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12.04.2014

10:41 Uhr

Griechenland-Besuch

„Frau Merkel“ und der „liebe Antonis“

VonGerd Höhler

Die deutsche Kanzlerin und der griechische Premier kommen sich näher – aber nicht zu nah. Denn Antonis Samaras weiß: Ein zu vertraulicher Umgang mit Angela Merkel könnte ihm Schaden.

Die eine duzt, der andere siezt: Beim Merkel-Besuch in Griechenland zeigt sich Antonis Samaras zurückhaltend. AFP

Die eine duzt, der andere siezt: Beim Merkel-Besuch in Griechenland zeigt sich Antonis Samaras zurückhaltend.

Als der Luftwaffen-Airbus mit Kanzlerin Angela Merkel am Freitagabend in den Nachthimmel über Athen aufstieg und nach Norden abdrehte, ging für Antonis Samaras eine gute Woche zu Ende. Erst die geglückte Rückkehr an den Kapitalmarkt am Donnerstag mit einer Bond-Emission, die mehr als achtfach überzeichnet war; am gleichen Tag die neuesten Arbeitslosenzahlen, die zu bestätigen scheinen, dass die Talsohle auf dem Arbeitsmarkt durchschritten ist, auch wenn die Quote mit fast 27 Prozent immer noch katastrophal hoch ist; und schließlich der Besuch der Kanzlerin, die ihm gratulierte zu dem Erreichten, „Aufbruchsstimmung“ in Griechenland feststellte und weitere Unterstützung Deutschlands versprach.

Da ging die Autobombe, die tags zuvor neben dem Gebäude der griechischen Zentralbank in Athen detoniert war und zum Glück nur Sachschaden angerichtet hatte, fast unter. Griechenlands größte Zeitung „Ta Nea“ meldete auf der Titelseite eine „Explosion des Optimismus“. Das Blatt meinte damit die erfolgreiche Bond-Platzierung, nicht die Stimmung in der Bevölkerung.

„Griechenland hat es geschafft“, stellte Samaras zwar fest. Aber die Wahrnehmung der meisten Menschen ist eine andere. Die sechsjährige Rezession hat die Wirtschaftsleistung um ein Viertel schrumpfen lassen, die Kaufkraft der Durchschnittsfamilie um 40 Prozent geschmälert und eine Million Jobs vernichtet. Viele Griechen machen Angela Merkel und das, was sie als das „Spardiktat“ der Kanzlerin empfinden, für die Misere verantwortlich.

Dennoch hat sich die Stimmung entspannt. Gingen noch beim letzten Besuch der Kanzlerin im Oktober 2012 Zehntausende protestierend auf die Straßen, folgten diesmal dem Aufruf der radikal-linken Oppositionspartei Syriza nur etwa 1000 Demonstranten, die auch bald wieder den Heimweg antraten. Anders als 2012 gab es diesmal keine Straßenschlachten. Die Hasstiraden gegen Merkel haben sich gelegt.

Wenn Massenproteste außer Kontrolle geraten

Türkei

Die gewaltsame Räumung eines Protestcamps in Istanbul, mit dem die Zerstörung eines Parks am Taksim-Platz verhindert werden sollte, löst im Mai 2013 eine landesweite Protestwelle aus. Mittlerweile richten sich die andauernden Proteste vor allem gegen den autoritären Regierungsstil des islamisch-konservativen Ministerpräsidenten Recep Tayyip Erdogan. Mehrere Menschen kamen bisher ums Leben, Hunderte wurden verletzt.

Bulgarien

Nach Massenprotesten und schweren Ausschreitungen in der Hauptstadt Sofia tritt die bulgarische Regierung im Februar 2013 zurück. Die Proteste richteten sich zunächst gegen hohe Strompreise, wandten sich dann aber immer stärker gegen Ministerpräsident Boiko Borissow. Hintergrund war die Unzufriedenheit über geringe Einkommen, hohe Arbeitslosigkeit und Korruption.

Griechenland

Bei Massendemonstrationen von Hunderttausender gegen das massive Sparprogramm der Regierung sterben in der griechischen Hauptstadt Athen im Mai 2010 drei Menschen. Vermummte Randalierer hatten mit Molotowcocktails eine Bank in Brand gesetzt.

Serbien

Rund 200.000 Menschen demonstrieren im Februar 2008 gegen die Unabhängigkeit des Kosovos in der serbischen Hauptstadt Belgrad. Mehrere tausend Randalierer demolieren Botschaften, plündern Geschäfte, zünden Autos und Busse an. Mindestens ein Mensch kommt ums Leben, mehr als 150 Menschen werden verletzt.

Frankreich

Der Tod zweier Jugendlicher, die auf der Flucht vor der Polizei nahe Paris tödlich verunglückten, löst im Herbst 2005 eine Welle der Gewalt in französischen Einwanderervorstädten aus. Sporthallen, Geschäfte und tausende Autos gehen in Flammen auf. Tausende Randalierer werden festgenommen. Nach drei Wochen erklärt die Polizei die Unruhen offiziell für beendet.

Italien

Das Gipfeltreffen der führenden Industrieländer in Genua wird im Juli 2001 von der schwersten Welle der Gewalt in seiner Geschichte überschattet. Ein 23-jähriger Italiener stirbt bei den Straßenschlachten durch eine Polizeikugel. Globalisierungsgegner demolieren Büros, Geschäfte und Bankautomaten. Hunderte Menschen werden verletzt. Kritiker werfen der Polizei übertriebene Härte vor.

Auch der Umgang der beiden Regierungschefs, die sich noch 2012 eher verkrampft begegneten, wirkte diesmal viel entspannter. Dennoch weiß auch Samaras: Beliebt ist die Kanzlerin in Griechenland nicht. Man duzt sich im Kreis der EU-Regierungschefs. Und so wendet sich auch Angela Merkel beim gemeinsamen Pressetermin mit ihrem griechischen Kollegen an den „lieben Antonis“. Doch der bleibt bei der förmlichen Anrede „Frau Merkel“. Samaras sucht den Schulterschluss mit Merkel, denn gegen die mächtige Kanzlerin läuft nichts in Europa. Aber zu viel Nähe zu Merkel – das könnte ihm innenpolitisch schaden.

Ohnehin muss sich Samaras vom radikal-linken Oppositionsführer Alexis Tsipras als „Merkelist“ beschimpfen lassen, der von den deutschen „Kolonialherren“ Sparbefehle entgegenzunehmen hat. Merkels Besuch in Athen sei lediglich eine Art Inspektion bei ihrem „Repräsentanten“ Samaras, höhnte Tsipras.

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