Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

20.02.2012

12:50 Uhr

Griechenland-Anleihen

EZB-Tauschaktion bringt Portugal in Bedrängnis

Die EZB hat am Freitag ihre Griechen-Anleihen umgetauscht. Damit will sie sich einen Sonderstatus sichern, falls es zu einem erzwungenen Schuldenschnitt kommt. Ökonomen fürchten, dass dies anderen Krisenländern schadet.

Menschen aus Spanien, Italien, Portugal und Griechenland halten ihre jeweiligen Landesfahnen vor dem Sitz der Europäischen Zentralbank (EZB) in Frankfurt. dpa

Menschen aus Spanien, Italien, Portugal und Griechenland halten ihre jeweiligen Landesfahnen vor dem Sitz der Europäischen Zentralbank (EZB) in Frankfurt.

Frankfurt/DüsseldorfÖkonomen befürchten, dass der Tausch griechischer Anleihen aus dem Bestand der EZB anderen Euro-Krisenländern schaden könnte. Am Freitag hatte die EZB in einer überraschenden Aktion ihre griechischen Anleihen gegen neue Anleihen mit gleichen Konditionen, aber neuer Kennnummer getauscht.

Durch den Anleihetausch umgeht die EZB die Gefahr von Verlusten, falls Griechenland seine alten Gläubiger per Gesetz zu einer Umschuldung zwingt. Nach den bisherigen Planungen soll der Schuldenschnitt freiwillig erfolgen. Wenn jedoch nicht genügend Gläubiger mitmachen, könnte Athen die Gläubiger durch eine nachträgliche Änderung der Anleihebedingungen zu einer Teilnahme zwingen.

Krisenglossar: Was das Kauderwelsch bedeutet

PSI (Private Sector Involvement)

Die Beteiligung privater Gläubiger wie Banken und Fonds an den Rettungskosten. Von Kanzlerin Angela Merkel und dem französischen Staatspräsidenten Nicolas Sarkozy im Herbst 2011 beschlossen, ist PSI eine der umstrittensten Maßnahmen. Denn auf die zu erwartenden Verluste aus dem Kreditgeschäft mit Wackelkandidaten reagierte der Privatsektor mit immer höheren Zinsen. Im Falle Griechenlands sollen Banken und Fonds auf mehr als 70 Prozent verzichten, oder gut 100 Milliarden Euro des an Athen verliehenen Geldes. Der Markt scheint noch nicht ganz überzeugt, dass Griechenland ein Einzelfall bleibt. Auch Portugal kommt nur zu hohen Kosten an frisches Geld. Fraglich ist auch, ob der Beitrag des Privatsektors zur Rettung Athens reicht.

OSI (Official Sector Involvement)

Die Beteiligung des öffentlichen Sektors, also der Euro-Partner und der Europäischen Zentralbank, am Schuldenerlass. Für Experten wie Guntram Wolff vom Thinktank Bruegel ist das notwendig, damit Athen ausreichend Luft für den Wiederaufbau hat. Deutschland müsste nach den Berechnungen Wolffs auf 30 Milliarden Euro verzichten. Der Grund: Insgesamt hat Griechenland mehr als 350 Milliarden Euro Schulden. Ohne Erlass durch den öffentlichen Sektor bliebe die Schuldenlast bei 250 Milliarden Euro - und damit untragbar. Bisher beteuern Berlin und die EZB, dass eine Beteiligung am Verzicht nicht infrage komme. Denn das verstoße gegen das Verbot, Staatsschulden mit der Notenpresse zu bedienen. Aber die Tabuisierung des öffentlichen Verzichtes erinnert an den Beginn der Krise. Damals verweigerte Merkel Notkredite für Pleitestaaten, weil diese ein Bruch des EU-Vertrages seien. Inzwischen hängen neben Griechenland auch Irland und Portugal am Eurotropf.

DSA (Debt Sustainability Analysis)

Die Schuldentragfähigkeitsanalyse der Troika. In dem Bericht ist das katastrophale Ausmaß der griechischen Finanz- und Wirtschaftsnot festgehalten. Er enthält überdies die Schlüsselgleichung für die erhoffte Rettung. Bis 2020 muss die Gesamtverschuldung der Hellenen von mehr als 160 auf 120 Prozent der jährlichen Wirtschaftsleistung gesenkt werden, damit der Internationale Währungsfonds (IWF) eine Chance für Athen sieht - und bei der Rettung mitmacht. Zwar wird der aktuelle Bericht noch unter Verschluss gehalten. Die entscheidende Zahl ist aber durchgesickert: Ohne Nachbesserung des im Oktober zugesagten Hilfspaketes von 130 Milliarden Euro würde Athens Gesamtverschuldung auch 2020 noch bei 129 Prozent des BIP liegen. Also müssen entweder die Euroländer mehr Geld geben oder sich an dem Schuldenerlass beteiligen. Oder der Privatsektor muss noch stärker bluten. Oder es wird die endgültige Pleite Athens riskiert.

SD (Selective Default)

Die Teilpleite Athens scheint schon nicht mehr abzuwenden zu sein. Dazu kommt es, wenn sich nicht genug Banken, Fonds und Versicherungen an dem freiwilligen Schuldenerlass für Athen beteiligen. Damit die Rechnung auch nur ansatzweise aufgehen kann, müssten 90 Prozent der Institute mitmachen. Vor allem Hedgefonds sind dazu aber nicht bereit, sie pochen auf die Begleichung der gesamten Schuld. Scheitert der freiwillige Schnitt, dann wird die Regierung in Athen ihre Anleihenverträge rückwirkend um sogenannte Collective Action Clauses (CACs) ergänzen. Dann bräuchte Athen nur die Hälfte seiner Privatgläubiger für einen Erlass gewinnen - die übrigen 50 Prozent könnten dann gezwungen werden. Das würde von den Ratingagenturen als Teilpeite eingestuft. Das Risiko: Fonds und Geldhäuser, die ihre Griechenland-Papiere gegen eine Pleite abgesichert haben, können sich diese Versicherungen (CDS) auszahlen lassen. Das könnte zahlreiche Versicherer in Not bringen und die Finanzmärkte destabilisieren.

PA (Prior Action)

Zu diesen „vordringlichen Maßnahmen“ hat die Eurogruppe die Hellenen gezwungen um sicherzustellen, dass das Land endlich seine Reformen auch durchsetzt. Das Sparpaket hat ein Volumen von drei Milliarden Euro. Neben Kürzungen umfasst es auch rund 30 Strukturmaßnahmen. Zentral dabei ist eine Steuerreform, die die Steuerflucht eindämmen und höhere Einkommensschichten stärker belasten soll. Dazu gehört auch eine Arbeitsmarktreform. Der Großteil der Aufgaben soll in den kommenden Wochen gesetzlich verankert werden. Die Auszahlung der neuen Notkredite wird daran geknüpft.

Treuhandkonto

Die griechische Regierung muss ein Sperrkonto einrichten. Darauf sollen Staatseinnahmen fließen, um die Schulden zu begleichen. Nicht nur die Griechen selbst haben sich gegen den deutschen Vorschlag gesperrt, weil er ihre Haushaltssouveränität massiv einschränkt. Auch die EU-Kommission und der IWF waren dagegen. In den Verhandlungen konnte Berlin seine Vorstellungen nicht ganz durchsetzen. Ob auf das Konto auch Steuereinnahmen der Griechen fließen sollen, blieb bis zum Montag offen. Die noch weitergehende Forderung von Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble, Athen einen Sparkommissar mit Haushaltshoheit vor die Nase zu setzen, ist vom Tisch.

EFSF 3.0, ESBPF

Auch die Konstruktion der Euro-Rettungsschirme wird immer komplizierter. Die vor anderthalb Jahren eingerichtete Europäische Finanzstabilisierungsfaszilität mit einer Ausleihsumme von 440 Milliarden Euro wurde gerade mit einem ersten Hebel ausgestattet, er trägt den wenig eingängigen Namen European Sovereign Bond Protection Facility (ESBPF). Gemeint ist eine Teilkaskoversicherung für Staatsanleihen. Wer künftig Anleihen von Wackelkandidaten kauft, kann sich den Ausfall zu 20 bis 30 Prozent vom EFSF absichern lassen. Damit sollen die Nachfrage gesteigert und so die Zinsen gesenkt werden.

ESM

Der dauerhafte Europäische Stabilitätsmechanismus wird im Juli eingerichtet und kann Pleitestaaten mit 500 Milliarden Euro unter die Arme greifen. Im März soll geprüft werden, ob er durch die verbliebenen 250 Milliarden Euro im EFSF aufgestockt wird - auf eine Feuerkraft von dann 750 Milliarden Euro. Deutschland sieht dazu aber wegen der zuletzt gesunkenen Zinsen keine Notwendigkeit.

Quelle: dapd

Eine zwangsweise Beteiligung könnte durch die rückwirkende Einführung von Umschuldungsklauseln erfolgen. Dann müssten - je nach Ausformulierung - 50 Prozent der Anleiheeigner für einen Schuldenschnitt stimmen, um alle Eigner zur Teilnahme zu zwingen.

Durch den Tausch ihrer Anleihen sichert sich die EZB hiergegen ab und bekommt einen Sonderstatus: Ihre Griechenlandanleihen können bei einem Schuldenschnitt außen vor bleiben.

Viele Ökonomen halten diesen Sonderstatus für problematisch. Schließlich hält die EZB auch größere Bestände von Anleihen anderer Euro-Krisenländer. Wenn die EZB mit ihren Griechenlandanleihen gegenüber anderen Gläubigern bevorzugt wird, könnten Anleger dies auch in anderen Fällen erwarten.

„Ich denke, dass die Aktion dazu führt, dass der Markt die EZB in Zukunft als vorrangigen Kreditgeber, ähnlich wie den IWF, sehen wird“, sagte der Chefvolkswirt der Deutschen Bank, Thomas Mayer. „Damit hätten wir dann drei Institutionen, die diesen Status haben: IWF, EZB und künftig der ESM.“ Das werde die Risikoprämien von Ländern erhöhen, die in den Genuss von Krediten dieser Institutionen gekommen sind oder noch kommen.

Auch der Direktor des Brüsseler Forschungsinstituts Center for European Policy Studies, Daniel Gros, kritisierte den Umtausch: „Die EZB hat aus engstirnigen juristischen Bedenken heraus einen großen Fehler begangen.“ Er fürchtet, dass dies negative Auswirkungen auf andere Euro-Krisenländer haben könnte. „Die Lage wird jetzt vor allem für Portugal schwierig“. sagt er. „Das Misstrauen der Märkte gegenüber den Anleihen der Peripherieländer wird wieder wachsen. Die Portugiesen sind damit so ziemlich von den Anleihemärkten abgeschnitten“, so Gros.

Kommentare (17)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

Badger

20.02.2012, 13:17 Uhr

An die Redaktion: Bei der Zusammenstellung des Krisenglossars ist Ihnen ein Fehler unterlaufen. DSA bedeutet nicht Depth Sustainability Analysis, sondern Debt Sustainability Analysis.

P17

20.02.2012, 13:24 Uhr

I had a dream: 6. 4. 2012 - 6:30 Uhr, mein Radiowecker meldete sich und statt Musik hörte..

ich von einer aufdringlichen Stimme wiederholt: "Achtung, aus wichtigem Anlaß unterbrechen wir für eine Sondermeldung, bleiben Sie am Apparat ..." Halbwegs wach, hörte ich den Sprecher sagen: "Die Bundesregierung gibt bekannt, Deutschland ist aus der EURO-Währungszone ausgetreten und zur DM zurückkehrt. Alle EURO-Scheine mit dem "X" vor der Seriennummer (steht für D) werden ab sofort als "NEW DM" geführt - alle Scheine mit anderen Buchstaben, z.B. "Y" = Griechenland oder "S" = Italien, sind im Inland nicht mehr gültig. Sie können zu einem späteren Zeitpunkt zu dem dann aktuellen Umtauschkurs bei den Banken in NEW DM getauscht werden. Um Panikreaktionen vorzubeugen, sind alle Banken bis einschl.13. April geschlossen...!" Fazit: Besser man besitzt nur noch EURO-Scheine mit dem "X" vor der Nummer. Das "X" steht für D und wird die "NEW DM" sein. Die kann ratz-fatz über Nacht kommen, ohne das neue Scheine gedruckt werden müssen. Die eigentliche "NEW DM-Noten" werden dann später gedruckt.

denk.mal

20.02.2012, 13:37 Uhr

Immer wieder eine lustige Vorstellung, aber wenn Sie mich fragen, wird es anders kommen.

1. Deutschland wird nicht 2012 aus der Eurozone ausscheiden, sondern irgendwann ein paar Jahre später, wenn es sich durch den Schritt nicht auch noch allzuviel Schuld auflädt.

2. Die unfassbare Ungerechtigkeit, die ein solcher Schritt mit sich bringen würde, ist z.B. auch für einen Herrn Weidmann unakzeptabel. Natürlich werden die X-Banknoten beim Austritt eine Rolle spielen, aber sicher nicht aufgrund ihrer zufälligen Verteilung. ENTWEDER es wird ermöglicht werden, pro Bürger einen BEGRENZTEN Betrag von BELIEBIGEN Euro-Banknoten in neue, gültige Banknoten (mit X und einem Hologrammaufkleber drauf) zu tauschen (Argument für Begrenzung des Betrags: Das Horten von Bargeld ist verboten.) ODER es werden massive Kapitalverkehrskontrollen an den Grenzen durchgesetzt, bis die in D vorhandenen Banknoten entsprechend neu gekennzeichnet/getauscht sind.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×