU-Kommission, Europäischer Zentralbank (EZB) und Internationalem Währungsfonds (IWF) die bislang nur grob vereinbarten Reformvorhaben weiter ausarbeiten und mit konkreten Zahlen unterlegen. Sind alle einverstanden, kann Geld ausgezahlt werden. Dafür ist auch die Zustimmung des Haushaltsausschusses des Bundestags nötig.

Wie viele Euro Griechenland noch zustehen, ist nicht ganz klar. Da ist zum einen die noch ausstehende Tranche aus dem Hilfsprogramm von 1,8 Milliarden Euro. Außerdem liegen rund 1,9 Milliarden Euro aus Gewinnen der EZB mit griechischen Staatsanleihen bereit. Einschließlich weiterer Mittel des IWF hofft Athen auf eine Summe von 7,2 Milliarden Euro.

30. Juni

An diesem Tag läuft das nun verlängerte zweite Hilfsprogramm aus. Viele Fachleute und Finanzpolitiker gehen davon aus, dass anschließend ein drittes Hilfspaket für Griechenland nötig sein wird. Auch Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) hat dies nie ausgeschlossen. Ob und in welcher Höhe ein solches Programm kommt, dürfte für neue harte Debatten sorgen.

20. Juli

Griechenland muss Schulden in Höhe von 3,5 Milliarden Euro an die EZB zurückzahlen. Analysten zufolge dürfte Athen bis zu diesem Termin finanziell über die Runden kommen. Danach wäre das Land aber vermutlich auf weitere Hilfe angewiesen, um den Staatsbankrott zu verhindern.

20. August

Weitere 3,2 Milliarden Euro an die EZB werden fällig.

Die Zeit läuft den Griechen davon. Wenn sich die Athener Regierung nicht bis Ende Februar auf eine Verlängerung des auslaufenden Hilfsprogramms oder auf ein Anschlussprogramm einigt, schließt sich der Schutzschirm für Griechenland. Dann hängt das Land am 1. März in der Luft. Das könnte bedeuten, dass innerhalb weniger Wochen der Regierung das Geld ausgeht. Der Abschied vom Euro und die Rückkehr zur Drachme wären die wahrscheinliche Folge.

Die Blicke richten sich jetzt nicht nur nach Brüssel, wo am Freitagnachmittag die Finanzminister der Eurogruppe zusammenkommen. Die Griechen schauen auch nach Berlin. Denn dort, so glauben viele, wird in Wirklichkeit über ihr Schicksal entschieden.

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Ökonomen behaupten, ein Grexit sei verkraftbar. Doch sie verkennen, dass sich dann der Charakter der Währungsunion grundlegend verändern würde: Sie wäre plötzlich ein Klub auf Zeit. Der Handelsblatt-Leitartikel.

Dieser lange gehegte Verdacht wurde am Donnerstag für viele zur Gewissheit. Kaum hatte Eurogruppenchef Jeroen Dijsselbloem am Vormittag über Twitter den Eingang des griechischen Antrags auf Verlängerung des Hilfsprogramms gemeldet, preschte Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble vor und wies durch seinen Sprecher den Brief aus Athen als unzureichend ab.

Gut war das Klima zwischen Griechen und Deutschen noch nie seit Beginn der Krise. Die meisten Griechen sehen die Bundesregierung als die treibende Kraft hinter dem, was sie als „Spardiktat“ empfinden. Dass lange Zeit in der verhassten Troika gleich zwei Deutsche waren – kein Zufall, glauben viele Griechen.

Alexis Tsipras, der in Athen seit knapp vier Wochen regiert, bezeichnete Kanzlerin Angela Merkel im Wahlkampf als „gefährlichste Politikerin Europas“. Merkel habe in Griechenland eine „humanitäre Katastrophe“ angerichtet und spiele „Poker mit dem Leben der Griechen“. Frostiger konnte das Klima kaum werden. Aber seit Schäuble am Donnerstag die Athener Regierung barsch abblitzen ließ, hat es einen neuen Tiefpunkt erreicht.

Kommentare (30)

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Frau Ute Umlauf

20.02.2015, 14:06 Uhr

Beitrag von der Redaktion gelöscht. Bitte bleiben Sie sachlich.

Herr Paul Kersey

20.02.2015, 14:17 Uhr

Beitrag von der Redaktion gelöscht. Bitte achten Sie auf unsere Netiquette: „Nicht persönlich werden“ http://www.handelsblatt.com/netiquette

Herr Markus Bullowski

20.02.2015, 14:22 Uhr

Das Verhalten der griechischen Bürger ist absolut verständlich - wer von uns würde wohl nicht zur Bank rennen, wenn das Risiko bestünde, die Früchte jahrelanger Arbeit über Nacht zu verlieren? Daher bitte kein Shitstorm gegen die Bürger dort.

Gesamtwirtschaftlich ist es natürlich was anderes - da muss Griechenland vor allem wettbewerbsfähig werden. Das braucht erstens eine stabile politische Situation und zweitens niedrigere Preise. Da wäre die Drachme wohl wirklich das Beste.

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