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21.11.2016

06:12 Uhr

Griechenland

Gefangen im Schuldenstrudel

VonGerd Höhler

Griechenland schuldet seinen Gläubigern mehr als 328 Milliarden Euro, also fast das zweifache der Jahreswirtschaftsleistung. Doch das ist nur die Spitze des Schuldenbergs. Die Griechen stecken in einem Teufelskreis.

Die Hälfte der Kredite, die griechische Banken an ihre Kunden ausgegeben haben, werden nicht mehr bedient. dpa

Akropolis in Athen

Die Hälfte der Kredite, die griechische Banken an ihre Kunden ausgegeben haben, werden nicht mehr bedient.

AthenDer griechische Finanzminister Euklid Tsakalotos hat es eilig: Sein Land brauche Zusagen zu Schuldenerleichterungen, und zwar „in den nächsten Wochen“, drängt der Athener Kassenwart. Eine Schuldenregelung werde den Weg für Investitionen ebnen und Griechenland zum Wachstum zurückführen. Die krisengebeutelte Europäische Union könne Vertrauen nur zurückgewinnen, wenn sie Probleme löse statt sie zu vertagen, argumentiert Tsakalotos.

Doch seinen deutschen Kollegen Wolfgang Schäuble kann er damit nicht überzeugen. Wer Athen jetzt Schuldenerleichterungen zugestehe, der leiste den Griechen einen „Bärendienst“, weil dann der ohnehin schwache Reformeifer völlig erlahme, fürchtet der Bundesfinanzminister. Schäuble will das unpopuläre Schuldenthema auf keinen Fall vor der Bundestagswahl behandeln. Denn neue Zugeständnisse an Athen könnte die AfD für ihren Wahlkampf instrumentalisieren.

Aber in der Eurozone mehren sich die Rufe, den Griechen endlich die bereits im Sommer 2015 in Aussicht gestellten Schuldenerleichterungen zu gewähren. Sie könnten beispielsweise in längeren Laufzeiten für die bereits gewährten Hilfskredite, dauerhaft festgeschriebenen Niedrigzinsen und zusätzlichen tilgungsfreien Jahren bestehen. Auch der Internationale Währungsfonds (IWF) hält Griechenlands Staatsschulden nicht für tragbar und drängt auf eine Schuldenregelung. Davon macht der IWF sogar seine weitere Beteiligung an der Griechenlandrettung abhängig. Schäubles Dilemma: Er will keine Schuldenerleichterungen – aber den IWF im Griechenlandprogramm unbedingt an Bord behalten.

Griechenlands Schuldenkrise in Zahlen

2012: Staatsverschuldung

305,1 Milliarden Euro (160% des BIP)

2012: Haushaltsdefizit

16,9 Milliarden Euro (8,8% des BIP)

2013: Staatsverschuldung

320,5 Milliarden Euro (178% des BIP)

2013: Haushaltsdefizit

23,5 Milliarden Euro (13% des BIP)

2014: Staatsverschuldung

319,7 Milliarden Euro (180% des BIP)

2014: Haushaltsdefizit

6,5 Milliarden Euro (3,6% des BIP)

2015: Staatsverschuldung

311,5 Milliarden Euro (177% des BIP)

2015: Haushaltsdefizit

12,8 Milliarden Euro (12,8% des BIP)

Befürworter einer Schuldenregelung argumentieren, man hätte schon zu Beginn des ersten Hilfsprogramms 2010 einen Schuldenschnitt vornehmen müssen, statt sich erst 2012 zu einem Schuldenschnitt durchzuringen. Damals mussten die privaten Gläubiger Griechenland Schulden von 105 Milliarden Euro erlassen.

Doch der Effekt ist längst verpufft. Tatsächlich stünde das Land heute wohl besser da, hätte man den Schnitt früher und tiefer vorgenommen. Griechenland hat heute mehr Verbindlichkeiten als vor Beginn der Rettungsprogramme. Der Berg der Staatsschulden wuchs von 262 Milliarden Euro vor Ausbruch der Krise im Herbst 2009 auf 328,4 Milliarden Ende Juni 2016. Das entspricht einem Anstieg um 25 Prozent.

Kommentare (24)

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Herr Holger Narrog

21.11.2016, 08:21 Uhr

Es ist faszinierend, dass man die Alimentation Griechenlands im Deutschen Staatshaushalt als Kreditbürgschaftent verbucht hat gleichwohl es naheliegend war, dass dieses Geld als verloren/verbraucht anzusehen ist. Ein aus sozialistischer Sicht pöser Manager der hier keine Rückstellungen vorgenommen hätte, hätte mit Gefängnis rechnen müssen. Insofern gehört Fr. Merkel in ...

Der Grund liegt darin, dass Fr. Merkel ähnlich anderer Geistesblitze (Die Subventionen für "Erneuerbare Energien" werden über 20 Jahre verteilt) dieses Geld nicht als Ausgaben mit entsprechenden Konsequenzen für Steuern und Staatsschulden verbuchen wollte. Ich nehme an Sie hatte Angst dass sich die trägen Stimmbürger gegen sie entscheiden würden.

Da sich die trägen Stimmbürger trotz wesentlich folgenreicherer Geistesblitze der Kanzlerin, Umvolkung, nicht von ihrem Stimmverhalten ablassen, liegt es nahe den Griechen die Schulden nach der Wahl im kommenden Jahr zu erlassen.

Herr Percy Stuart

21.11.2016, 08:37 Uhr

Hier wie dort die gleichen Probleme, dort offensichtlich und hier durch geschönte Statistiken, medial einseitige Berichterstattung und politische Festreden kreativ verschleiert und verheimlicht.
Wir können uns noch so sehr abstrampeln, wir können wählen wen oder was wir wollen, wir können machen was wir wollen: Es ändert sich nichts! Es wird immer schlimmer! Also wird der Frust und die Wut immer größer. Aus diesem Frust und der Wut heraus entsteht dann der Hass. Wir stehen einer unheimlichen Macht gegenüber, die unangreifbar geworden ist: Dem Bündnis aus Wirtschaft, Politik und den Medien wie es sich im real existierenden Kapitalismus zwangsläufig herausbildet bzw. herausgebildet hat. Warum lassen uns die von uns gewählten politischen Repräsentanten alleine? Warum sorgen Sie immer für die, die eh schon mehr als genug haben? Warum knappsen sie den "kleinen Leuten" immer mehr von dem Wenigen ab, was diese noch haben? Diese Allianz aus Wirtschaft und Politik gilt es zu knacken! Nochmals vier Jahre Merkel als Bundesklanzlerin kann als Ergebnis nur die ultimative Katastrophe und der komplette Zerfall der Gesellschaft sein.

Herr ru ho

21.11.2016, 08:45 Uhr

Es gibt nur 2 Alternativen:
1.dauerhafte Alimentation Griechenlands.Denn selbst mit komplettem Schuldenerlass sind die nach wenigen Jahren wieder dort,wo sie jetzt sind, wenn sie in der EU /im Euro verbleiben.
2.Grexit jetzt,kompletter Schuldenerlass,dauerhafter Ausschluss aus der EU.Damit Griechenland mit eigener Währung von Vorne anfangen kann,sich ein Staatswesen nach eigener Leistungsfähigkeit aufzubauen.

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