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31.05.2012

13:56 Uhr

Griechenland

Ein Land in Auflösung

VonThomas E. Schmidt
Quelle:Zeit Online

Alte Menschen tragen ihr Geld in Plastiktüten nach Hause, die Jungen verlassen das Land, die Linken wollen die Sparbücher verstaatlichen und die Regierung ist längst weg. Beobachtungen aus Griechenland.

Die Armut auf Griechenlands Straßen ist sichtbar. dpa

Die Armut auf Griechenlands Straßen ist sichtbar.

Ein Mann – erkennbar nur als Silhouette – schießt sich in den Mund. Das Blut spritzt rot aus seinem Schädel, und die Fontäne nimmt die Gestalt des zerrissenen griechischen Staatsgebietes an. Noch unter dem Eindruck der Wahlen vom 6. Mai erschien diese Zeichnung vorige Woche in der größten griechischen Zeitung Ta Nea. Was scheint Griechenland auch zu bleiben außer Selbstmord, nach vier Jahren schrumpfender Wirtschaft, mit einem zusammenbrechenden Bankensystem und einem Staatshaushalt, der nicht einmal ausgeglichen wäre, wenn die Last sämtlicher Zinszahlungen von ihm wiche.

54 Prozent der jungen Leute sind arbeitslos, dazu ächzt das Land unter der „Politik des Memorandums“, wie die Griechen die Verträge mit der Troika aus EU, IWF und EZB nennen. Es sind Reformpläne, die sie allenfalls zögernd und widerwillig umsetzen, stets argwöhnend, dass sie nicht trotz, sondern wegen dieser Pläne in der Patsche sitzen.

Ist ein Euro-Austritt Griechenlands möglich?

Vorbereitung auf den Notfall

Lange Zeit wurde es bestritten: Die Eurozone bereitet sich nun doch für den Notfall auf einen möglichen Austritt Griechenlands aus der Eurozone vor. Die Hoffnungen, dass Athen im Euroland wieder auf die Beine kommen kann und zu seinen Sparzusagen steht, schwinden. Doch ist ein solcher Schritt überhaupt möglich?

Rechtliche Grundlage

Die Rufe nach einem Austritt Griechenlands aus der Eurozone werden angesichts der tiefen Krise des Landes immer lauter. Nachdem die Europäische Zentralbank (EZB) erstmals das Austrittsszenario angesprochen hatte, räumte auch Eurogruppen-Chef Jean-Claude Juncker nach dem EU-Sondergipfel in Brüssel ein, dass Experten entsprechende Pläne für den Notfall ausarbeiten, sollte Athen nach den Neuwahlen vom Spar- und Reformkurs abweichen.
Allerdings ist ein direkter Rauswurf aus der Eurozone durch die anderen Mitgliedsländer nicht möglich. Das sehen die EU-Verträge nicht vor. Allerdings könnte Griechenland von sich aus erklären, sich vom Euro zu verabschieden. Aber auch in diesem Fall wäre dies Neuland für das gesamte Euro-System, das dafür keine Regelungen kennt.

Folgen für Griechenland

Mit großer Wahrscheinlichkeit würde der Euro-Abschied zunächst den kompletten wirtschaftlichen Zusammenbruch des Krisenlandes bedeuten. Ohne Euro müsste Griechenland wieder eine eigene Währung einführen, etwa die alte Drachme. Sie würde vermutlich drastisch an Wert verlieren, etliche Ökonomen schätzen um die 50 Prozent. Die Abwertungseffekte würden dann aber Exporte verbilligen und die Wettbewerbsfähigkeit Griechenland international steigern.

Parallelwährung

Von Ökonomen gibt es auch Vorschläge für die Einführung einer Parallelwährung, beispielsweise dem „Geuro“, wobei der Staat Schuldscheine an seine Bediensteten ausgeben könnte statt sie direkt zu bezahlen. Die Zweitwährung würde gegenüber dem Euro im Wert sinken. Auch in diesem Fall könnten griechische Exporteure im Ausland billiger anbieten, die griechische Wirtschaft könnte so ihre Konkurrenzfähigkeit steigern, was dringend nötig wäre, damit sie aus der Rezession herauskommt. Die Lösung einer Zweitwährung soll dabei dem Land die Rückkehr zu einer vollen Mitgliedschaft in die Eurozone sichtbar offenhalten.

Anstieg von Altschulden

Bei Einführung einer neuen Währung wäre besonders schwerwiegend, dass für Griechenland die in Euro aufgenommenen Altschulden infolge der Abwertungseffekte drastisch steigen würden. Das Bankensystem geriete ins Wanken, ein Ansturm der Sparer wäre programmiert. Deshalb sollte die Einführung einer neuen Währung nach Ansicht von Fachleuten nur geordnet verlaufen, wobei großzügige Überbrückungshilfen und Stützung der Banken notwendig wären.

Folgen für die Euro-Zone

Ob das Euro-Währungsgebiet einen Austritt der Hellenen verkraften würde, ist äußerst fraglich. Ökonomen warnen vor der Ansteckungsgefahr für weitere Sorgenkinder wie Spanien, Italien oder Portugal. Denn letztlich könnte sich kein Investor mehr darauf verlassen, dass nicht auch andere Länder aus dem Euroraum ausscheren.

Risikoaufschläge

Vermutlich würden die Risikoaufschläge für Staatsanleihen entsprechender Länder so stark steigen, dass diese ähnlich wie Griechenland an den Rand der Zahlungsunfähigkeit kämen. Letztlich könnte so der gesamte Währungsraum ins Wanken geraten. Aus Sicht von Politikern ist diese Gefahr jedoch deutlich geringer geworden, nachdem größere Euro-Rettungsschirme aufgespannt worden seien.

Kann sein, dass Athen soeben den letzten Akt aufführt, um sich nach den Neuwahlen am 17. Juni krachend aus Europa zu verabschieden. Es gibt kein Volk, das seine Politiker so abgrundtief verachtet – und infolgedessen nichts mehr von ihnen erwartet. Die griechische Parteienlandschaft liegt in Trümmern, Europas Presse hat das Land abgeschrieben. Die Griechen entscheiden, ob sie den Austritt beschleunigen, indem sie im Juni die linksgerichtete Syriza unter Alexis Tsipras wählen oder mit Bauchgrimmen doch die konservative Nea Dimokratia unter Antonis Samaras, dem ehemaligen Nationalisten und EU-Gegner, der mit der Troika weiterverhandeln wird. Mittags trabt eine Horde Schwarzhemden von der neofaschistischen Chrysi Avgi, Parolen skandierend und Fahnen schwenkend, durch eine Fußgängerzone vor dem Parlament, einfach so. Der Auftritt löst Sprachlosigkeit, teils Amüsement aus. Die Stadt staunt über solche Zeichen. Alles scheint möglich.

„Geuro“ und „Neue Drachme“: Chancen und Risiken einer Zweitwährung für Griechenland

Wie soll der „Geuro“ funktionieren?

In seinem Modell geht Deutsche-Bank-Ökonom Mayer davon aus, dass der griechischen Regierung das Geld ausgeht, die internationalen Geldgeber aber weiterhin für die Schulden des Landes geradestehen und den Bankensektor stützen. In diesem Fall könnte Athen Staatsangestellten wie etwa Polizisten Schuldscheine geben, statt sie nicht zu bezahlen. Der Beamte könne diese Schuldscheine (Geuro) gegen Euro tauschen.

Was bringt eine Parallelwährung?

Allmählich würde eine Zweitwährung entstehen, deren Kurs zum Euro sinkt. In der Folge könnten griechische Exporteure ihre Preise in Euro senken und so wieder besser ins Geschäft mit Partnern im Ausland kommen. Die Ökonomen Lucke/Neumann erklären: „Unser Vorschlag, die ND als eine zweite, gleichberechtigte Landeswährung einzuführen, soll es Griechenland erleichtern, durch einen Kurs größerer Flexibilität den wirtschaftlichen Wiederaufstieg zu erreichen. Aber es geht auch um den politisch-psychologischen Aspekt, dem Land die Rückkehr zur vollen Mitgliedschaft in der Euro-Union sichtbar offenzuhalten.“

Würden so die Probleme der griechischen Wirtschaft gelöst?

Wohl kaum. Die griechische Wirtschaft hat ein strukturelles Problem: Das Land lebt vor allem vom Tourismus und Waren wie Oliven, Feta und Wein. „Griechenland fehlen hochwertige, international wettbewerbsfähige Beschäftigungsstrukturen“, urteilten Ökonomen des Instituts für Weltwirtschaft (IfW/Kiel) in einer Anfang 2012 veröffentlichten Studie. Im Vergleich zu anderen Euro-Sorgenländern wie Portugal und Spanien sei Griechenland „seit jeher ausgesprochen schwach industrialisiert“.

Wo liegen die Risiken einer Parallelwährung?

Ein griechischer Sonderweg könnte ein fatales Signal an andere Wackelkandidaten senden. Die Sorge ist groß, dass die Bereitschaft zu Reformen in den Ländern sinkt, sobald der Druck nachlässt. Viele Experten sehen die Gefahr, dass die Tage der Europäischen Währungsunion (EWU) dann gezählt sind. „Der einzige momentan vorstellbare Weg, auf dem die EWU mit allen Mitgliedern fortbestehen kann, scheint uns in einer zeitlichen Streckung der Konsolidierungsvorgaben zu liegen - ohne Aufgabe ihrer absoluten Verbindlichkeit, die auch von den Problemländern ohne Wenn und Aber anerkannt werden müsste“, analysiert die DZ Bank.

Darf Griechenland überhaupt einfach eine neue Währung einführen?

Helmut Siekmann, Professur für Geld-, Währungs- und Notenbankrecht an der Universität Frankfurt und Direktor des Institute for Monetary and Financial Stability (IMFS) betont: „Alle Verbindlichkeiten auch innerhalb Griechenlands sind in Euro zu begleichen, nicht in einer neuen Kunstwährung.“ Selbst neue Forderungen könnten nicht ohne Rechtsbruch auf eine andere Währung als den Euro lauten: „Griechenland hat die Währungshoheit an die EU abgetreten. Das Land kann legal keine neue Währung einführen.“ Privatpersonen, Unternehmen und Investoren im In- und Ausland wären an eine illegal eingeführte Währung nicht gebunden. Der Vorschlag sei insofern sehr kurz gedacht, sagt Siekmann: „Wenn man diese Konsequenzen bedenkt, sehe ich keinen großen Fortschritt außer vielleicht etwas Zeitgewinn.“

Gibt es Beispiele für derartige Parallelwährungen?

De facto habe es in erheblichem Umfang im Sozialismus westliche Währungen als Parallelwährungen gegeben, zum Teil sogar offiziell anerkannt, sagt Ökonom Siekmann. Auch kleinere Länder hätten fremde Währungen ohne formelle Absprache übernommen, etwa Balkanstaaten den Euro. In Zeiten der Hyperinflation habe man immer wieder wie 1923 in Deutschland auch mit US-Dollar bezahlen können. Und immer wenn Kalifornien in Zahlungsschwierigkeiten geriet, wurden dort Schuldscheine ausgegeben.

Mehr als drei Viertel der Griechen wollen in der EU bleiben, mehr als die Hälfte von ihnen lehnt die europäische Sparpolitik ab. Einen politischen Reim hat darauf keine der Parteien. »Die Mai-Wahl war die fällige Abrechnung mit dem System der Korruption und der Klientelwirtschaft«, meint die Juristin Maria Pilos, die Pasok gewählt hat. Sie arbeitet in einem staatlichen Forschungsinstitut, das demnächst abgewickelt wird. „Vielen Leuten war der Ernst der Lage gar nicht klar. Sie begreifen erst jetzt“, glaubt sie, „dass es um mehr geht als um eine neue Regierung.“

Es ist der letzte Tag der Regierung Papademos. Ab morgen wird der oberste Verwaltungsrichter des Landes für drei Wochen die politischen Geschäfte führen. Am Eingang zum Megaro Maximou, dem Sitz des Regierungschefs, stehen Sicherheitsleute beieinander und feixen; emsig und ernsthaft eilen nur noch die Sekretärinnen. Das Büro des seit November vergangenen Jahres regierenden Lucas Papademos steht offen: „Er ist schon weg.“ Auf der gegenüberliegenden Seite des neoklassizistischen Saales empfängt Gikas Hardouvelis seinen letzten Journalisten und bietet das seltene Bild eines Mannes, der braun gebrannt ist und trotzdem blass aussieht.

Neue Griechen-Währung: Der teure Trick mit dem Geuro

Neue Griechen-Währung

Der teure Trick mit dem Geuro

Regierungen und EZB feilen an Notfallplänen für einen Euro-Austritt Griechenlands. Eine Option wäre die Einführung einer Zweitwährung. Sie könnte den Schaden eines Austritts begrenzen - hätte aber einen hohen Preis.

Kommentare (17)

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Account gelöscht!

31.05.2012, 14:06 Uhr

Der EURO als Knebelwährung dient nur dazu, die EU-Staaten kaputt zu machen, damit die Menschen sich dann in der Suppenschüssel Europa finden sollen und als Menschenmasse von Brüssel aus gesteuert und zentral verwaltet werden. Billige Lagerhaltung mit Niedriglohn, Entmündigung, Zensur, Propaganda, Fertignahrung und sozialistischem Zentralismus. Erinnert an Legehennen-Batterien mit Minimal-Ausstattung.

Jetzt-red-I

31.05.2012, 14:43 Uhr

Bevor die griechischen Umstände europaweit bekannt geworden sind, hörte man aus Griechenland nur von Streiks, die im Namen der Gewerkschaften für höhere Löhne ausgerufen wurden. Kein Grieche hatte sich bis dahin über unfähige Beamte, Politiker und Funktionäre beschwert. Geschweige davon, dass man es nicht für gerecht findet, dass man zu wenig bis gar keine Steuern bezahlt. Der griechische Staat hatte seinen Bürgern nichts zu geben, hat ihnen aber auch nichts abgenommen. So lebte man zu Teil vom Staat unbehelligt vor sich hin, bis zum Tag als das "System", welches man sich in jahrzehntelanger Mitgliedschaft in der europäischen Union aufgebaut hatte. Da wurde schon mal ein ganzer Straßenzug wegen eines Kabels, das man ein Jahr vorher vergesseen hatte zu verlegen wieder aufgerissen und auf die ganze Fahrbahnbreite neu asphaltiert.
Und zum Dank an die noblen Spender, waren die Plakate mit dem Zeichen der europäischen Union aufgestellt. Dies zu einer Zeit, wo man in Deutschland die Anlieger zur Reparatur von Straßenausbesserungen heranzieht und Beschädigungen in der Fahrbahn bis zum nächsten Frostaufbruch nur notdürftig flickt.
Die Schuld an der griechischen Misere tragen die Griechen und ihre Politiker an erster Stelle, der Rest der europäischen Union hat mit ihrer laschen Haltung zu diesen Misständen noch ihr übriges beigetragen.

Account gelöscht!

31.05.2012, 14:59 Uhr

Deswegen müssen wir raus aus der EU oder zumindest denen ihre Grenzen eindeutig aufzeigen. Das Geld welches hier erwirtschaftet wird, das gehört zu erst einmal den Deutschen.

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