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06.06.2013

07:12 Uhr

Griechenland

IWF räumt Fehler bei Rettungsaktion ein

VonNils Rüdel

Zu optimistisch, zu blauäugig - zu wenig energisch: Ungewöhnlich klar kritisiert der Internationale Währungsfonds sich selbst in Sachen Griechenlandrettung. Doch harsche Worte gibt es auch für andere.

Der IWF kritisiert sich selbst in Sachen Griechenland.

Der IWF kritisiert sich selbst in Sachen Griechenland.

New YorkDie Autoren des Textes sparen nicht mit deutlichen Worten. „Beträchtliche Misserfolge“ seien gemacht worden, man habe Dinge „unterschätzt“ und andere „überschätzt“. Schließlich, schreiben sie weiter, müssten aus der ganzen Sache „Lehren gezogen werden“.

Das Dokument stammt vom Internationalen Währungsfonds (IWF) – und das Ziel der Kritik ist die Institution selbst. Auf 51 Seiten räumen die IWF-Experten darin viele Fehler ein, die der Fonds und die EU bei der ersten Rettungsaktion für das pleitebedrohte Griechenland gemacht haben. Am Mittwochabend wurde das Papier in Washington veröffentlicht.

EU-Prognosen für die Krisenländer

Frankreich

Erstmals seit 2009 dürfte die zweitgrößte Volkswirtschaft der Euro-Zone in diesem Jahr wieder schrumpfen - wenn auch mit 0,1 Prozent nur minimal. "Die real verfügbaren Einkommen der Verbraucher schwächeln wegen der steigenden Arbeitslosigkeit und höherer Steuern", prophezeit die EU-Kommission. "Das anhaltend ungünstige Unternehmervertrauen dürfte die Investitionen weiter fallen lassen." 2014 wird ein Wachstum von 1,1 Prozent vorhergesagt, doch soll die Arbeitslosenquote trotzdem von 10,6 auf 10,9 Prozent steigen. Auch das Staatsdefizit soll im kommenden Jahr mit 4,2 Prozent etwas höher ausfallen als 2013 mit 3,9 Prozent, was den Schuldenberg auf 96,2 Prozent der Wirtschaftsleistung anschwellen lassen dürfte.

Italien

Die Rezession soll sich in diesem Jahr abschwächen. Das Minus dürfte mit 1,3 Prozent knapp halb so hoch ausfallen wie im Vorjahr mit 2,4 Prozent. "Es gibt keine klaren Signale für eine kurzfristige Erholung, da sich sowohl das Verbrauchervertrauen als auch das Geschäftsklima im negativen Bereich befindet", stellt die Kommission fest. 2014 soll ein Mini-Wachstum von 0,7 Prozent folgen. Die Neuverschuldung soll sich zwar mit 2,9 und 2,5 Prozent im erlaubten Rahmen bewegen. Mehr Sorgen macht aber der Schuldenstand: Er soll 2014 auf 132,2 Prozent der Wirtschaftsleistung steigen. Eigentlich sehen die EU-Verträge eine Obergrenze von 60 Prozent vor.

Spanien

Die Rezession dürfte sich in diesem Jahr verschärfen. Erwartet wird ein Rückgang des Bruttoinlandsproduktes von 1,5 Prozent, nach minus 1,4 Prozent im Vorjahr. "Die Binnennachfrage wird wohl schwach bleiben, aber die preisliche Wettbewerbsfähigkeit solle sich schrittweise verbessern und die Exporte an Schwung gewinnen", sagt die Kommission voraus. 2014 soll dann ein Wachstum von 0,9 Prozent zu Buche stehen. Die Arbeitslosenquote soll dann vom Rekordniveau von 27,0 auf 26,4 Prozent fallen. Die Neuverschuldung dürfte mit 6,5 und 7,0 Prozent in beiden Jahren hoch bleiben. Der Schuldenberg soll bis 2014 auf 96,8 Prozent des Bruttoinlandproduktes wachsen - 2009 waren es noch 53,9 Prozent.

Griechenland

Die Wirtschaft dürfte 2013 das sechste Jahr in Folge schrumpfen, wenn auch mit 4,2 Prozent so langsam wie seit 2009 nicht mehr. "Die hohe Arbeitslosigkeit und Einschnitte bei Löhnen und Sozialleistungen werden den privaten Konsum weiter drücken", befürchtet die EU-Kommission. 2014 soll die Rezession enden: Erwartet wird ein Mini-Wachstum von 0,6 Prozent. Dann soll auch die Arbeitslosenquote fallen, die in diesem Jahr mit 27 Prozent einen Rekordwert erreichen dürfte. Das Staatsdefizit soll sich 2014 mit 2,6 Prozent wieder im erlaubten Rahmen bewegen. Der Schuldenberg dürfte etwas abgetragen werden - von 175,2 auf 175,0 Prozent der Wirtschaftsleistung. Die Schuldenstandsquote bleibt aber mit Abstand die höchste in der Euro-Zone und der EU.

Irland

Von allen Krisenstaaten macht Irland die größten Fortschritte. Das Wirtschaftswachstum dürfte sich in diesem Jahr auf 1,1 Prozent erhöhen und sich 2014 auf 2,2 Prozent verdoppeln. Die "Leistung ist ermutigend", so die EU-Kommission. Die unter Steuererhöhungen und Sparprogrammen leidende Binnennachfrage soll im kommenden Jahr erstmals wieder zum Wachstum beitragen. Die Arbeitslosenquote soll bis dahin auf 13,7 Prozent fallen, 2012 waren es noch 14,7 Prozent. Die Gesundung der Staatsfinanzen kommt aber nur langsam voran: Das Defizit dürfte sowohl in diesem Jahr mit 7,5 als auch im kommenden Jahr mit 4,3 Prozent klar über der Zielmarke der EU von drei Prozent liegen. 2014 soll der Schuldenberg schrumpfen.

Portugal

Auch hier verharrt die Wirtschaft in der Rezession. Das Bruttoinlandsprodukt soll um 2,3 Prozent schrumpfen, nach 3,2 Prozent 2012. "Die Wachstumsaussichten für Portugals Exportmärkte haben sich eingetrübt, während sich die Lage am Arbeitsmarkt eintrübt", stellt die EU-Kommission fest. 2014 soll es wieder ein Wachstum von 0,6 Prozent geben - trotzdem dürfte die Arbeitslosenquote auf 18,5 Prozent steigen. Das Staatsdefizit soll in diesem Jahr auf 5,5 und 2014 auf 4,0 Prozent sinken, während der Schuldenberg bis dahin voraussichtlich auf 124,3 Prozent anschwillt.

Zypern

Mit 8,7 Prozent dürfte das Bruttoinlandsprodukt in diesem Jahr so stark einbrechen wie in keinem anderen Euro-Land. "Das geht vor allem auf den dringlichen Umbau des Bankensektors zurück, der Kreditwachstum und Haushaltssanierung hemmt", befürchtet die EU-Kommission. "Unsicherheit belastet zudem die Binnennachfrage und Investitionen." 2014 soll die Rezession mit 3,9 Prozent deutlich schwächer ausfallen, die Neuverschuldung aber auf 8,4 Prozent steigen. Der Schuldenberg wächst bis dahin auf 124 Prozent. Er wäre dann mehr als doppelt so groß wie 2010.

„Dass das Schuldenproblem nicht von Beginn an energisch angepackt wurde“, heißt es unter anderem in dem Bericht, „hat Unsicherheit darüber verbreitet, ob die Eurozone in der Lage ist, die Krise zu lösen“.

Griechenland war das erste Mitglied der Eurozone, das in der Schuldenkrise Hilfen der internationalen Gemeinschaft erhielt. Im ersten Programm hatte Athen Notkredite in Höhe von 110 Milliarden Euro enthalten. Doch schnell zeigte sich, dass das nicht reichte: Im November 2012 wurde ein zweites Hilfspaket geschnürt, mit zusätzlichen Kredite von 165 Milliarden Euro.

In seinem Bericht vom Mittwoch, der sich um das erste Paket dreht, bezeichnet der IWF die Maßnahmen zwar grundsätzlich als „angemessen“ und „erforderlich“. Immerhin hätten sie Griechenland in der Eurozone gehalten und verhindert, dass die Krise auf andere Mitgliedstaaten übersprang.

Kommentare (100)

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Account gelöscht!

06.06.2013, 07:35 Uhr

Wieso waren die Auflagen zu hart, man haette eher auf deren Einhaltung pochen müssen.
Die hatten nicht mal ein Vernünftiges Steuereintreibesystem.
Es war einfach nicht nötig!
Bei einem Land mit solchen Einstellung muss man durchgreifen.
Deren Gehaelter müssen auf das Niveau vor dem Euro.
und das ist der absolute Hoechstwert, und der unterstellt, dass damals ein ausgeglichener Haushalt vorlag, was er nicht tat.

Account gelöscht!

06.06.2013, 07:51 Uhr

Man hat zusammengeführt was nie zusammen sein wollte und auch nicht zusammen gehört wenn es um eine Währung geht. Allein an dieser Stelle ist das Thema doch schon erledigt...alles andere sind Ausführungen vom Wunschdenken einer kranken Elite, mehr nicht. Die Griechen kommen aus dieser Falle nicht mehr heraus und andere werden mit herunterrasseln wenn alles klar wird.

Spanien ist futsch und wird weiter absacken, Italien ist längst im Eimer, nur wurde das noch nicht offiziell verkündet, Frankreich ist ebenso mit einem Bein tief im Eurosumpf und auch hier ists nur noch eine Frage der Zeit bis die offizielle Wahrheit zu Tage tritt. Belgien, Irland, Bulgarien, Slowenien....man muss es nicht aufzählen...wer die Länder selbst kennt und dort geschäftlich zu tun hat, weiss genau was los ist.

vandale

06.06.2013, 07:52 Uhr

Die IWF Vorsitzende La Garde ist Französin und natürlich in erster Linie Französin.

Französische Banken hatten sehr hohe Forderungen an Griechenland und so war es wohl der Gedanke des damaligen Präsidenten Frankreichs Sarkozy, dass Griechenland gerettet werden müsse.

Da man dies natürlich nicht mit der eigenen Staatskasse tun wollte, hatte man den IWF und natürlich Fr. Merkel und die EU, sowie die EZB unter ihrem französischen Präsidenten dazu motiviert.

Schade ist, dass Deutsche Politiker keine deutschen Interessen verfolgen.

Vandale

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