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06.08.2015

06:52 Uhr

Griechenland im Jahr 1986

Nachhilfe vom Praktikanten

Griechenland ist Europas größter Problemfall. Zwei Rettungspakete haben dem Land bisher nicht helfen können: Die Verwaltung ist überbesetzt und überfordert, der Wirtschaft fehlt ein Geschäftsmodell. Um all das festzustellen, schicken IWF, EU und EZB Heerscharen von Experten ins Land. Alles, was sie herausgefunden haben, konnte man vor 30 Jahren bereits absehen. Als Praktikant im Landwirtschaftsministerium in Athen erkannte der Hamburger Bernd Loppow bereits 1983 die gravierenden Probleme des Landes. Sein „Lehrherr“ damals: Landwirtschaftsminister Costas Simitis. 1996 wurde dieser Ministerpräsident Griechenlands. Die Analyse seines Praktikanten fand sich drei Jahre später auf den Zeitungsseiten der „Zeit“, wo Loppow ebenfalls ein Praktikum absolvierte. Der Artikel des damals 27-Jährigen hat starke Ähnlichkeit mit dem jüngsten IWF-Bericht zur Schuldentragfähigkeit Griechenlands. Hier lesen Sie Bernd Loppows wichtigste Erkenntnisse.

Bernd Loppow (l., in den 1980er Jahren) und der damalige Landwirtschaftsminister und spätere griechische Ministerpräsident Costas Simitis. Handelsblatt Montage mit dpa

Der Praktikant und sein Lehrherr

Bernd Loppow (l., in den 1980er Jahren) und der damalige Landwirtschaftsminister und spätere griechische Ministerpräsident Costas Simitis.

Der Praktikant erkannte: Nicht mal die griechische Landwirtschaft besitzt ein tragfähiges Geschäftsmodell.
Deutschen Urlaubern würden die Gaumenfreuden ihres griechischen Abendessens in der Plaka, der Athener Altstadt im Schatten der Akropolis, womöglich verleidet, wenn ihnen die Herkunft der Köstlichkeiten bekannt wäre: Die zum Suvlaki aufgespießten Schweinefleischstückchen kommen vielfach direkt aus deutschen Schweinemastbetrieben frisch auf den griechischen Tisch, der hochgerühmte griechische Ziegenkäse zu großen Teilen aus Spezialbetrieben in Dänemark, und die Milch zum Kaffee stammt von glücklichen Kühen im Allgäu.
Der Import derartiger Nahrungsmittel von einem Mitglied der Europäischen Gemeinschaft (EG), das sich nicht selbst mit Milchprodukten, Rind- und Schweinefleisch versorgen kann, zeigt, wie es um die griechische Wirtschaft steht. Die Organisation für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) erteilt dem Land in ihrem jüngsten Länderbericht in fast allen Fächern die Note mangelhaft. In allen Sektoren der griechischen Wirtschaft behindern Strukturprobleme die Entwicklung; ein gehöriges Maß an Mitschuld wird der Politik der von Andreas Papandreou geführten Regierung, der „Panhellenischen Sozialistischen Bewegung“ (PASOK), zugeschrieben.
Nach wie vor hängt die wirtschaftliche Leistung des Landes zum großen Teil von der Landwirtschaft ab; jeder dritte berufstätige Grieche arbeitet in diesem Bereich. In der Bundesrepublik ist beispielsweise nur noch jeder zwanzigste Arbeitnehmer in der Landwirtschaft beschäftigt. Eine unzureichende Ausrüstung mit Maschinen, schlecht ausgebaute Bewässerungssysteme und sehr kleine Betriebe sind die Gründe für die niedrigste Produktivität in der Gemeinschaft. Arbeitslosigkeit prägt das Leben auf dem Lande, nur zu Erntezeiten herrscht Vollbeschäftigung.

Der Praktikant bemerkte, dass Griechenland keine funktionstüchtige Exportwirtschaft besaß und von den Subventionen der Europäischen Gemeinschaft abhing.
Seit fünf Jahren ist Griechenland nun Mitglied der EG. Ursprüngliche Hoffnungen haben sich nur zum Teil erfüllt. Die Überweisungen aus der EG-Kasse trugen zwar zur Linderung chronischer Finanznöte bei, der freie Zugang der griechischen Waren und Dienstleistungen auf dem EG-Markt mit über zweihundert Millionen Verbrauchern brachte indes keine Exporterfolge. Im Gegenteil: Im Integrationsjahr 1981 überschwemmten die Waren aus der EG den griechischen Markt. Erstmals wurden mehr Produkte aus der Gemeinschaft ein- als ausgeführt. Zweifel, Mahnungen und Bedenken von Ökonomen wurden dennoch abgetan.
Die griechische Integration in das europäische Staatenbündnis war hauptsächlich eine politisch motivierte Entscheidung. Die Tatsache, daß sich die wirtschaftliche Entwicklung des neuen Mitglieds, noch auf der Schwelle vom Entwicklungs- zum Industrieland befand, wurde wenig beachtet.

Dem Praktikanten fiel auf, dass schon damals die Löhne schneller stiegen als die Produktivität.
Die Produktionskosten der griechischen Wirtschaft stiegen besonders stark, als mit dem System der Lohnindexierung die Anpassung der Lohnerhöhungen an die Preissteigerung eingeführt wurde. Die Folge: Während die Produktivität von 1974 bis 1984 um 23 Prozent stieg, kletterten die Reallöhne um 83 Prozent. Kein Wunder also, daß viele griechische Erzeugnisse im internationalen Vergleich zu teuer wurden. Sinkende Exporteinnahmen und steigende Importbeschränkungen zum Schutz der inländischen Anbieter sind die Folge. Die Einfuhrschranken sind heute zum Teil höher als vor der EG-Integration.
Selbst Ministerpräsident Papandreou äußert sich skeptisch: „Die Industrie steht auf tönernen Füßen. Es war niemals daran gedacht, daß sie ohne Schutz, ohne Zölle sein sollte. Wir brauchen etwas Zeit, um uns anzupassen.“ Tatsächlich ist eine Strukturanpassung der Wirtschaft dringend notwendig, wenn die erhofften Vorteile aus der EG-Mitgliedschaft nicht weiterhin nur aus Zuflüssen aus den EG-Kassen bestehen sollen. Folge einer derartigen Politik wäre allerdings die Zerstörung einer großen Zahl selbständiger Existenzen.

Der Praktikant diagnostizierte eine Schuldendynamik, die durch immer neue politische Versprechungen der Regierenden beschleunigt wurde.
Auch um die Staatsfinanzen Griechenlands ist es nicht zum besten bestellt. Unter Papandreou wuchsen die Ausgaben noch stärker als unter seinem Amtsvorgänger Karamanlis. So wurden zum Beispiel marode Firmen allein wegen der Arbeitsplätze erhalten; um den Anstieg der Arbeitslosigkeit zu bremsen, sozialisierte die Regierung bisher über vierzig Firmen. Spektakulärer Höhepunkt war die Übernahme des mit fünftausend Beschäftigten größten griechischen Industriebetriebes, der Werft des Großreeders Niarchos, im Sommer vergangenen Jahres. Viele derer, die dennoch ihren Arbeitsplatz verloren, wurden schlicht in den Staatsdienst übernommen. Mittlerweile dürfte fast jede zweite Stelle im öffentlichen Dienst doppelt besetzt sein, ohne daß die Leistung des Staatsapparates gestiegen wäre. Diese Art der Bekämpfung der Arbeitslosigkeit ist sicherlich die teuerste der Welt. So verwundert auch nicht, daß der Staat mittlerweile rund fünfzig Prozent der gesamten inländischen Lohnsumme zahlt.

Dem Praktikanten entging nicht, dass schon damals viel über Reformen geredet wurde, es aber an der Umsetzung haperte.
Allmählich kommt Papandreou die Einsicht, daß es so nicht weitergehen kann. Der Sozialist, der noch im Oktober vergangenen Jahres die Stabilitätsprogramme des Internationalen Währungsfonds (IWF) als Instrument des US-Imperialismus anprangerte, wechselte kurz entschlossen die Fronten. Er erinnerte sich an die Lehrsätze, die er selbst als Ökonomie-Professor während der Obristendiktatur in Griechenland an der Harvard-Universität in den Vereinigten Staaten predigte: „Wir können auf Dauer nicht mehr ausgeben, als wir mit unserer Wirtschaft produzieren.“ Er ließ seinen neuen Wirtschaftsminister Constantin Simitis ein Reformprogramm ausarbeiten, das den vormals scharf kritisierten Konzepten des IWF mehr als nahe kommt.
Papandreou verordnete ein Programm, wie es das Land bis dahin noch nicht gekannt hatte:

  • Abwertung der Drachme um fünfzehn Prozent;
  • Drastische Ausgabenbeschränkungen bei der öffentlichen Hand durch einen Einstellungsstopp;
  • Erhöhung der Staatseinnahmen durch Maßnahmen zur Eindämmung der Steuerhinterziehung und Aufhebung von Steuerbefreiungen;
  • Löhne und Gehälter werden der Inflation nicht mehr im früheren Ausmaß angepaßt;
  • Sonderabgabe auf Gewinne in Höhe von drei bis zehn Prozent;
  • Um Einfuhren zu erschweren, müssen Importeure vierzig bis achtzig Prozent des Warenwertes in bar für die Dauer von sechs Monaten zinslos auf einem Sperrkonto deponieren.

Dem Praktikanten fiel auf, dass die Aufnahme in die EG, die heutige Europäische Union, schon damals als Fehler galt – selbst beim damaligen griechischen Regierungschef.
Das Ziel eines gemeinsamen Marktes in Europa – das hat Papandreou inzwischen erkannt – läßt sich eben nur mit Mitgliedsländern verwirklichen, die ungefähr auf der gleichen Stufe der wirtschaftlichen Entwicklung stehen. „Falls wir nochmal vor der Wahl stünden“, resümiert der griechische Staatschef, „wäre es weiser, den Status als assoziiertes Mitglied beizubehalten. Die Integration kam zu früh und zu schnell und bedeutete eine zu hohe Dosis an Wettbewerb für unsere Industrie.“

Zum Autor:
Vom 1. bis 31. August 1983 hat Bernd Loppow im Rahmen seines VWL-Studiums im griechischen Landwirtschaftsministerium ein Praktikum unter dem damaligen Landwirtschaftsminister und späteren Ministerpräsidenten Costas Simitis absolviert. Thema waren die „Folgen der Integration der griechischen Landwirtschaft in die EG“.
Im Zuge eines Journalismus-Praktikums im Wirtschaftsressort der „Zeit“ vom 1.2. bis 30.4.1986 hat er seine Erfahrungen und weitere Recherchen in den Artikel „Ziegenkäse aus Dänemark“ umgesetzt, der am 18. April 1986 in der Zeit erschienen ist.
Loppow leitet heute Zeit Reisen, den Leserreisenveranstalter der Zeit.

Kommentare (12)

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Herr C. Falk

06.08.2015, 07:34 Uhr

Da kann man nur mit einem gewisen Lakonismus sagen, "Tja".

Denn gesagt ist zum Fall Griechenland eigentlich alles.

Herr Werner Wilhelm

06.08.2015, 07:55 Uhr

Die Anpassungsfähigkeit des Menschen an seine klimatische Umgebung wird überschätzt. So kann der Eskimo nicht ohne dicke Fellbekleidung und fettes Essen in die Kälte und der Schwarzafrikaner bekommt wie wir einen Sonnenbrand, wenn er sich zu lange der Sonne aussetzt.

Auf Griechenland übertragen heißt das: In den Sommermonaten ist dort an Arbeiten im Freien nicht zu denken. Es nutzen hier auch keine Vergleiche mit Spanien oder Italien auf dem gleichen Breitengrad, in Griechenland ist es, warum auch immer, im Sommer für Touristen selbst am Strand nicht zum Aushalten. Das ist mal ein gewaltiger geografischer Nachteil der in der europäischen Konkurrenzsituation nicht mehr auf zu holen ist.

Dazu kommt, dass große Teile des Landes unfruchtbar sind und der brauchbare Rest Unmengen von Wasser benötigen würde, das nicht vorhanden ist.

Industrie gut und schön. Dazu müsste man die Fabrikhallen klimatisieren, was nicht wirtschaftlich ist, wenn man weiss, dass die Herabkühlung von 40 auf 20 Grad sehr viel teurer ist, als z.B. von 0 auf 20 Grad hoch zu heizen.

Mit anderen Worten: Griechenland ist im Euroraum nicht wettbewerbsfähig und wird es auch bleiben. Die billigste Variante, die mittlerweile in meinem Netzwerk von immer mehr Leuten favorisiert wird, ist, die Arbeitslosen dort in ein Transfersystem einzubinden. Die bekommen ihr Geld auf Basis des sozio-kulturellen Existenzminimum, also ein auf die Verhältnisse angepasstes Hartz IV und gut ist.

Die Produktivität in den fortgeschrittenen Industrieländern ist zu hoch, als dass jeder noch Arbeit bekommen könnte. Man braucht sich dazu nur mal eine der wettbewerbsfähigsten Volkswirtschaften der Welt, Deutschland, ansehen. Da sind 5 Millionen Arbeitslose auch Standard.

Also: Griechenland wird für Europa die Produktivität als Arbeitslosenland ausbaden.

Herr Wilfried Runft

06.08.2015, 08:20 Uhr

Vielleicht wäre es hilfreich, die Untersuchungsergebnisse Loppows dem Berufsoptimisten Juncker zukommen zu lassen...

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