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25.01.2015

13:08 Uhr

Griechenland hat die Wahl

Meine Griechen wählen

VonGerd Höhler

Seit 35 Jahren lebt und arbeitet Handelsblatt-Korrespondent Gerd Höhler in Athen. Er weiß wie Griechenland fühlt. Heute gehen „seine Griechen“ an die Wahlurnen – welche Ängste sie haben und welche Hoffnungen.

Griechenland wählt. Wie das Land sich dabei fühlt, weiß Handelsblatt-Korrespondent Gerd Höhler, der seit 35 Jahren in Athen lebt. Nikos Pilos für Handelsblatt

Griechenland wählt. Wie das Land sich dabei fühlt, weiß Handelsblatt-Korrespondent Gerd Höhler, der seit 35 Jahren in Athen lebt.

AthenGriechenland steht vor dem vielleicht tiefsten politischen Einschnitt seit dem Beitritt des Landes zur damaligen Europäischen Gemeinschaft im Jahr 1981. Einschnitt? Vielleicht wird es ein Absturz. Diese Wahl lässt keinen kalt – auch mich nicht. Nach 35 Jahren in Athen bin ich mehr als ein unbeteiligter Beobachter. Ich fiebere mit. Irgendwie geht es ja um „meine Griechen“.

Freitagmorgen kurz vor zehn auf dem Postamt im Athener Vorort Glyfada. Ich will ein verspätetes Weihnachtspaket abholen, das Mitte Dezember in Deutschland für mich aufgegeben wurde – ach ja, die griechische Post. Der Mann vor mir bezahlt seine Telefonrechnung, während er mit der Schalterbeamtin plaudert. „Einen schönen Tag noch“, wünscht er der jungen Frau und „kala apotelesmata“, was so viel heißt wie „ein gutes Wahlergebnis“.

Da strahlt die Postbeamtin: „Das wird bestimmt gut!“ Es ist nicht schwer zu erraten, dass es sich hier um zwei Anhänger von Alexis Tsipras und seiner radikal-linken Syriza handelt.

Als ich an die Reihe komme, mustert die Dame den Absender des Pakets und meinen Personalausweis. „Aha, ein Deutscher“, sagt sie. Das „Spardiktat“, von dem Tsipras im Wahlkampf immer wieder redet: Es geht nach Meinung vieler Griechen vor allem auf das Konto Deutschlands.

Die Post-Dame händigt mir das Paket aus und sagt schnippisch: „Für Sie wird der Sonntag ja nicht besonders erfreulich verlaufen.“ Ich bemühe mich um ein mildes Lächeln und schweige. Da bin ich wieder mal mittendrin im griechischen Wahlkampf.

Die aktuelle Lage Griechenlands

Der schmale Grat zwischen Emanzipation und „Grexit“

Kurz vor der Parlamentswahl in Griechenland hat das Linksbündnis Syriza seinen Vorsprung ausgebaut. Die Partei des griechischen Oppositionsführers Alexis Tsipras hat versprochen, die Reformvereinbarungen mit der Geldgeber-Troika aus Europäischer Union (EU), Europäischer Zentralbank (EZB) und Internationalem Währungsfonds (IWF) zu kippen und den Sparkurs zu lockern. Von einem neuen Schuldenschnitt - diesmal zulasten vor allem der europäischen Staaten und Steuerzahler - redet Tsipras inzwischen weniger.
Nach den Wahlkampfreden muss sich eine neue Regierung - so sie überhaupt rasch zustande kommt - den Realitäten stellen. Auch die Euro-Partner loten Kompromisse aus. Alles ist möglich - weitere Entlastungen, eine Verlängerung des Hilfsprogramms, ein neues Reformpaket bis hin zum „Grexit“ - der Pleite und dem Ausstieg Athens aus dem Euro. Es ist ein schmaler Grat.

Alle Informationen: dpa

Steht Griechenland besser da als gedacht?

Das hoch verschuldete Land, das seit 2010 mit Finanzhilfen der Euro-Partner und des Internationalen Währungsfonds von fast 240 Milliarden Euro vor der Pleite bewahrt wurde, kann durchaus bessere Zahlen vorweisen als angenommen. Der „Primärüberschuss“, ein Haushaltsplus ohne Schuldendienst, steht. Auch gibt es nach Jahren der Rezession ein Mini-Wirtschaftswachstum. Der IWF rechnet nun damit, dass Griechenland bis zum Jahr 2020 seinen Schuldenstand auf 112 Prozent der Wirtschaftsleistung drücken könnte - von zuletzt 178 Prozent. Es hakt jedoch an vielen Stellen, etwa bei der Wettbewerbsfähigkeit oder Arbeitsmarkt- und Steuerreformen.

Wo gibt es akute Probleme?

Wenn nichts passiert, läuft Ende Februar das Hilfsprogramm des Euro-Rettungsfonds (EFSF) aus. Athen wartet immer noch auf die letzte Rate des Hilfskredits. Es fließt aber kein Geld, solange die von der Geldgeber-Troika aus EU-Kommission, Europäischer Zentralbank und IWF geforderten Auflagen nicht erfüllt sind. Der IWF, dessen Programm bis ins erste Quartal 2016 läuft, dürfte Rest-Milliarden ebenfalls auf Eis legen. Alles in allem geht um rund acht Milliarden Euro. Es würde nicht nur Geld verfallen, auch müssten wohl Bankenhilfen wieder zurückfließen.

Warum wird das Hilfsprogramm nicht verlängert?

Das ist eine der wahrscheinlicheren Optionen, um Druck zu nehmen und Athen noch ein wenig Zeit zu geben, um Reformauflagen abzuarbeiten. Die Euro-Länder hatten bereits eine Verlängerung um sechs Monate vorgeschlagen, was die Griechen aber nicht wollten. Eine „technische Verlängerung“ könnte erneut auf die Tagesordnung kommen - wenn die Regierung mitspielt. Dem müsste auch der Bundestag zustimmen.

Was kommt im Februar?

Befürchtet wird ein „Dirty Exit“, eine schmutzige Lösung - also der Fall, dass das Griechenland-Programm ausläuft und Athen wegen nicht erfüllter Auflagen die Hilfsgelder nicht komplett erhalten hat. Freilich könnte die neue Regierung versuchen, sich das Geld anders zu beschaffen. Sie könnte etwa den mühsam erzielten „Primärüberschuss“ anzapfen. Oder sich wieder Geld am Markt leihen, was ohnehin geplant war. Bei einem „Dirty Exit“ und einem Bruch der Vereinbarungen mit den Gläubigern aber dürfte das noch schwieriger werden. Die Risikoaufschläge für Hellas-Staatsanleihen steigen schon jetzt.

Hat ein drittes Hilfsprogramm Chancen?

Die Euro-Partner hatten zwar Ende 2012 ein drittes Hilfspaket in Aussicht gestellt. Aber nur, wenn neben einem Primärüberschuss auch alle Reformauflagen abgearbeitet sind. Die von Athen geforderten Erleichterungen - flexiblere Vorgaben, nochmals längere Kredit-Laufzeiten und Zinserleichterungen - würden allerdings in anderen Euro-Problemländern alles andere als gut ankommen.

Warum folgt kein zweiter Schuldenschnitt?

Der gilt als unwahrscheinlich. Zunächst einmal würde das wenig bringen, da Athen schon jetzt mehr Zeit beim Schuldendienst bekommen hat. Allenfalls stünde Griechenland mit einer niedrigeren Schuldenstandsquote auf dem Papier an den Kapitalmärkten besser da. Dass das aber potenzielle Geldgeber gnädig stimmt, ist unwahrscheinlich. Vor allem: Inzwischen entfallen fast die meisten Schulden auf öffentliche Kreditgeber. Die Euro-Länder müssten also etliche Milliarden in ihren Haushalten abschreiben.

Was bleibt dann?

Sollte Athen an den Märkten kein Geld bekommen, könnte die EZB mit Liquiditätsspritzen einspringen. Aber auch das nur begrenzt. Schon jetzt wird den Hellas-Banken unter die Arme gegriffen. Die Griechen sorgen sich um ihre Ersparnisse, ein Run auf Banken würde bei gescheiterten Kompromissen und einer langen Phasen politischer Unsicherheiten wahrscheinlich sein. Es wäre dann wohl nur eine Frage der Zeit, bis Griechenland die Pleite droht. Das Land würde immer schneller auf den von den Euro-Partnern und Athen selbst abgelehnten und ausgeschlossen „Grexit“ zusteuern - den Austritt aus der europäischen Währungsunion und den Abschied vom Euro.

Zurück im Büro, klingelt eine Stunde später mein Telefon. Auf dem Display sehe ich statt der Nummer des Anrufers nur vier Rautenzeichen. Merkwürdig. Ich nehme ab und höre eine Aufzeichnung: „Guten Tag, hier spricht Stavros Theodorakis vom „Potami“. Wir haben kein Geld für Plakate oder Fernsehspots, deshalb rufe ich Sie an. Wir sind die Neuen…“

„To Potami“, „der Fluss“, so heißt die neue Bewegung des Fernsehjournalisten Stavros Theodorakis. Er selbst beschreibt sie als „radikale Mitte“. Obwohl erst Anfang März 2014 gegründet, kam der Fluss bei der Europawahl drei Monate später bereits auf 6,6 Prozent. Mit sieben Prozent liegt die Partei in den letzten Umfragen auf Platz drei.

Damit könnte Theodorakis zum Königsmacher werden, wenn Tsipras die absolute Mehrheit verfehlt. Viele beruhigt diese Aussicht. Ich wähle zwar nicht in Griechenland, weshalb sich Theodorakis den automatisierten Anruf bei mir hätte sparen können. Aber wenn ich zur Wahl ginge, bekäme der Fluss wahrscheinlich meine Stimme. Denn die Partei ist dezidiert pro-europäisch: „Europa ist unser Haus, der Euro unsere Währung“, sagt Theodorakis.

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