Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

06.08.2017

15:06 Uhr

Griechenland

Das zermürbte Volk

VonGerd Höhler

Unermüdlich versucht Griechenlands Premierminister Alexis Tsipras, den Aufschwung herbeizureden. Tatsächlich wächst die Wirtschaft des Krisenlandes wieder – wenn auch zaghaft. Doch viele Griechen spüren davon nichts.

Die Griechen stellen sich gegen ihren Regierungschef. dpa

Proteste gegen Tsipras

Die Griechen stellen sich gegen ihren Regierungschef.

Wenn er durch Athen geht, sieht Alexis Tsipras „fröhliche Gesichter“. So erzählte er es jedenfalls dieser Tage in einem Interview beim Sender Alpha-TV. Der griechische Regierungschef erntete dafür in den sozialen Netzwerken viel Spott und bissige Kommentare. Wann Tsipras denn überhaupt einmal auf der Straße gesehen worden sei, fragten viele. Andere meinten, vielleicht treffe der Premier einfach nur die falschen Menschen.

Sotiris Georgiou ist er jedenfalls nicht begegnet. Der 32-Jährige macht zwar ein freundliches Gesicht, aber nur, weil das zu seiner Arbeit als Kellner gehört. „Fröhlich bin ich nicht“, sagt Sotiris. Vor sechs Jahren schloss er sein Ingenieurstudium ab, aber gearbeitet hat er bisher nicht in seinem Beruf. „Das Studium war umsonst“, sagt der junge Mann verbittert. Hunderte Bewerbungen hat er geschrieben – trotz guter Examensnoten vergeblich. In der Altersgruppe der 25- bis 34-Jährigen, zu der Sotiris gehört, beträgt die Arbeitslosenquote in Griechenland 27,6 Prozent.

Auch gut qualifizierte Akademiker haben große Schwierigkeiten, eine angemessene Stelle zu finden. Sie kellnern oder fahren Pizza aus. Der Ingenieur Sotiris schlägt sich mit wechselnden Jobs durch, zurzeit bedient er in einem Athener Café. „650 Euro bekam ich als Kellner vergangenes Jahr, jetzt sind es nur noch 580 Euro“, berichtet der Grieche.

Das griechische Spar- und Reformprogramm

Tsipras' Plan

Der griechische Ministerpräsident Alexis Tsipras hofft, dass sein Land mit Hilfe eines neuen Spar- und Reformprogramms ab dem Sommer 2018 wieder auf eigenen Beinen stehen kann. Die Kernelemente.

1. Renten

Das Programm ist – wie die drei vorherigen seit 2010 – eine Mischung aus Sparvorgaben und Privatisierungen. In erster Linie soll der Staatshaushalt von der Unterstützung der defizitären Renten- und Krankenkasse so weit wie möglich befreit werden. Ab dem 1. Januar 2019 sollen demnach die Renten um bis zu 18 Prozent sinken. Mit der neuen Kürzung soll der Staat jährlich rund 2,7 Milliarden Euro sparen. Die Griechen haben nach jüngsten Angaben von Außenminister Nikos Kotzias seit 2010 im Durchschnitt 27 Prozent ihres Einkommens verloren.

2. Steuerfreibetrag

Die zweite harte Sparmaßnahme: Ab dem 1. Januar 2020 soll der bislang geltende jährliche Steuerfreibetrag von 8.636 Euro auf 5.700 gesenkt werden. Athen und die Experten der Gläubiger, die in Griechenland praktisch das Sagen haben, rechnen damit, dass so gut zwei Milliarden Euro zusätzlich in die Staatskasse fließen.

3. Privatisierungen

Athen hat sich zudem verpflichtet, Privatisierungen weiter zu beschleunigen. Unter anderem soll der Hafen von Thessaloniki für Jahre verpachtet werden, bei 14 Flughäfen ist das schon geschehen.

4. Primärer Überschuss

Gesamtziel ist ein Primärer Überschuss (ohne laufenden Schuldendienst) im Staatsbudget von 3,5 Prozent des Bruttoinlandprodukts in den kommenden fünf Jahren. Mit einem solchen Überschuss könnte Griechenland die Zinsen für seine Kredite zahlen.

Quelle: dpa
Stand: 19. Mai 2017

Kein Einzelfall: Vier von zehn Beschäftigten in Griechenland verdienen weniger als 700 Euro brutto im Monat. Nach einer Studie der Zentralbank haben griechische Familien in den Krisenjahren 26 Prozent ihres Einkommens und 40 Prozent ihres Vermögens verloren. In einem Drittel der Haushalte in Griechenland gibt es mindestens einen Arbeitslosen. Seit 2008 hat das Land rund ein Viertel seiner Wirtschaftskraft eingebüßt. Gut 31.000 Firmen mit mehr als zehn Beschäftigten gab es 2008 in Griechenland.

Davon sind heute nicht einmal 22.000 übrig. Zehn Jahre Talfahrt, unterbrochen nur von einer kurzen Rückkehr zu marginalem Wachstum 2014. Mit dem Wahlsieg des Linkssozialisten Tsipras stürzte das Land 2015 aber wieder in die Rezession. Nach der tiefsten und längsten Durststrecke der Nachkriegsgeschichte erholt sich Griechenlands Wirtschaft nun allmählich.

Im ersten Quartal 2017 wuchs das Bruttoinlandsprodukt (BIP) um 0,4 Prozent. Ende Juli konnte das Land erstmals seit vier Jahren wieder eine Anleihe am Kapitalmarkt platzieren, wenn auch nur eine Mini-Emission zu hohen Zinsen. Tsipras sieht darin eine Wende. Aber die meisten Menschen spüren noch keinen Aufschwung. Arbeitslosigkeit, Einkommenseinbußen, Rentenkürzungen und ständige Steuererhöhungen haben die Hellenen zermürbt.

Wie katastrophal die Stimmung ist, zeigt das jüngste Eurobarometer, eine Umfrage der EU-Kommission in allen Mitgliedsländern. Die Daten wurden zwischen dem 20. und 30. Mai erhoben. 98 Prozent der befragten Griechen halten die Wirtschaftslage ihres Landes für schlecht.

Die finanzielle Lage ihrer eigenen Familie beschreiben 69 Prozent als schlecht, gegenüber 27 Prozent im EU-Durchschnitt. Auf die Frage, was sie für die größte Herausforderung halten, nennen 51 Prozent der Griechen die Arbeitslosigkeit. Im Interview mit Alpha-TV sagte Tsipras: „Das Schwierigste haben wir überstanden.“ Aber das glauben die meisten Griechen nicht.

70 Prozent fürchten: „Das Schlimmste kommt erst noch.“ Und im Gegensatz zu Tsipras, der seit Monaten einen Wirtschaftsaufschwung verspricht, äußerten in der EU-Umfrage 62 Prozent der Bürger die Befürchtung, dass sich die Wirtschaftslage im nächsten Jahr weiter verschlechtern wird.

Kommentare (15)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

Herr Holger Narrog

07.08.2017, 08:22 Uhr

Meine Kenntnisse zu Griechenland sind auf die Berichterstattung der Qualitätsmedien, D, CH und USA und ein paar kritischer Artikel abseits der Qualitätsmedien beschränkt.

Soweit ich die Thematik verstehe hat man die strukturellen Probleme Griechenlands, eine destruktive staatliche Verwaltung die beispielsweise Unternehmen und Unternehmensgründungen behindert, Horrorsteuersätze, unproduktive Staatsunternehmen und zu hohe Löhne und Sozialleistungssätze für privilegierte Teile der Bevölkerung mit viel Geld von Deutschen und anderen europäischen Steuerzahlern konserviert.

Sofern man 2010 auf die "Griechenlandrettung" verzichtet hätte, hätte das Land die Ausgaben kurzfristig an die Einnahmen anpassen müssen/können, viele Privilegien und wären geschleift worden und das Land hätte angesichts der Situation eine bessere Chance auf Neuanfang gehabt.

Meines Erachtens war die "Griechenlandrettung" der erste grosse Geistesblitz der grössten Kanzlerin aller Zeiten. Man hat mit viel Geld des Steuerzahlers dem Beschenkten grossen Schaden zugefügt. Die Ursachen liegen darin, dass diese Dame in der empfundenen "Realität" der Medien und Politik lebt die sich sehr von der Realtät abhebt.

Herr Piet Vrolijk

07.08.2017, 08:32 Uhr

Herr Holger Narrog - 07.08.2017, 08:22 Uhr
Mit die Griechenlandrettung hat man in erste Linie die europäischen Banken gerettet welche den griechischen Staat Kredite hatte gegeben.
Griechenland war/ist die europäische Sub-Prime-Krise.
Die Ursache liegt also zu eine gute Teil bei die Europäische Banken die nach die Einführung von die Euro den griechischen Staat die große Kredite hatten zur Verfügung gestellt.
Ansonsten hätte die Anpassung von Ausgaben und Einnahmen schon viel früher müssen stattfinden. Und wäre die Krise viel kleiner gewesen.

Herr Holger Narrog

07.08.2017, 08:43 Uhr

Herr Vrolijk, ich denke dass Sie dazu tendieren die Wirklichkeit an die Ideologie anpassen.

Die Banken sind üblicherweise willige Helfer und Dienstleister von Zentralbanken und der Politik. Sie haben Griechenland die Kredite zur Verfügung gestellt weil sie davon ausgingen dass diese in welcher Form immer von der EU getragen werden und spielen in den aktuellen "Rettungen" gleichfalls so gut mit wie sie können. Eine eigenständige Rolle der Banken sehe ich nicht.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×